Highlight: Musiker erzählen von den Abenteuern, die sie erlebt haben als die Berliner Mauer fiel

Popkolumne, Folge 42

Schlager gegen Links, Feine Sahne Fischfilet vs. AfD, #Grammysnotsowhite: Die Popwoche im Überblick

Was auch immer Sie diese Woche runterziehen mag oder aus der Bahn wirft – denken Sie immer daran: Die Schriftart, in der Donald Trump seinen jetzt schon legendär irren Filzstift-Spickzettel für eine Rede abfasste, ist nun ein offizieller Font – mit dem Namen „Tiny Hands“.

Fail der Woche: Schlager gegen Links

Ok, Junge Union. Wer Millennials wie die Mitglieder der Jugendorganisation der CDU kennt, braucht keine Boomer mehr als Feindbild. So weit, so bekannt. Die JU-Gruppe in Berlin-Mitte sorgte jüngst für Riesenfreude im Netz, indem sie via Facebook zu einer Weihnachtsfeier unter ganz speziellem Motto luden: Angesichts aufkeimender Sozialismusfantasien, Enteignungsdebatten und Verharmlosungen des Unrechtscharakters der ‘DDR’ durch den rot-rot-grünen Senat, steht unsere Weihnachtsfeier in diesem Jahr unter dem Motto ‘Schlager gegen Links’!“, hieß es im Einladungsschreiben. Ob da eher neue Meisterwerke der Heimattümelei gespielt werden, von Andreas Gabalier zum Beispiel – oder ob man eher auf golden Oldies setzt? Vielleicht einen rassistischen Klassiker der Wildecker Herzbuben, damit Sören und Sina in ihren veganen WGs (hehe, VEGANER!) vor Schreck der „Zwergenwiese“-Aufstrich aus der Hand fällt?

Egal, wie ernst oder zwinki-zwonki-haft ironisch die Einladung zum gemeinsamen Abschunkeln und -miefen nun gemeint war: In jedem Fall ist es richtig und wichtig, nach einem Jahr, in dem ein Neonazi den CDU-Politiker Walter Lübcke ermordet und ein Antisemit einen Anschlag auf eine Synagoge verübt hat, mal so richtig klare Kante gegen links zu zeigen. Und weil beim Musikexpress Service groß geschrieben wird, helfen wir gern mit einem Anspieltipp weiter: Freddy Quinns liebgewonnener Anti-Hippie-Schlager „Wir“ aus dem Jahr 1966 hält für verklemmte Mitte-Extremisten die unbedingt mitsingtaugliche Zeile „Wer will nicht mit Gammlern verwechselt werden? Wir!“ bereit.

Gute Nachricht der Woche: Grammys not so white

Als sich Nicki Minaj vor vier Jahren anlässlich der MTV Video Music Awards noch (sinngemäß) echauffierte, eine Künstlerin werde nur nominiert, wenn sie weiß und normschön sei und ebensolche Frauen in ihren Videos promote, war das für einige der hässliche Ausdruck ihrer Privatfehde mit Taylor Swift; für andere eine berechtigte Beschwerde über den Rassismus im Popbetrieb, in dem schwarze Künstler*innen zwar für beste Plattenverkäufe sorgen, aber im Gegensatz zu ihren weißen Kolleg*innen noch immer gering geschätzt werden. Nun wurden die Nominierten für die Grammy-Verleihung 2020 bekanntgegeben – und das kann einem aus guten Gründen egal sein, schließlich scheinen pompöse Award-Shows in Zeiten von Selbstpromotion über Social Media ungefähr so ausschlaggebend für den Ruf eines Künstlers zu sein wie Chartplatzierungen (also de facto: gar nicht). Dass die (eigentlich nicht ganz so neue) Newcomerin und Body-Positivity-Ikone Lizzo mit acht Nominierungen aber den Jahresrekord hält und der queere schwarze Country-Rap-Grenzgänger Lil Nas X sechsmal nominiert ist (wie im Übrigen auch Billy Eilish), ist trotzdem ein wichtiges Zeichen. Schließlich trendete noch vor drei Jahren im Zuge der Oscar-Verleihung der Hashtag #OscarsSoWhite – Repräsentation für schwarze Künstler*innen ist noch immer keine Selbstverständlichkeit. Erst recht nicht, wenn sie nicht dünn und heterosexuell sind.

