Highlight: Mit Rammstein, Tool, The Cure und Die Ärzte: Eure musikalischen Hoffnungen für 2019

Jahresrückblick und-vorschau

(K)ein Requiem auf den Musikjournalismus

„Im Rockjournalismus basteln Leute,
die nicht schreiben können,
aus Interviews mit Leuten, die nicht reden
können, Geschichten für Leute,
die nicht lesen können.“
– Frank Zappa (1940–1993) in „Sounds“, Januar 1978

Ein Schlüsselmoment in meiner Laufbahn als Musikjournalist ereignete sich im Sommer des Jahres 2011. Ich hatte das vierte Album der englischen Indie-Rock-
Band Kaiser Chiefs, THE FUTURE IS MEDIEVAL, besprochen und für belanglos befunden. Ein verärgerter Fan der Band (damals hatten die Kaiser Chiefs
offenbar noch Fans) schrieb daraufhin eine Mail und triumphierte, dass dank der Segnungen des Internets niemand mehr darauf angewiesen wäre, was „ein Albert
Koch“ über eine Band zu schreiben hätte.

ME-Chefredakteur Albert Koch

Übersetzt hieß das: Die grenzenlose Verfügbarkeit des Primärmediums (Musik) macht das Sekundärmedium (Musikzeitschrift) obsolet. Dankenswerterweise hatte der Leser – wahrscheinlich ohne es zu wollen – das Dilemma des Musikjournalismus in den Zehnerjahren in einem Satz ausgedrückt und die unterschiedlichen Ansprüche von Journalisten und Lesern formuliert. Während die einen um „cultural studies“, Einordnung und Analyse bemüht waren, wollten die anderen nur nackte Informationen: Wer veröffentlicht wann ein Album? Wie klingt es? Und diese Informationen bekamen sie tatsächlich im Internet.

2018 wird als schwarzes Jahr in die Geschichte des Musikjournalismus eingehen. Im März erschien die letzte Printausgabe des „New Musical Express“ (NME), die traditionsreiche englische Musikzeitschrift hatte nach 66 Jahren ihr Erscheinen eingestellt, nachdem sie seit September 2015 als kostenloses Heft inhaltlich sowieso nur noch ein Schatten ihrer selbst gewesen war. In seinen Hochzeiten war dem „NME“ keine Band zu klein, um sie nicht auf den Titel zu nehmen und damit einen beispiellosen Hype zu entfachen, der abgeschwächt auch nach Deutschland herüberschwappte.

Der „NME“ hat Generationen von Musikhörern musikalisch sozialisiert. England, das Mutterland der Popmusik, und der „NME“ waren nicht nur als Verursacher von musikalischen Hypes Deutschland voraus, sondern auch was das Musikzeitschriftensterben betrifft. Dem „NME“ folgte im Juli das Magazin „Intro“ – eingestellt nach 26 Jahren. Das einst belächelte Kostenlos-Magazin hatte sich im Laufe der Jahre zu einem ernsthaften Mitbewerber auf dem Musikzeitschriftenmarkt entwickelt.



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