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Im Gespräch

Nina Hoss im Interview: „Ich bin permanent auf der Seite der anderen“

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Was tun bei all der Wut? Der Angst? Den Sorgen? In „Pelikanblut“ spielt Nina Hoss eine Frau, die sich dafür entschieden hat, zu adoptieren. Nach dem ersten Kind soll noch eines her. Doch dieses überfordert sie mehr als gedacht mit seinen Wutanfällen, mit Manie und purer Gewalt. Die 45-jährige Schauspielerin wollte unbedingt in der Romanverfilmung, die am 24. September in den Kinos anläuft, mitspielen. Die Mischung aus „Horror und Realem“ hatte sie sofort „in ihren Bann gezogen“. Im Gespräch geht sie ins Detail über die Gefühle zu ihrer Figur Wiebke, über die Berufskrankheit Empathie sowie über das Problem mit dem Loslassen-Können.

Die 1975 in Stuttgart geborene Schauspielerin lebt mittlerweile in Berlin.

Nina, von all den Drehbüchern, die Du so zugeschickt bekommst: Wieso hat Dich genau das zu „Pelikanblut“ gekriegt?

Weil ich schon die Buchvorlage in einem Rutsch und mit offenem Mund durchgelesen habe. Ich hoffe beim Lesen immer auf unerwartete Momente und „Pelikanblut“ ist voll davon. Ich wurde regelrecht nervös von den vielen lebensbedrohlichen Situationen, die die Geschichte zu bieten hat. Genau wie mein Charakter Wiebke wird man beim Lesen oder Schauen hin- und hergeworfen. Sie hat ein Kind adoptiert, mit dem es immer schwieriger wird, aber sie will die Verantwortung übernehmen – bis zum bitteren Schluss.

Wiebke hat auch ihre eigenen Probleme. Sollte man sich nicht erst selbst helfen, bevor man anderen hilft?

Sie arbeitet ja auch an sich, aber eben zusammen mit dem Kind. Wiebke sagt sich: ‚Du forderst mich heraus, ich nehme die Herausforderung an.‘ Also probiert sie viel aus und schaut, was funktioniert.

Entsprechend der Optimierungsgesellschaft, die sich nicht erlaubt zu sagen: ‚Ich kann das nicht.‘

So ein Versagen geht nicht, richtig. Aber Hilfe holen ist schon möglich.

Nina Hoss will beim Spiel nicht nur an der Oberfläche ihrer Figur kratzen.

Was meinst Du, woran liegt es, dass Mütter gerne mal im Zentrum eines Horrorfilmes stehen? Ich denke da an „Mother“ oder auch „Rosemaries Baby“. 

Da könnte man über die Überforderung der Mütter nachdenken. Einer leiblichen Mutter hätte man nie das gesagt, was Wiebke zu hören bekommt: ‚Dann gib sie doch weg! Wenn es zu viel wird, lass‘ es sein. Das hat nichts mit dir zu tun.’ Aber wenn einem das leibliche Kind zu viel wird, wird der Fehler bei der Mutter gesucht. In dem Thema steckt viel Verletzlichkeit, aber auch eine gewisse Erwartungshaltung, wie man als Mutter zu sein hat. Wird dem nicht entsprochen, kann schnell Überforderung entstehen – und die kann in Horror übergehen. Die Situation muss ja trotzdem bewältigt werden. Aber für mich ist das nicht nur Horror, sondern auch ein Film über Empathie.

„Ich bin von Hause aus ein emphatischer Mensch.“

Hat Dich der Film emphatischer werden lassen?

Ich bin von Hause aus ein emphatischer Mensch. Mich interessiert, warum jemand ist wie er ist, warum auf eine bestimmte Weise reagiert wird, woher Depressionen oder sonstige Gefühlslagen rühren. Ich bin permanent auf der Seite der anderen. Das ist, glaube ich, eine Berufskrankheit. Man arbeitet wie ein Psychologe, begreift dadurch mehr. Ich liebe das am Film, dass man in Extreme hineingehen kann und gleichzeitig damit diese poetische Form der Themenarbeit hat.

Du beziehst das gerade so auf den Film. Wieso sieht man Dich, mal abgesehen von „Homeland“ und „Criminal Deutschland“, gar nicht in Serien? Magst Du die nicht?

