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Popkolumne, Folge 17

Doris Day ist tot, Europa wird untergehen, französischer Film nervt: Die (düstere) Popwoche im Überblick

Logbuch: KALENDERWOCHE, 20/2019

Diese Woche habe ich einen Podcast aufgenommen. Wahnsinn, was eine tolle Idee, oder? Zwei Leute sitzen an einem Tisch und reden und das läuft dann im Internet – warum ist da bloß vorher noch niemand drauf gekommen? Titel und Partnerin allerdings sind noch geheim, ich kann nur sagen, wir haben während der Aufnahme eine Sturzflasche Sekt getrunken, um noch besser „zu performen“ – und müssen jetzt schauen, ob der Autotune-Effekt auch gegen Lallen hilft. #howto2019

THEMA DER WOCHE: Eurovision Song Contest in Israel

Auf dem popkulturellen Sektor bleibt die Festung Europa angenehm durchlässig. Der Eurovision Song Contest findet 2019 im ausgewiesen nicht-europäischen Israel statt, auch Australien ist weiter dabei. Why not! Ohne diese Öffnung hätte man letztes Jahr zum Beispiel das quietschbunte „Toy“ von der Sängerin Netta verpasst. Deren Sieg lädt nun den ESC-Tross 2019 nach Tel Aviv ein. Als Hintergrundrauschen fungiert – wie sollte es anders sein? – ein Boykott-Aufruf des BDS, der sich außer als Meldung allerdings nirgendwo wirklich durchgesetzt hat.

“Dare To Dream” lautet routiniert sinnentleert der diesjährige Slogan. Doch wer sich tatsächlich traute, von einem ESC mit weniger kitschigen Beiträgen in Englisch zu träumen, muss eine Enttäuschung hinnehmen. Nämlich in Form der aktuellen Songliste. Welche Algorithmen schreiben bloß diese Titel und Texte immer?

– „The Dream“ (Kroatien)
– „Truth“ (Aserbeidschan)
– „Proud“ (Nordmazedonien)
– „Stay“ (Moldau)
– „Limits“ (Österreich)
– „Heaven“ (Montenegro)
– „Storm“ (Estland)
– „On A Sunday“ (Rumänien)
– „Better Love“ (Griechenland)
– „Love Is Forever“ (Dänemark)
– „Too Late For Love” (Schweden)

Mein persönlicher Favorit allerdings: Hatari aus Island. Einfach erfrischend, deren Slogan: „Hatrið mun sigra“. Der Refrain lautet – und das denke ich mir nicht aus – „Hass wird siegen/Europa wird untergehen“. Ein wirklich unterhaltsamer Kontrast – vorgetragen auch noch in ledrigem Darkroom-Look.

FILM DER WOCHE: „Meisterdetektiv Pikachu“

Sex, Crime und fesselnde Wendungen! Aber genug vom „Tatort Saarbrücken“… Im Kino ist jetzt „Meisterdetektiv Pikachu“ angelaufen. Der meines Wissens erste valide Realfilm der Pokémon-Reihe. Echte Menschen und animierte Fabeltierchen in einer fiktionalen Stadt der Zukunft. Die Pokémon (Plural ist übrigens nicht Pokémons, da rasten die Fans aus) leben hier unter der Bevölkerung. Die verbale Kommunikation mit den Menschen ist eingeschränkt, Pokémon können nur ihren eigenen Namen sagen. So ist es für den jungen und vor allem verkrachten Pokétrainer Tim Goodman überaus irritierend, dass ein Pikachu zu ihm spricht. Das ungleiche Duo (#Buddymovie) muss alsbald gemeinsam klären, was Tims verschwundenem Vater zugestoßen ist.

Für einen Franchise-Film ist „Meisterdetektiv Pikachu“ eine Sensation, aber auch nach den Maßstäben eines „regulären“ Films immer noch sehr gut. Interessante Figuren, putzige Viecher, Diplo spielt sich selbst und eine Handlung, die bei allem Formalismus solcher Produktionen mitunter sogar zu überraschen weiß. Vielleicht ist es auch bloß Stockholm-Syndrom, weil ich mich zwei Jahre lang in den Pokémon-GO-Minen auf das maximale Level 40 geknechtet habe, aber ich empfehle diese Nummer. Nach „Avengers: Endgame“ übrigens der zweiterfolgreichste Filmstart in Deutschland überhaupt. Man sollte also entweder Kinder haben oder starke Nerven. Denn die Säle derzeit sind übervoll und ziemlich laut.

