Highlight: „The Rocky Horror Picture Show“ ist eine zutiefst biedere, kopfschmerzige Bonbon-Ekstase

Popkolumne, Folge 16

Ronja von Rönne, Rammstein, Bettwanzen, Bahnhofs-Emo und Zombies: Die Popwoche im Überblick

LOGBUCH: KALENDERWOCHE 19/2019

In den vergangenen Wochen befand ich mich auf einer ausgedehnten Tour durch die Clubs des deutschen Planeten. Gern würde ich hier beim mächtigen Musikexpress von all den Erlebnissen berichten, von Zugaben, Bahnverspätungen, Crystal Meth, der Verfasstheit der Popliteratur – nur um dann zum Schluss galant den Affiliate-Link zum eigenen Buch einzuflechten. Aber, friends, wie sähe das denn aus? Wer needy Kolumnen lesen möchte, dem verlinke ich gern mal eine von Micky Beisenherz.

Nein, ich habe aus meiner privaten Fotokiste hier einfach nur mal dieses Bild für Euch. Meine Haut, nachdem ich auf der Tour im legendären Bettwanzen-Gasthof nächtigte:

MEME DER WOCHE: „Game of Thrones“ (was sonst?)

TESTIMONIAL DER WOCHE: Ronja von Rönne auf Banken-Promo

Letztens dachte ich noch: „Ach, der Ronja von Rönne, der tue ich vielleicht Unrecht mit meinem Ekel vor ihrem stinkenden Lebenswerk aus Schnöselinnentum und Anti-Feminismus.“ Keine Ahnung, was mich zu solchen Gedanken befleißigte – am Ende lag es wohl nur wieder daran, dass ich gehört hatte, RvR spiele immer noch Pokemon Go und wäre Level 40.

Diese Woche sah man die Berlinerin dann in einer Kampagne von Jung von Matt zugunsten der BayernLB – und zuungunsten von den ebenfalls im Spot ausgestellten Kindern. Erinnert mich bitte daran, wenn ich wieder auf den Trip kommen sollte, dass es bei der „Bloggerin, Journalistin, Moderatorin“ (Wikipedia) ja doch irgendwas zu holen gäbe. Es ist einfach nicht so.

THEMA DER WOCHE: Zombies bringen’s nicht mehr

Anfang des Jahrtausends befanden sich Untote richtig obenauf. Danny Boyle hauchte ihnen 2003 mit „28 Days Later“ hyperaktives Leben ein (alle plötzlich am Rennen), 2004 dann das große Remake von „Dawn Of The Dead“, außerdem fällt in diese Zeit ja auch die Wiederwahl von George W. Bush.

Der gute alte Zombie fungiert seitdem eben mitunter als Sprinter, erlebt auch komödiantische Hochs („Shawn Of The Dead“, „Juan Of The Dead“) und spielt eine wichtige Rolle in der Wachablösung von Spielfilmen hin zu Serien, die dieses Jahrzehnt prägt. „The Walking Dead“, diese Zombie-Lindenstraße im Wald, ist dabei bis heute aktiv.

Doch 2019 ist nicht nur dort alle Luft raus. Zu den zahlreichen Zombie-Serien, die den Walking-Dead-Hype weitertragen sollten („Z Nation“, „Fear The Walking Dead“), gesellt sich ganz aktuell „Black Summer“. In acht Folgen leine Suche nach Gegenmitteln und Ursachen, keine neuen Gesellschaftsmodelle, keine Auseinandersetzung mit den Zombies.

Und wenn nun „Black Summer“ die „Idee“ der Studios fürs nächste Zombie-Jahrzehnt liefern soll, dürfte sich niemand wundern, wenn man von diesem Genre bald nichts mehr Neues erleben wird. Denn es wird so erstmal wieder in der Versenkung verschwinden.

ZITAT DER WOCHE: Juli Zeh

„Väter wissen längst, dass Arbeit nicht mehr der Feind der Freizeit ist, sondern eine Verteidigungsstrategie gegen den Dauerzugriff der Kinder. Vom Urlaub werden sie sich in ihren Jobs erholen.“

Die kühle, elegante Sprache fasziniert ja besonders an „Neujahr“, dem aktuellen Roman von Juli Zeh. Ohne Wertungen, ohne Adjektivsalat wirken die Wahrheiten, die hier über Familie und Leben en passant einfach so mitlaufen noch mal besonders wirkmächtig.

