ME-Helden: Motörhead

von

In unserer neuen Serie ME-Helden porträtieren wir Bands, die unser Leben beeinflusst haben. Den Auftakt bildete Jim Morrison und seine Band The Doors – Musik aus den Sechzigern, die Pate stand für viele Gruppen, die nach ihnen folgten. Die weiteren Teile der Serie widmen wir jüngeren Bands oder Musikern, die die ME-Redakteure und unsere Leser prägten. Teil 2 drehte sich um die Pixies. Der dritte Teil widmete sich Brian Eno, der vierte sich Nirvana, der fünfte The Smiths, danach Kate Bush, zuletzt porträtierten wir The Cure.

Der achte Teil unserer Serie dreht sich um Motörhead.

Lemmy Kilmister, mittlerweile stolze 66 Jahre, hat nur eine Mission. Er will seine Version des Rock’n’Roll am Leben halten. Kompromisslos, hart und gemein. Die Gesundheit ist ihm dabei genauso egal wie politische Korrektheiten. Hauptsache, es dröhnt. Mit dieser Haltung gründete er 1975 die lauteste Rockband der Welt, die seitdem allen Genrewechseln widerstanden hat. Die Geschichte von Motörhead reicht weit über die Musik hinaus. Sie steht für den Glauben an die Beständigkeit im Pop. 

Er ist spielsüchtig. Er ist sexsüchtig. Er ist Alkoholiker und Diabetiker und mit 66 Jahren viel zu alt für all den Scheiß. Wenn er nun aber professionelle Hilfe bekäme, wäre er wahrscheinlich bald so tot wie all die anderen Helden des Rock, die er längst überlebt hat. Er würde zu Staub zerfallen wie eine Mumie an der frischen Luft, die zuvor über die Jahrhunderte unverändert in ihrer Gruft schlummerte. Als er 2005 auf der Bühne wegen Dehydratation zusammenklappte, war seine einzige Reaktion, seinen Whisky künftig mit „mehr Eiswürfeln“ zu trinken. Lemmy Kilmister ist nicht nur ein musikalisches, sondern auch ein medizinisches Mysterium. 

Ein Rätsel ist auch sein Publikum. Ausgewachsene Rocker stehen auf Motörhead, solche mit und solche ohne Motorrad. Pubertierende Teenager stehen auf Motörhead, weil sie sich hier ein paar Muskeln leihen können. Und dann sind da noch die gut bezahlten Feuilletonisten unserer Zeit, Intellektuelle mit abgeschlossenem Studium und gut begründeten Meinungen. Die stehen auch auf Motörhead. Vielleicht, um sich einfach mal mit etwas Schlichtem, ganz und gar nicht Dialektischem den Kopf durchzupusten. Vielleicht aber auch, weil sie früher selbst pubertierende Jugendliche waren und längst Motorrad fahren würden, hätten sie davon nicht so eine schlechte Meinung. Es gibt sogar Frauen, die auf Motörhead stehen, und das sollen nicht die schlechtesten sein. Manche sagen, es seien die besten.

Kurzum: Es gibt heute kaum mehr jemanden, der keine oder gar eine schlechte Meinung von Motörhead hätte. Selbst Leute, die kaum jemals ein ganzes Album durchhören würden, zollen der Gruppe ihren Respekt. So wie man von Goethes „Faust“ gefälligst auch nur mit Ehrfurcht spricht, selbst wenn man das Werk nie gelesen hat. Man sollte eben ungefähr wissen, womit man es zu tun hat. Und wer das nicht weiß, der schweige stille – weil er sich sonst lächerlich macht wie einer, der mit den Beatles „irgendwie nichts anfangen“ kann. Motörhead gehören zum kulturellen Kanon unserer Zeit, und der Chef ist eine lebende Legende. Ein Denkmal für das universelle Prinzip Sex, Drugs & Rock’n’Roll, nicht aus Stahl, sondern, was verwunderlicher ist, aus Fleisch und Blut. Eine Ikone. Gott? Nein, den habe er „einmal auf einem LSD-Trip gesehen, und er ist größer als ich, wesentlich größer“. 

