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Kultur als politischer Akt: Warum an Ostern das „Das Leben des Brian” zu schauen, die beste Entscheidung ist

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Wir schreiben das Jahr 2021 und „Das Leben des Brian” steht auf dem Index. Also zumindest auf einer ähnlichen Liste. Zusammen mit derzeit rund 700 anderen Filmen darf die Kultkomödie von Monty Python nicht an sogenannten „stillen Feiertagen” öffentlich in Deutschland gezeigt werden – also auch am Karfreitag, Karsamstag und Ostersonntag nicht.

Allerdings wurde zumindest in Baden-Württemberg das Karfreitagsverbot gekippt und Streaming- sowie das Fernsehprogramm gelten hierzulande nicht als „Öffentlichkeit”. Deshalb läuft „Das Leben des Brian” heute um 20.15 Uhr auf RTL II. Laut Gesetz praktisch unmöglich wäre das im Kino – Open-Air oder im Saal. Im Zuge des aktuellen Infektionsgeschehens wäre das zwar sowieso keine gute Idee. Aber davon abgesehen ist dieses Verbot – genauso wie das Tanzverbot – ein Problem, das einer aufgeklärten Gesellschaft nicht würdig ist.

Dass die Heiligen drei Könige den Stall verwechseln und aus Versehen bei Brian statt bei Jesus hereinschneien, Steinigungen als Freizeitbeschäftigung, die Volksfront von Judäa, die judäische Volksfront (Spalter!), Schwanzus Longus und die spanische Inquisition – als das ist vor allem eins: lustig und brillante Satire, die sich gekonnt zwischen Scharfzüngigkeit und Klamauk bewegt. Und sie macht das, was gute Satire eben so macht: Sie tritt nicht nach unten, sondern nach oben. Und dort oben ist nun mal die Kirche als institutionalisierte Form des Christentums mit einem nicht zu unterschätzenden Einfluss auf Politik und Gesellschaft und auf katholischer Seite einem teilweise irgendwo über dem Gesetz angesiedeltes Selbstverständnis – sowohl vor 42 (!) Jahren, als „Das Leben des Brian” Premiere feierte, als auch heute noch.

Den Finger in die Wunde legen – auch, wenn es wehtut

Ohne Frage: Die Religionsfreiheit ist und bleibt ein hohes Gut und ist völlig zu Recht im Grundgesetz verankert. Doch ein mindestens genauso hohes Gut ist die Kunstfreiheit, die nur einen Artikel weiter im gleichen Verfassungstext ihre unmissverständliche Erwähnung findet. Sie ist ein wichtiges Instrument in der kritischen Auseinandersetzung mit Politik, gesellschaftlichen Entwicklungen und eben auch institutionalisierter Religion. Und gerade die Kirche sollte auch während der Feiertage nicht von Kritik abgeschottet werden.

Der britischen Comedy-Truppe Monty Python ging es nicht darum, den Einzelnen persönlich für seinen Glauben anzuprangern. Nein, es geht, bei aller Albernheit, letztlich um Systemkritik. Und davon, als Kirchenmitglied Teil eines mitunter fragwürdig agierenden Systems zu sein, kann sich niemand frei machen. Den Finger auch an Tagen, an denen es vermeintlich unangenehm ist, direkt in die Wunde legen zu können, gehört zu den größten (Wieder-) Errungenschaften nach der Naziherrschaft.

„Das Leben des Brian” einzuschalten, ist ein politischer Akt

Denn Sprech- und Denkverbote – auch wenn Rechte gerne das Gegenteil propagieren – gibt es nicht. Die Meinungsfreiheit wird, genau wie die Religions- und Kunstfreiheit, im Grundgesetz zugesichert. Meinungsfreiheit bedeutet jedoch nicht, Problematisches unwidersprochen hinnehmen zu müssen. Und Problematisches gibt es in der Kirche wahrlich genug.

An Ostern „Das Leben des Brian” zu schauen, ist deshalb – und jetzt wird es leicht pathetisch – ein regelrecht politischer Akt. Und außerdem tut Lachen gut. Also: einschalten! Oder den Film bei Netflix streamen. Und always look on the bright side of life. Ins Kino können wir ja leider nicht.

Columbia Tristar
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