Sieg der Woche: Feine Sahne Fischfilet versus AfD

Mal wieder bewiesen: Es kann auch Punkrock sein, einen Rechtsstreit zu gewinnen. Die Grundsympathen Feine Sahne Fischfilet, bekannt für mittelguten Punkrock und erstklassige antifaschistische Basisarbeit, hatten kürzlich Ärger mit der AfD-Fraktion im Berliner Bezirk Spandau – und der CDU, die gern bereit war, die präpotente Rechtentruppe zu unterstützen. Nachdem die Band im August ein Konzert auf der Zitadelle Spandau gegeben hatte, einer historischen Konzert-Venue in Berlin, brachte die AfD in der Bezirksverordnetenversammlung (sozusagen das Bezirksparlament) eine Anfrage ein, die darauf abzielte, künftige Konzerte der Band auf der Zitadelle verbieten zu lassen. Zur Begründung der Diskreditierung behaupteten sie allerlei Haltloses, unter anderem, dass die Band von der Bühne aus Glasflaschen ans Publikum ausgegeben hätte, was verboten wäre.

Tatsächlich waren es Plastikflaschen, die Feine Sahne Fischfilet so generös verteilten – wie bei nahezu jedem ihrer Konzerte. Trotzdem sicherte der CDU-Stadtrat Gerhard Hanke den Antragstellern eifrig zu: „Sie werden diese Gruppe dort nicht mehr sehen, das kann ich Ihnen zusagen.“ Später relativierte er die Aussage. Feine Sahne Fischfilet kündigten daraufhin an, gegen die Falschbehauptungen klagen zu wollen – und hatten nun Erfolg mit ihrer Unterlassungsklage: Das Bezirksamt von Spandau darf nun nicht mehr behaupten, die Band habe fahrlässigerweise Glasflaschen verteilt. Der Kampf „Spandauer AfD-Fraktion gegen Punkband“ mag nur eine kleine Regionalposse sein. Trotzdem ist sie symptomatisch für das Bestreben der Rechten, kulturpolitischen Einfluss zu nehmen – und für das feige Verhalten „bürgerlicher“ Parteien in diesem Spiel.

Verkannte Kunst: „Go Trabi Go“

Im Spätprogramm von Privatfernsehsendern begegnen mir nicht nur regelmäßig Prominente, an die man seit 20 Jahren nicht gedacht hat (cc: Hugo Egon Balder), sondern auch manchmal „Kultfilme“ aus der Kindheit – so zuletzt „Go Trabi Go“. Für alle Snobs, die mit Arte-Eltern aufgewachsen sind: Der Film von 1991 handelt von einer Familie aus Bitterfeld, die kurz nach der Wende aufmacht, um in ihrem treuen Trabant die große, weite Welt (Neapel) zu sehen – und bei ihrer Reise durchs frisch wiedervereinigte Deutschland so viele Ossi-Klischees wie möglich zu zementieren (Der Dialekt! Der notorisch dysfunktionale Trabant!), andere zu widerlegen (Die wackere Familie rezitiert auf ihrer großen Fahrt durchgängig Goethe).

Heute ist der Film ungefähr so cool wie Herpes – ein bisschen zu Recht, immerhin ist ein Running „Gag“, dass man Tochter Jaqueline durch die modisch zerfetzte Jeans auf den Po glotzen kann. Aber gerade nach den feierlichen Feierlichkeiten zum Mauerfall-Jubiläum, gerade im Zuge der Debatten um Ost-Identität und Ungleichheit zwischen alten und neuen Bundesländern liefert der Film eine herrliche Erkenntnis: Ob ostig oder westig – am Ende blamieren sich doch alle nur in unterschiedlichen Spielarten deutscher Pedanterie, manchmal auch Kleingeistigkeit. Und sind sich darin, bei allen Unterschieden, lächerlich ähnlich. Ein meisterliches Zeugnis gesamtdeutschen Humors – als Kompliment und Diss zugleich gemeint.

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte von Julia Lorenz und Linus Volkmann im Überblick.


OK Boomer, Peter Wittkamp und E-Rotic: Die Popwoche im Überblick
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