Zu den seltsamsten Eigenschaften des an seltsamen Eigenschaften nicht eben armen Lemmy Kilmister aber gehört, dass sein Mythos mit dem Alter nicht etwa verblasst ist, sondern mit jeder überlebter Tournee, mit jeder neuen Platte, mit jedem vollendeten Jahrzehnt an Strahlkraft noch zugelegt hat. Inzwischen umgibt ihn eine so blendende Gloriole, dass der Blick dahinter ohne schützende Sonnenbrille eigentlich nicht mehr möglich ist. Dazu kommt, dass der Mann inzwischen unter Gerüchten begraben ist wie unter den Trümmern eines eingestürzten Hauses. Zeit, ein paar Halbwahrheiten in Wahrheiten zu verwandeln und die neuesten Forschungs­ergebnisse der experimentellen Lemmologie zu präsentieren … 

Hatte Lemmy eine schlimme Kindheit? Ja. Und nein. Geboren als Ian Fraser Kilmister an Heiligabend 1945, wuchs er vor allem unter den Fittichen seiner Großmutter auf. Seine Mutter, eine Bibliothekarin, war mit dem Kind von ihrem Mann, einem ehemaligen Kaplan der Royal Air Force, sitzengelassen worden. Als Ian zehn Jahre alt war, heiratete die Mutter den Profi-Fußballer George Willis, der unter anderem für die Clubs von Plymouth und Exeter antrat. Gemeinsam zogen sie 1956 auf die walisische Insel Anglesey, in den Badeort Benllech. Mit dem Bus ging es jeden Morgen ein paar Kilometer die Küste entlang in die Ysgol Syr Thomas Jones School in Amlwch. Das düstere Gebäude erinnerte nicht nur an ein Militärhospital, es wäre auch, wenn der Weltkrieg länger gedauert hätte, als ein solches zum Einsatz gekommen. Eine Englischlehrerin ermunterte den Jungen, eigene Texte zu schreiben. Lemmy erinnert sich an sie mit Dankbarkeit: „Ohne diese Frau wäre ich heute nur ein weiterer Arsch, der an irgendeiner Tankstelle arbeitet.“

Nach seiner eigenen Aussage dürfte hier aus Ian auch erstmals „Lemmy“ geworden sein, angelehnt an den Satz „Le’me a fiver“ („Leih’ mir einen Fünfer“). Ian selbst hatte angeblich keine Ahnung, warum er so genannt wurde. Aber man weiß ja, wie Kinder sind. Der Junge hatte jedenfalls einen Spitznamen weg, der ein paar Jahrzehnte später zu seinem Markenzeichen werden sollte. Ansonsten darf man sich seine Kindheit als behütet vorstellen. Er lebte auf einer weitläufigen Farm mit zwei Pferden, die er auch gerne ritt. Ein sportlicher Jugendlicher mit den üblichen Träumen und den üblichen Problemen mit dem anderen Geschlecht. „Um die Mädels zu beeindrucken“, wie er später sagte, brachte er sich das Gitarrespielen bei, freilich mehr schlecht als recht. Sein Ziehvater starb im Mai 2011, aber den Verrat seines leiblichen Vaters hat Lemmy nie wirklich überwunden. Nicht ausgeschlossen, dass sein glühender Hass auf organisierte Religionen im Grunde auf dem schäbigen Verhalten seines Erzeugers beruht. 

Hatte Lemmy eine wilde Jugend? Das kann man wohl sagen. Mit 16 Jahren hörte der Knabe erstmals Little Richards, und vorbei war’s mit der Unschuld. Heute mögen dessen Songs („Tutti Frutti“, „Lucille“) bieder bis betulich klingen, in den späten 50er- und frühen 60er-Jahren waren sie eine Offenbarung. Blues, Gospel, Soul und Rock’n’Roll, dazu hartes Piano und exaltierter Gesang. Kaum hatte der kleine Lemmy Blut geleckt, fiel ihm auch schon Please Please Me von den Beatles in die Hände – ein Album, dessen Gitarrenläufe er angeblich Ton für Ton nachzuspielen lernte. Er pilgerte nach Liverpool in den Cavern Club, wo er die gerade aus Hamburg heimgekehrten Beatles live erlebte. Besonders beeindruckt war er vom sarkastischen Auftreten eines John Lennon, der das Publikum mit „Heil Hitler“-Rufen begrüßte und auch sonst um keine Provokation verlegen war.

