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Kommentar

Maroon 5 und Travis Scott: Deshalb gibt es Streit um die Super Bowl Halbzeitshow

Lange wurde gemutmaßt und gemunkelt, nun ist es offiziell bestätigt: Die kalifornische Popband Maroon 5 wird in der Halftime Show des Super Bowls 2019 auftreten. Die Männer um Sänger Adam Levine sollen nicht nur 75.000 Zuschauer im imposanten Finalstadion, dem Mercedes-Benz Stadium in Atlanta, Georgia, sondern weit über eine Milliarde Fernsehzuschauer weltweit unterhalten.

Doch die Entscheidung der austragenden American-Football-Liga NFL trifft nahezu auf gar keine Gegenliebe – und es scheint so, als stünden selbst die Verantwortlichen nicht hundertprozentig hinter ihrer Wahl. Dafür spricht nicht nur, dass sie die Entscheidung pro Maroon 5 bis drei Wochen vor dem Super Bowl hinausgezögert haben, sondern dass sie ihnen mit Outkast-Rapper Big Boi und Travis Scott auch noch zwei in Atlanta überaus populäre Acts als Special Guests ans Bein binden.

Denn die Sache ist wie folgt: Die NFL hat Maroon 5 – glaubt man den Medienberichten aus den USA – schon vor einiger Zeit den Super-Bowl-Slot zugesichert. Die Kontroverse um Ex-Quarterback Colin Kaepernick, der mit dem Hinknien während der US-Hymne gegen die Politik gegenüber Schwarzen im Land protestierte und daraufhin seinen Job verlor, führte dazu, dass sich viele Schwarze vom ohnehin von Weißen geprägten Football und seinem Aushängeschild, der NFL, abwendeten. Um diese, metaphorisch gesprochen, verlorenen Schäfchen zurück zur Herde zu führen, verwarf die NFL ihre Pläne mit Maroon 5 und wollte eine Super-Bowl-Halftime-Show auf die Beine stellen, die der Stadt Atlanta, die zu über 50 Prozent von Schwarzen bewohnt wird und Heimat berühmter HipHop-Acts wie Outkast, T.I., Future und Ludacris ist, gerechter wird als die weißeste aller weißen Pop/Rock-Bands, Maroon 5.

Kooperation

Das Problem, mit dem die NFL konfrontiert wurde, war jedoch, dass eine ganze Reihe prominenter Musikacts, die die Football-Liga für ihre Diversity-Image-Kampagne vor den Karren spannen wollte, genau darauf keinen Bock hatten. So ließen sowohl Rihanna als auch Cardi B wissen, dass sie weiter hinter Colin Kaepernick stehen und ein Auftritt im Rahmen des Super Bowls damit für sie nicht infrage käme.

Zeitnot zwang die NFL also doch mit Maroon 5 als Headliner zu planen und zumindest einen Gastauftritt zu organisieren, der den Eindruck zulassen könnte, dass die NFL den Shitstorm – den Rapper Ludacris anheizte, als das Gerücht um Maroon 5 zu kursieren begann – wahrgenommen hat und tatsächlich ein Unterhaltungsprodukt für alle Bürger der USA sein will. Zumindest das ist der NFL mit dem Booking des Lokalhelden Big Boi und dem Rap-Superstar Travis Scott gelungen.

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Excuse me say what!? 😳

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Dass sich die Black Community mit diesem hingeworfenen Krümel nicht zufrieden gibt, artikulierte niemand so prägnant und offensiv wie Al Sharpton. Der Prediger und Bürgerrechtler wirft insbesondere Travis Scott, der sich in der Vergangenheit aktiv am Black Lives Matter Movement beteiligte, im Interview mit TMZ Doppelmoral vor: „Du kannst den Leuten nicht sagen, sie sollen hinter denen stehen, die protestieren und die Spiele boykottieren und dann sagen, ‚Aber irgendjemand sollte dort (beim Super Bowl, Anm.) auftreten und die Leute unterhalten.’“ Dass Travis Scott dem Auftritt erst nach einer 500.000-Dollar-Spende der NFL an die gemeinnützige Organisation Dream Corps, die unter anderem gegen Polizeigewalt kämpft, zustimmte, schweigt Sharpton jedoch aus.

So bleibt zu hoffen, dass die Super Bowl Halftime Show tatsächlich einen einenden Charakter entwickeln kann, Big Boi vielleicht sogar noch André 3000 für einen kurzen Bühnenbesuch begeistern kann und Maroon 5 schlussendlich ähnlich untergehen wie Coldplay 2016.

 


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