Doch, sehr. Ich habe gerade erst „Shadowplay“ gedreht. Das ist eine internationale Produktion, die 1946 in Berlin spielt. Eine komplexe, schöne, brutale, aber auch hoffnungsfrohe Serie. Bei uns wird sie im ZDF noch in diesem Jahr erscheinen. Taylor Kitsch spielt die Hauptrolle, Michael C. Hall, Mala Ende und Sebastian Koch sind auch dabei. Also ein gutes Ding. Dennoch ist es sonst so, dass man neben dem Theaterspielen keine Serien machen kann. Es sei denn, man ist Lars Eidinger. (lacht) Aber keine Ahnung, wie er das alles gleichzeitig schafft. Wer in einer Serie die Hauptrolle spielt, ist sechs Monate dafür geblockt.

Du musstest also erst Freiräume für die Serie schaffen.

Richtig, ich habe zum ersten Mal in meinem Leben eine Theaterpause eingelegt. Dadurch konnte ich vier Filme und diese Serie drehen. Ich war auch viel unterwegs, was eben nur geht, wenn man aktiv dafür Platz schafft. Ich musste meine Prioritäten verschieben. Das heißt aber nicht, dass ich nicht wieder Theater spiele.

Nina Hoss spielte auch von 2014 bis 2017 in der US-Serie „Homeland“ mit.

Schaust Du selbst am liebsten Filme, Serien oder findet man Dich nur im Theater?

Ich muss gestehen, dass ich im Moment ein bisschen weg bin vom Theater. Aber zwischen Film und Serie hält es sich die Waage. Für mich ist eine Serie wie ein Roman und ein Film wie eine Novelle. Roman deswegen, weil man eine Episode lang einer Nebenfigur folgen kann, in der nächsten Folge wieder einem anderen Seitenstrang, sodass sich da nach und nach eine ganze Welt vor einem entblättert. Beim Film ist das konzentrierter: Für rund zwei Stunden taucht man da in ein anderes Leben ein. Es ist eine Einladung zum Miterleben und sich ins Verhältnis zum Gesehenen zu sehen. Das liebe ich.

Welche Serie bekommt dieses Ganze-Welt-Erschaffen Deiner Meinung nach besonders gut hin?

Auf jeden Fall „The Handmaid’s Tale“.

„Wenn man der Aggressor ist, erlebt man zwar nichts Schönes, hat aber immer die Situation in der Hand.“

Das Thema Wut wird sowohl in „The Handmaid’s Tale“ als auch in „Pelikanblut“ auf sehr spannende Weise aufgegriffen.

In „The Handmaid’s Tale“ ist das eine Wut, die Kräfte freisetzt und mutig macht. Für mich ist das eine wichtige Wut. Bei „Pelikanblut“ würde ich von einer Wut sprechen, die bei dem Mädchen aus absoluter Angst und Überforderung heraus entsteht. Man muss ja davon ausgehen, dass sie nie eine Situation hatte, in der sie sich hat fallen lassen können. Sie konnte nie ein Urvertrauen entwickeln. Und wenn Menschen Angst haben, zeigen sie oft Wut, um gar nicht erst in die Situation zu kommen, in der sie keine Kontrolle haben. Wenn man der Aggressor ist, erlebt man zwar nichts Schönes, hat aber immer die Situation in der Hand.

Also braucht jeder einen Moment, in dem die Möglichkeit des Loslassens gegeben ist, dann wird’s schon gut?

Schon, aber man kann nur Loslassen, wenn man weiß, dass man aufgefangen wird. Sonst macht das keiner. Wir Menschen sind ja auch irgendwie Fluchttiere. Wir nehmen immer das Schlimmste an. Wie jetzt mit Corona. Ob wir wollen oder nicht, jeder hat gerade seine eigene Überlebensstrategie. In „Pelikanblut“ ist die Aggressivität die Überlebensstrategie des Kindes.

Das Interview fand Anfang März statt, nur kurze Zeit vor dem Corona-bedingten Lockdown.

„Pelikanblut“ startet am 24. September in den deutschen Kinos. In dem Drama spielt Nina Hoss die Protagonistin Wiebke, die einen Reithof betreibt und zudem Training für Polizeipferde anbietet. Nachdem sie bereits eine Adoptivtochter hat, entscheidet sie sich dafür mit Raya (gespielt von Katerina Lipovska) ein weiteres Mädchen zu sich zu nehmen. Die Fünfjährige macht ihr und der neuen Schwester jedoch mit ihren Aggressionen, Ausfällen und Experimenten so das Leben schwer, dass Wiebke immer wieder neue Wege finden muss, um zu dem Kind durchzudringen – leider nicht unbedingt mit Erfolg.

Foto: Hella Wittenberg
Foto: Hella Wittenberg
Foto: Hella Wittenberg

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