Ungefähr zur selben Zeit lernte Lemmy ein Mädchen namens Cathy kennen, das auf der Insel urlaubte. Mit ihr kam’s erstmals zum Äußersten, und zwar „am Strand“, wie Lemmy sich erinnert, „es regnete und überall war dieser Sand, fürchterlich“. Den widrigen Umständen zum Trotz kam es dabei auch zum Alleräußersten, und Cathy brachte neun Monate später ihren Sohn Sean auf die Welt. Sie war zu diesem Zeitpunkt 15, er 17 Jahre alt. Dennoch folgte er Cathy in das Industriestädtchen Stockport im Großraum Manchester, wo gerade 400 Jahre Hutmacherei den Bach hinuntergingen. Schlechtes Timing. Das Kind wurde zur Adoption freigegeben. 

Lemmy jobbte unterdessen in einer Fabrik für Waschmaschinen und Kühlschränke, zog durch die Kneipen und Clubs – und heuert bei einigen Bands an, The Rockin’ Vickers, Sam Gopal, Opal Butterfly, und zeugte wie nebenbei einen zweiten Sohn, Paul, mit dem er heute noch Kontakt hat. 1967 zog er nach London, wo er jemanden kannte, der jemanden kannte, der dort eine Wohnung hatte, auf deren Boden er schlafen konnte. Der Kumpel hieß Noel Redding und sollte als Bassist für dieses Wunderkind berühmt werden, das gerade aus den USA nach Großbritannien übersiedelte: Jimi Hendrix. Redding besorgte Lemmy einen Job als Roadie, für sechs Monate zog er mit Hendrix durch England. Aufbauen, zuhören, abbauen, Geräte reparieren, die Hendrix zerstört hat. Er sagte: „Er war ein guter Kerl, aber immer absolut stoned.“ Für Lemmy war er als Gitarrist ganz klar „der Beste, den wir jemals sehen werden“. Sogar Eric Clapton habe hinter der Bühne gelauert und gelauscht, wie Hendrix das bloß anstellte: „Genau der Clapton, der heute als Gott gilt.“ Übrigens sei Hendrix „hinter der Bühne“ am besten gewesen, wenn er auf seiner zwölfsaitigen akustischen Gitarre improvisierte. Ein Standpunkt, den außer Lemmy kaum jemand teilte, bis die ersten Aufnahmen davon auf Youtube auftauchten.

Weil die psychedelische Band Hawkwind 1971 einen Bassisten suchte, ließ Lemmy die Experimente an der Gitarre sein und stieg eben als Bassist und Sänger ein. Genau hier begann seine eigentliche Karriere als Rockstar, wofür auch eines seiner klassischen Bonmots bürgt: „Das war eine großartige Zeit, der Sommer 1971 – ich kann mich nicht daran erinnern, aber ich werde es niemals vergessen.“ Hätte es zu diesem Zeitpunkt den legendären UFO Club in der Tottenham Court Road noch gegeben, Hawkwind würden heute vielleicht in einem Atemzug mit Soft Machine und Pink Floyd genannt werden. So aber machte sich die leicht verspätete Band mit ihren verschrammelten Klangexkursionen einen eigenen Namen, wobei für das Schrammeln vor allem der damalige LSD-Liebhaber Lemmy zuständig war: Er spielte seinen Bass wie eine Rhythmusgitarre, komponierte und sang – unter anderem „Silver Machine“, den größten Hit von Hawkwind (Platz drei der UK-Charts). Nicht auszuschließen, dass Lemmy damals bereits latent gelangweilt war von den ewig ausufernden Improvisationen, denen – nichts gegen Hawkwind – immer auch etwas Dumpfes beigemischt war.

