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Konzertbericht

Nick Cave live in Wien: Sie umarmen und sie küssen ihn

Die siebenköpfige Mannschaft auf der Bühne arbeitet mit Hochdruck daran, die Wände zum Einstürzen zu bringen. Der Pianist betrachtet die Klaviatur seines Keyboards als Schnitzel und seine Fäuste als den dazugehörigen Schnitzelklopfer. Ein Methusalem führt dazu einen Tanz mit seiner Violine auf. Und ganz vorne presst ein hagerer Mann im Anzug einen unheiligen Schrei aus seiner Kehle: „MÜÜÜÜÜAAAARRRRGHHHH!!!!!“

Nick Cave & The Bad Seeds gastieren in der Wiener Stadthalle. Vor kurzem hat hier der wohl unvermeidliche nächste Bundeskanzler Österreichs, Sebastian Kurz, seinen Wahlkampfauftakt vor Tausenden Fans gefeiert. Sein Vorgänger Christian Kern dürfte eher Nick-Cave-Fan sein. „Aus gegebenem Anlass: Welcher ist eigentlich der großartigste, bewegendste Nick-Cave-Song?“, twitterte Kern am Tag vor dem Konzert. Die richtige Antwort lautet übrigens: „Nobody’s Baby Now“.

Händchenhalten mit dem Meister

Doch das bleibt an diesem Abend leider ungespielt. Nick Cave ist nicht hier um ein Best-Of-Programm herunterzunudeln. Stadthalle hin oder her. Man kriegt Nick Cave aus dem Underground, aber den Underground nicht aus Nick Cave. Oder so. Die erste Stunde des Abends steht also im Zeichen des immer noch aktuellen Albums SKELETON TREE und schwer verdaulicher älterer Kost wie „From Her To Eternity“ und „Tupelo“. Cave predigt diese Lieder mehr als dass er sie singt.

Seine Jünger in den ersten Reihen recken und strecken sich für ein paar Sekunden Händchenhalten mit dem Meister. Warum sich der dann ausgerechnet ein kleines Mädchen auf die Bühne holt, weiß der Teufel. „Looka yonder! Looka yonder!“, flüstert er dem Kindlein zu. Verunsichert schaut es zu seiner Mutter: Mama, wer ist der böse Mann? Momente später taucht der weiter hinten wieder auf und kreischt wie ein Irrer: „The Beast it cometh, cometh down!“ Bei Wanda wäre das nicht passiert!

Eine Stimmung wie bei einem Wahlkampfauftakt

Vor 19 Jahren hat Cave an der Wiener Schule für Dichtung die Kunst des Liebeslieds gelehrt. Heute hält er seine romantischen Stücke zurück, bis die plüschrosa Beleuchtung angeht. Der „Ship Song“ segelt herein, gefolgt von „Into My Arms“, das der Einsamkeit eines Mannes am Piano entrissen und in die Mehrzweckhalle geworfen ein bisschen von seiner Magie verliert. Niederschmetternd sind die neueren Stücke. „Nothing really matters when the one you love is gone“, klagt Cave im hypnotischen „I Need You“. Er hat seinen Sohn verloren, nicht seinen Humor. Einem ergriffenen Konzertbesucher ruft er zu: „You look like you’re having the worst day. You want me to put out a special chair for you or something?“ Die Sitzgelegenheit, die er ihm dann hinstellt, heißt „The Mercy Seat“. Dazu reicht er Zeilen wie: „They told us our gods would outlive us, but they lied.“ Ob‘s dem kleinen Regengesicht ein bisschen geholfen hat?

Im Zugabenblock wird Cave dann ganz Entertainer, verstrickt das Publikum beim „Weeping Song“ in heitere Klatschübungen, muss aber bald feststellen, dass man den Wienern Romantik leichter beibringen kann als Rhythmus. Begeistert sind sie trotzdem, als er sich kurz vor Schluss die halbe Halle auf die Bühne holt. Sie umarmen und sie küssen ihn. Eine Stimmung wie bei einem Wahlkampfauftakt. Nick Cave for Bundeskanzler. Schön wärs!

Will man seinen Popstar Nick Cave tatsächlich so verzweifelt sehen? Ja, man will!


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