Spezial-Abo
Highlight: Musiker erzählen von den Abenteuern, die sie erlebt haben als die Berliner Mauer fiel

Popkolumne, Folge 43

Warum der „Tatort“ aus Münster gerne der „Juice“ folgen darf: Die Popwoche im Überblick

LOGBUCH: KALENDERWOCHE 48/2019

Besuche erstmalig das Europaviertel in Brüssel. Alles sieht ziemlich futuristisch aus, wie die Kulisse von dem Actionkracher „Minority Report“ (starring Tom Cruise). Bestelle in einem überteuerten Parlamentarier/Hipster-Café einen Tee und ein Croissant. Als unkosmopoliter Provinz-Vogel tue ich das auf Englisch („One tea, one croissant“). Die Bedienung im Corporate-Outfit schaut mich lange an, um dann endlich voller Weltekel zu erwidern: „Parlez-vous francais?“ Eigentlich nicht, aber versuche mein Bestes: „Un thé, un croissant“. Er scheint zu denken: „Geht doch, Bauer.“

Um mich herum nur schnittige Polit-Iltisse mit Avocado-Swag, die über ihre kostbare Bürosituation am Platz sprechen. Croissant und Tee kosten ungefähr 200 Euro. Ey, das nächste Mal wähle ich wieder rechts!

RELEASE-PARTY DER WOCHE: SPARKLING


Was macht eine lokale Band? Sie probt und spielt irgendwann im Club um die Ecke und noch mal und noch mal und irgendwann reicht es dann vielleicht sogar für die Nachbarstadt. Sparkling aus Köln haben sich mit diesem Graswurzel-Scheiß wirklich null aufgehalten. Ihre erste Tour machten sie in England, London und alles. Sparkling stellen die Utopie einer neuen Generation vor, die sich wirklich für Europäer hält und den nationalstaatlichen Kleinscheiß hinter sich gelassen hat. Wenn das Helmut Kohls Leiche oder der Typ in dem Café in Brüssel wüssten!

Sparkling bespielen aktuell ihr Debüt-Album, diese Woche verschlug es sie (mit Wyoming als Vorband) zum Heimkonzert ins wiedereröffnete Gebäude 9, Köln. So viel juvenile Leidenschaft und so viel abgeklärte Tightness muss man erstmal auch noch mit einem dermaßen eigenständigen Songwriting zusammenbringen. Geiler war’s in den Nullern auch nicht bei !!! oder Franz Ferdinand. Wenn Annett Scheffel vom Musikexpress Euch je fragt, was die Acts to watch 2020 sind, dann erwähnt auf jeden Fall diese drei Bros mit der kastanienfarbenen Ausstrahlung.

GOODBYE DER WOCHE: JUICE MACHT PRINT ZU

Die Kollegen von der HipHop-Presse, oft haben sie mir bei Presseterminen die Blättchen weggeschnorrt oder mir abends nach einem Event Jacke und Sneakers abgezogen. Doch bei all den Differenzen hatte ich immer ein Auge auf die „Juice“. Worüber wird wie geschrieben? Wie wird mit Rappern umgegangen, die sich homophob, sexistisch oder sonstwie ehrlos äußern – und ist mal wieder überhaupt keine Frau im Heft? Ach, mir wird was fehlen, wenn ich mich nicht mehr über die „Juice“ aufregen kann. Doch mit der aktuellen Ausgabe 195 endet nun die Print-Ära des Magazins. Im Netz geht es weiter, hoffentlich nicht als prekäre Schwundstufe, sondern als tragfähige Popjournalismus-Idee 2.0. Denn wer wenn nicht HipHop könnte diesen so ersehnten Präzedenzfall stemmen? Jetzt aber erstmal: Alles Gute, Papier-„Juice“!



Drinnen bleiben, durchdrehen, live gehen: Volkmanns Popwoche macht auch Hausbesuche
Weiterlesen