Das Dumpfe war durchaus Lemmys Metier, nur schneller sollte es sein. Schneller! Noch schneller! Zeitzeugen beschreiben tumultartige Szenen auf der Bühne, weil Lemmy wesentlich LAUTER spielte als alle anderen, dabei aber damals schon so taub war, dass er oft seine Einsätze verpasste. Und doch schrieb er immer häufiger Songs, wie sie ihm vorschwebten, unter anderem eine temporeiche Nummer mit starken Anleihen beim Rockabilly. Der Titel erscheint als B-Seite von „Kings Of Speed“ und ist nach einem Szeneausdruck für einen Speed-Freak benannt: „Motorhead“.  

Mit Speed ist freilich nicht die Geschwindigkeit allein gemeint, sondern eine gute alte Droge auf Basis von Methamphetamin. Entwickelt in den 30er-Jahren von den Temmler-Werken, ging der Stoff unter dem Markennamen „Pervitin“ erstmals im Zweiten Weltkrieg weg wie warme Semmeln. Es macht klar und wach, ohne die Selbstüberschätzung, die mit dem Kokain einhergeht. Rund 40 Millionen Pillen ließ die Wehrmacht allein während der ersten beiden Feld­züge in Polen und Frankreich an die Landser verteilen, bevor sie nach einigen schlechten Erfahrungen 1942 dann doch noch verschreibungspflichtig wurden. In „Motorhead“ setzte Lemmy der Droge ein Denkmal: „Sunrise, wrong side of another day / Sky high and six thousand miles away / Don’t know how long I’ve been awake / Wound up in an amazing state / Can’t get enough / And you know it’s righteous stuff / Goes up like prices at Christmas / Motorhead, you can call me Motorhead, alright.“ 

In den kommenden Jahren sollte das Speed zur entscheidenden Droge werden, wichtiger noch als der berüchtigte Jack-Daniels-Mix mit Coca-Cola. Lemmy selbst mag noch heute keinen Missbrauch einräumen, sondern spricht lieber von einem regulären Gebrauch: „Ich habe erstmals Speed genommen, weil es eine nützliche Droge war, die dich wach hielt, wenn du wach bleiben musstest (…) Wenn du neun Stunden in einem verschwitzten LKW nach Glasgow fährst, dann fühlst du dich auf der Bühne wirklich nicht mehr hell und lebendig. Es ist die einzige Droge, mit der ich zurechtkomme, und ich habe sie alle ausprobiert – außer Smack und Morphium. Ich spritze nicht.“ 

Tatsächlich hat er vom Heroin immer die Finger gelassen: „Einmal wohnte ich mit einem schlauen Mädchen zusammen, das sich einfach mal aus Neugier einen Schuss setzen wollte. Drei Jahre später war sie tot.“ Und in der britischen Zeitung „Telegraph“ kritisierte er den ansonsten von ihm verehrten Keith Richards: „Heroin hat ihn jahrelang ruiniert. Alles ist okay, dieses funky Keith-Business, aber wie viele Leute hat er beeinflusst? All diese jungen Typen, die es, beeindruckt von Keith, auch tun wollten. Du musst doch verdammt noch mal auch ein wenig Verantwortung übernehmen, oder? Jesus!“ Mehrere Quellen bestätigen übrigens, dass Lemmy bei Motörhead-Tourneen in den USA in „Problemvierteln“ kostenlose Tickets an junge Obdachlose verteilt, den Leuten nach dem Konzert eine warme Mahlzeit spendiert und ihnen dann rät, sie sollten ruhig trinken, rauchen oder einschmeißen, wonach ihnen der Sinn steht – alles, außer Heroin. So sieht Wohltätigkeit aus im Kosmos des Lemmy.