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VERSTORBEN: Doris Day (1922 – 2019)

Es erscheint kleingeistig, wenn der Tod eines Prominenten von den „Social-Media-Betroffenen“ so dermaßen mit ihrem eigenen Biographie-Ballast zugeparkt wird, dass es wirklich gar nicht mehr um den Verstorbenen geht. Also so Zeug wie: „Damit stirbt auch mein Soundtrack der 80er!“ (Random-Toter-Musiker), „Ich habe über die Jahrzehnte mehrmals ihren Namen gehört und kann mich vage an einen Film erinnern, es geht mir sehr nah!“ (Random-Tote-Schauspielerin).

Bei Doris Day gewähre ich mir eine Ausnahme und möchte teilen, dass die Künstlerin Kwittiseeds und ich – ohne zu wissen, dass es Doris Days‘ Todestag sein würde – gerade noch „Bettgeflüster“ schauten. Einer ihrer prominentesten Filme und auch einer der schönsten vermutlich, sie spielt dort erfolgreich gegen den 50er-Jahre Charme von Rock Hudson an. Ich erzählte an dem Tag begeistert, dass Doris Day ja noch lebe und in ihren Achtzigern noch eine Platte aufgenommen habe. Es ist auch immer irgendwie so beruhigend, wenn gewisse Stars unsterblich erscheinen. Und ich schwöre, wir haben dieses Doris-Day-Lookalike-Fotos ebenfalls ohne das Wissen ihres Ablebens gemacht. Fast schon spooky. Doris Day wurde 97 Jahre alt.

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PLATTE DER WOCHE: Jochen Distelmeyer – „Coming Home“ (Stereo Deluxe)

Doch nicht alles ist gleich prophetisch, das Meiste einfach halt Zufall. Beispielsweise erscheint diese Woche die „Coming Home“-Zusammenstellung von Jochen Distelmeyer. In dieser Reihe des Labels Stereo Deluxe lassen Künstler an prägenden Stücken ihrer Biographie teilhaben. Bei Distelmeyer sind das unter anderem Andreas Dorau, Max Müller, Justus Köhncke, SYPH, genauso wie auch Missy Elliot, Daft Punk oder die Deftones.

Das letzte Stück aber lautet: „Dream A Little Dream Of Me“ von Doris Day…

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MEME DER WOCHE

 

DER VERHASSTE KLASSIKER: „Die fabelhafte Welt der Amélie“

„Die Fabelhafte Welt der Amélie“
(Frankreich / Filmstart: 16.08.2001)
Was hat einem der französische Film nicht schon alles angetan? Die tiefgründigen Gesichter, die Kommilitonen machen, wenn sie mit einem über Truffaut sprechen wollen, während man mühsam versucht, seine „Die Nackte Kanone“-Deluxe-Box im existenzialistischen Jutebeutel zu verbergen. Der hochgelobte „Delicatessen“ war auch furchtbar und Filme von Eric Rohmer kann wirklich nur der Graf (ihro Durchlaucht von Lowtzow) ertragen. Aber wie schlimm ist denn bitte selbst vor diesem Portfolio des Schreckens „Die fabelhafte Welt der Amelie“?

Diese „schrägen Bilder“, die vor allem eins von Dir wollen, dass Du erkennst, was für „schräge Bilder“ es sind. Komische Kauze, schwülstiger Soundtrack, pointenbefreite Gags und Schwarzweiß-Passagen, die zum Nachdenken anregen sollen (ja, und zwar übers Ritzen in meinem Fall). Ach, und natürlich die hinreißend verspulte und wunderschöne Pagenkopf-Beauty als Hauptdarstellerin. Unsere Amélie! Wie hält sie unserer Welt nur so kindlich charmant den Spiegel vor, was? Und diese Idee mit dem Gartenzwerg, der um die Welt reist… hach, wie herrlich skurril. „Herrlich skurril“ übrigens auch so ein EinsA-Deppenindikator. Wenn diese Phrase fällt, sollte man sich umgehend („Notfall!“) verabschieden aus der Konversation.

Nichts gegen die erste Platte von Phoenix  und Daft Punk, oder wofür Frankreich noch alles steht, aber dieser Film ist und bleibt eine der größten Zumutungen der Moderne.

– Linus Volkmann („Filmjournalist“)

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Linus Volkmann

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