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FILM DER WOCHE: „Summer of 84“

Auf den ersten Blick, ach Quatsch, über ganz weite Strecken erfreut man sich hier an einem Feelgood-Horrormovie der Marke 80s-ploitation. Eine Art geschlechtsreife Version des „Stranger Things“-Casts versucht vor amerikanischer Vorstadtkulisse einen Serienmörder zu überführen. Der keyboardige Soundtrack ist dabei genauso penetrant wie gut, der Look von Kids und Kulisse teilweise noch überauthentischer als bei eben „Stranger Things“. Nerd-Candy halt.

Kein Spoiler, allerdings eine Warnung: Seine High-School-Film-Leichtigkeit schüttelt „Summer of 84“ im letzten Drittel in einer fast schon irritierenden Intensität ab. Da ist der Spaß plötzlich richtig vorbei – und man ungeschützt drinnen in der Grausamkeit der US-Suburbs.

ALBUM DER WOCHE: The Get Up Kids – „Problems“ (Polyvinyl Records)

Vor 20 Jahren erschien mit „Something To Write Home About” das seinerzeit beste Rock-Album nach Grunge. Die Get Up Kids standen einem Insider-Trend namens Emo vor, der noch nichts zu tun hatte mit den frisurigen Jungs und Mädchen, die später unter gleichem Titel die Bahnhofsvorplätze bevölkern würden. Geiler als diese Platte wurde es nie mehr – und auch das (gefühlt) fünfte Comeback nun mit „Problems“ kann daran nichts ändern. Dennoch stellt es einen warmen Retro-Regenschauer dar.

Die Band aus Kansas hat, was sie lang verweigerte, Frieden gemacht mit ihrem Bubblegum-Trademarksound zwischen Power-Pop, Sehnsucht und Synthies. Wer die alten Get Up Kids mag, kann hier viel schönes Neues finden. Das Keyboard stand noch nie so sehr im Vordergrund wie hier, was das Zuckrige der Songs fast schon überbetont. Aber wer hat schon Angst vor Zucker?

DER VERHASSTE KLASSIKER: Rammstein

Rammstein
„Mutter“
(VÖ 2. April 2001)

Man muss es einfach mal sagen, wir Deutsche werden aber auch immer hart missverstanden! Nur weil man ein- bis zweimal einen Weltkrieg entfesselte und gern mit Handtüchern seine Liege am Pool reserviert, ist man schon ein grauenhaftes Monster in den Augen der Nachbarländer? Nachbarländer btw, die sich auch einiges zu Schulden kommen lassen. Aus Schweden stammt die beste Popmusik, Schweiz hat diese leckeren Fondues und Frankreich Zinédine Zidane, ok, das sind jetzt nicht die besten Beispiele, aber Ihr wisst doch, was ich meine!

Auch Rammstein haben darunter zu leiden. Aufgrund ihres stählernen Teutonen-Megakitschs mussten sie in den Neunzigern sogar aus der rechten Ecke starten. Skandal! Denn da gehört die legendär unsubtile Penis-Band aus Deutschland-Ost natürlich nicht hin. Gut, das Leni-Riefenstahl-Video damals… Doch nur weil man sich mit diesem Provo-Image in den Neunzigern eine stabile rechte Fanbase aufgebaut hatte, kann man es hinter verschlossener Tür doch schon immer alles eigentlich ganz anders gemeint haben.

Im Gegensatz zu den Onkelz haben die Testo-Ehrenmänner von Rammstein dann zum Glück die Ausfahrt Richtung Talkshow-Mainstream nehmen können. Spätestens mit der Platte „Mutter“ galt als Konsens: „Ey, muss man alles ganz anders verstehen! Die Typen sind total korrekt.“ Der geschundene Deutsche – auch der abseits der rechten Szene – durfte es sich von da an in der Übererfüllung aller Teutonenklischees bei der Band richtig gemütlich machen. Endlich mal ungestraft kokettieren, was für einen sagen- und zweifelhaften Ruf das eigene Land in der Welt immer noch genießt. Wir sind so krass und gefürchtet, wow! „Hier kommt die Sonne!“

Ein weiterer genialer Coup der Band ist natürlich auch, wie man es schaffen kann, immer wieder nicht nur dieselbe Platte, sondern quasi dieselben Songs aufzunehmen. Das aktuelle Skandal(schnarch)-Stück „Deutschland“ beginnt fast identisch mit dem Rammstein 90er-Hit „Du hast“.

Ach, und wer übrigens immer noch Zweifel hegen sollte an der Gesinnung der Band, dem sei das Buch „Heute hat die Welt Geburtstag“ von Keyboarder Flake empfohlen. Zwischen den Zeilen erfährt man hier, dass es der Band immer nur ausschließlich ums Ficken ging. Beruhigend!

– Linus Volkmann („Musikjournalist“)

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte von Linus Volkmann im Überblick.


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