Aber zurück zu unserer Geschichte, die 1975 an der US-Grenze bei Detroit eine unerwartete Wendung nimmt: Lemmy, auf Tour mit Hawkwind, fiel kanadischen Zöllnern auf. Sie durchsuchten sein Gepäck und fanden größere Mengen weißen Pulvers. Wegen des vermuteten Besitzes von Kokain kam Lemmy für fünf Tage in den Knast, Untersuchungshaft. Es stellte sich heraus, dass das weiße Pulver kein Heroin ist. Sondern, natürlich, Speed. In Kanada nur eine Ordnungswidrigkeit. Die Kollegen bei Hawkwind reagierten auf diese Affäre reichlich verschnupft – und setzten ihr Problemkind kurzerhand vor die Tür: „Also fuhr ich nach Hause und gründete meine eigene Band. Das Beste, war mir je passiert ist.“

Diese eigene Band sollte ursprünglich „Bastard“ heißen, wurde aber auf Betreiben von Lemmys damaligem Manager, der in diesem Namen keine Zukunft sah, in Motorhead umbenannt. Lemmy tupfte schließlich noch die beiden Umlaute über das zweite o, weil „ö“ in seinen Augen „irgendwie brutaler, deutscher“ wirkt. Und er kündigte – wie immer recht vollmundig – an: „Es wird die schmutzigste Rock’n’Roll-Band der Welt sein. Wenn wir nebenan einziehen würden, würde das deinen Rasen ruinieren.“ Das erste Konzert ging am Sonntag, dem 20. Juli 1975, über die Bühne des Londoner Clubs The Roundhouse. Der Auftritt begann mit einer Hitler-Rede vom Band und holperte entsprechend weiter – die meisten Leute wollten eigentlich den Headliner sehen, die Jazz-Progrocker Greenslade. Technische Probleme im Vorprogramm von Blue Öyster Cult im Oktober brachten Motörhead das zweifelhafte Attribut ein, die „schlechteste Band aller Zeiten“ zu sein, was in einem gewissen Widerspruch zu Lemmys Ankündigung stand. Das erste Album, On Parole, wird bereits 1975 hingerotzt, erscheint wegen Schwierigkeiten mit der Plattenfirma aber erst 1979. 

Damit waren Motörhead nur nominell und unwesentlich später dran als die Ramones, neben den New York Dolls Urväter des Punk. Der dreckige, laute, knackige Sound jedenfalls explodierte wie ein Sprengsatz in einer musikalischen Welt, die von psychedelischen Prog-, Art- oder Fusion-Rock-Bands dominiert wurde. Das hehre und immer häufiger auch leere Kunstwollen von Gruppen wie Genesis, ELP oder Yes sollte hier mit Wucht beiseitegewischt werden. Hier waren die Songs kürzer als anderswo die Gitarrensoli, es gab kein Theater auf der Bühne, keine Querflötentöne, keine Anleihen bei Mussorgski, keine Schnörkel und keine Texte über Mordor, Elfen oder die Weiten des Weltalls. Mit dem Punk verband Lemmy, der später Songs wie „R.A.M.O.N.E.S.“ komponieren sollte, immer eine gewisse Sympathie. Und doch waren Motörhead aus anderem Holz geschnitzt, aus älterem Metall gegossen: Rock’n’fuckin’Roll. 

In der Musik selbst war es damals vor allem Lemmys Stimme, die Motörhead von Zeitgenossen wie auch von der „New Wave Of British Heavy Metal“ absetzte. Kein Schönklang mit Hang zum Falsett, sondern ein gemeines Grummeln aus den Tiefen der Kehle, dunkel und angestrengt, als schleppe der Sänger gerade einen Sack Zement – oder das Gewicht der Welt – auf seinen Schultern. Auch optisch wirkte der Lemmy der Siebziger (der sich vom Lemmy unserer Tage kaum unterscheidet) wie aus der Zeit (oder vom Motorrad) gefallen. Dunkles Leder, silberne Schnallen, Offiziersmütze oder Cowboyhut zu Cowboystiefeln. Die Texte waren ebenso sinister wie die Stimme, die sie vortrug, und erzählten von Verlierern, Krieg und anderen Zerstörungsfantasien. Motörhead erschien 1977, und trotz zahlreicher Besetzungsänderungen hat sich an den Elementen der Musik bis heute nichts geändert. Die Dinge fielen zu jener Zeit alle an den richtigen Platz. Fertig.

