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Kritik

„Little Women“: Aufgetaute Feel-Good-Story von Greta Gerwig

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Ach schade Schokolade, wäre das so ein Film, den man sich zuhause beim Streamingdienst seines Vertrauens reinziehen könnte, während man vor sich hinkränkelt, dann müsste hier kein einziges negatives Wort stehen. Denn in Erkältungsphasen ist der Kopf eh in Watte gepackt und man selbst generell etwas willenlos. Da wäre das Zweitwerk von Greta Gerwig ein netter Zeitvertreib. Alle Protagonist*innen sind gut drauf – und wenn’s mal nicht so ist, dann wird schnell Abhilfe geschaffen. Tiptop Nebenbei-Unterhaltung. Aber jetzt ist das nun mal keine Schmonzette auf irgendeiner Streamingplattform. Das ist allen Ernstes ein fresher Kinofilm. Oder anders gesagt: Die achte Verfilmung der stets autobiografisch eingefärbten Romane von Louisa May Alcott.

Eine Plot-Kurve, die höchstens als nett durchgeht

Wir beamen uns also zurück in die Mitte des 19. Jahrhunderts. Kostümzeit. Viele Hüte, Öfen zum Heizen, gestelzte Sprache und jede Menge Armut. In dieser Zeit schreibt Jo March (Saoirse Ronan) ihre Geschichten. Manchmal bringt sie mit ihrer Feder etwas Gruseliges, manchmal etwas Verrücktes, aber oft genug auch was Reales aufs Papier. Letzteres sind Geschichten über ihre Familie, insbesondere ihre drei geliebten Schwestern. Sie erzählt davon, wie Meg March (Emma Watson) unbedingt auf einen Ball gehen und dort ihren zukünftigen Mann treffen wollte. Mit ihr zusammen gehen wir zu der Zeit zurück, in der Amy March (Florence Pugh) vor lauter Wut Jos Kunst verbrannte, sie sich zerstritten und wie sich alle beständig um die kranke Beth March (Eliza Scanlen) sorgten.

LITTLE WOMEN – Official Trailer (HD) auf YouTube ansehen

Der Kosmos der Geschwister wird speziell durch ihre Mutter (Laura Dern) erweitert, die sich um die Leidenden in der Gegend kümmert. Immer wieder bezieht sie ihre Töchter in ihre guten Taten ein und lenkt so von ihren eigenen Problemen ab. Und während ihr Vater (Bob Odenkirk) im Bürgerkrieg gegen die Sklaverei kämpft, sind vor allem ihr Nachbar Mr. Dashwood (Tracy Letts) und sein Enkel Laurie (Timothée Chalamet) ihre Bezugspersonen. Zusammen verbringen sie alle viel Zeit, denn zusammen ist man schließlich weniger allein. Dadurch entstehen auch mal intensivere Blicke und Reibereien, die dem zwei Stunden und 15 Minuten langen Werk überhaupt erst seine Plot-Kurve geben.

Greta, da geht noch mehr!

Nach so einem Regie-Auftakt wie „Ladybird“ (2017) erwartet man eben etwas. Noch so eine Message mit Knall. Zwei Ausrufezeichen. Aber „Little Women“ schlunzt hauptsächlich so dahin. Der Bürgerkrieg ist etwas, von dem am Rande berichtet wird, der aber keinem Zuschauenden die Laune verhageln soll. Die Themen, mit denen ganz konkret in einer Szene gehadert wird, sind kleinerer Natur. Liebt er sie oder liebt er sie nicht? Liebt sie zurück beziehungsweise sollte sie zurücklieben? Wird das, was sie tut, für gut befunden und was, wenn nicht? Diese Tagebuch-Abenteuer wagen sich jedoch nie wirklich weit hinaus. Und wenn Chalamet den gewohnt selbstbewussten Aufreißer in einem Moment gibt, muss er eben im nächsten den treuherzig Wartenden mimen.

Florence Pugh: Instagram-Star und definitiv das Highlight des Films

Aber das ist Meckern auf hohem Niveau, denn das Leben der Familie wird so kuschelig inszeniert, dass man schon gerne diese Art von Feel-Good-Drama schaut – nicht zuletzt aufgrund des gefälligen Soundtracks von Alexandre Desplat. Alles ist herzlich, Saoirse Ronan ganz wie in „Ladybird“ starrköpfig und witzig zugleich. Als wahre Protagonistin erweist sich jedoch Florence Pugh. 2019 brüllte sie sich in „Midsommar“ durch die Gegend und spielte die Wrestlerin in „Fighting with My Family“. Mit „Little Women“ darf sich die Britin nun einem weitaus größeren Publikum in all ihren Facetten zeigen. Denn die 24-Jährige nölt kindlich herum, wenn sie nicht alleine sein will und bleibt dabei dennoch liebenswert. Sie gibt die Dame, sobald sie mit ihrer Tante (Meryl Streep) nach Paris reist, um dort zu malen und empfiehlt sich generell in diesem Look für alle möglichen Historienfilme. Ja und gerade wenn man glaubt, man würde die am meisten pubertierende March-Tochter ausreichend kennengelernt haben, holt sie zu den großen Emotionen mit geringstem Aufwand aus. Wer mehr von ihr sehen will, sollte sich unbedingt ihre Instagram-Story mit Kaktus Berry anschauen!

Fazit: Cheesy an der Oberfläche

Lachen, weinen, tanzen: Greta Gerwigs „Little Women“ deckt das alles mit einer beeindruckenden Nonchalance ab. Die Schauspieler*innen liefern ebenfalls sauber ab, aber dem Drama fehlt es einfach an Komplexität. An dem dringend benötigten Add-On, das es für einen guten Kinofilm 2020 gebraucht hätte.

„Little Women“ startet am 30. Januar 2020 in den Kinos.


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