Genau das, ihre geradezu stumpfsinnige Beharrlichkeit und Beständigkeit, ist ihr wesentliches und eigentliches Merkmal. Auf diesen Rock’n’Roll, wie er war und sein sollte, konnte sich Thrash-Metal ebenso berufen wie Punk. Motörhead sollten in den folgenden Jahrzehnten mal in die eine (Another Perfect Day), mal in die andere Richtung (Ace Of Spades) schwenken – ihrem Kurs blieben sie immer treu. Sieben Monate im Jahr ist Lemmy auf Tournee, mit geradezu proletarischem Arbeits-Ethos. Motörhead sind mehr als alles andere eine Live-Band. Wer sie noch nie erlebt hat, hat sie nicht verstanden: Das Live-Album No Sleep ’Til Hammersmith ging 1981, befeuert vom Hit „Ace Of Spades“, in Großbritannien auf Platz eins der Charts und ist auch heute noch der ultimative Schlüssel zum Werk der Gruppe. Und noch immer begrüßt Lemmy, genau wie damals, Abend für Abend sein Publikum mit dem vielleicht trockensten Satz der Musikgeschichte: „We are Motörhead and we play Rock’n’Roll“. Der viel zitierte Scherz, die Band spiele im Prinzip „seit 35 Jahren denselben Song“, ist dabei dennoch nicht ganz richtig, wie Lemmy selbst anmerkt: „Warum? Eine gute Vision ist es wert, dass man daran festhält. Während wir also im Kleinen durchaus variieren, ändern wir nie die Hauptrichtung. Weil wir es am Leben halten müssen, Mann. Rock’n’Roll verdient es, am Leben gehalten zu werden. Und wir scheinen die einzigen Typen zu sein, die sich das wirklich zu Herzen nehmen.“

Lemmy ist, auch wenn er aus anderen Zeiten zu uns herüberragt wie ein Stahlwerk aus dem vergangenen Jahrhundert, ein Mann unserer Zeit. Er hat nicht mit 2 000 Frauen geschlafen, wie oft behauptet wird, sondern „nur“ mit 1 200, wie er der Zeitschrift „Maxim“ gestand. Zu jeder einzelnen dieser Frauen sei er „anständig“ gewesen, denn: „Gute Manieren kann jeder haben, sie kosten nichts.“ Wenn er nicht auf Tour ist, hockt er in seinem dramatisch zugerümpelten Zwei-Zimmer-Appartement am Sunset Strip. Dort liest er mit Vorliebe historische Bücher über den Zweiten Weltkrieg. Er weiß sogar, dass die beste Hitler-Biografie die von Joachim Fest ist. Filme sieht er nicht so gerne, das seien „die Vorstellungen anderer Leute“, er mache sich lieber selbst so seine Gedanken. 

Über seine Sammlung von NS-Devotionalien – Messer, Standarten, Flaggen, Abzeichen, Mützen und Uniformen – ist viel spekuliert worden. Sollte der Sammler eines Tages wirklich sterben und die Sammlung aufgelöst werden, der Markt würde wohl zusammenbrechen. Lemmy verweist darauf, dass er den „Rassismus einfach nicht versteht“, schon 1967 eine schwarze Freundin hatte und ihn vor allem die ästhetischen Aspekte des Rassismus interessieren. Für Deutsche (oder gar Juden) ist diese Leidenschaft schwer verständlich – bis man sich klarmacht, dass andere Clowns aus der Szene womöglich satanischen Symbolen und dem Antichrist huldigen, der bodenständige Lemmy es aber lieber mit der ganz realen Manifestation des Bösen in dieser Welt hält. Hockt er nicht daheim, dann hockt und zockt er an einem der Spielautomaten im gegenüberliegenden „Rainbow“-Club. Seine Ferien verbringt er an Spielautomaten in Las Vegas. Sein Zuhause ist das Transitorische, der Durchgang. Heimisch fühlt er sich, wenn überhaupt, nur auf der Bühne. Er muss, wie ein Motorradfahrer, immer in Bewegung bleiben, weil er sonst umfällt. Nun ist das schon so lange gut gegangen, dass der 66-Jährige inzwischen selbst nicht mehr glaubt, ihn könnte irgend­etwas umwerfen: „Ich falle nicht tot um – ich verpuffe.“


„Stranger Things“- Fan: Kate Bush erlaubte „Running up that Hill“ als Soundtrack
Weiterlesen