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Titelgeschichte

Prince und die 90er: Pop-Genie auf Sinnsuche

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„Free at Last“, skandiert ein Chor, „am Ende sind wir frei“. Vier Trommler marschieren auf die Konzert-Bühne des Paisley Park, sie schlagen zur Stimme Martin Luther Kings auf ihre Instrumente ein, während das Publikum sie bejubelt. „Free At Last! Free at Last! Thank God Almighty, We Are Free At Last!“ Das Sample stammt aus der „I Have a Dream“-Rede des Pastoren und Bürgerrechtlers, der vom Ende der Unterdrückung der Schwarzen träumte. 1963 war das, in Washington D.C., King sprach am Lincoln Memorial vor 250.000 Menschen.

33 Jahre später spielt nun Prince die Rede Kings ein, als Teil seines Songs „Slave“, der augenblicklich in „Jam Of The Year“ überleitet. Und dann betritt er seine eigene Bühne, sichtlich gut gelaunt. Prince will eine „Befreiung“ feiern – mit dem sogenannten „Emancipation“-Konzert in seinem Arbeits- und Wohnkomplex in Minneapolis, anlässlich der Veröffentlichung seines gleichnamigen Albums. Amerikanische TV-Sender übertragen das Spektakel live. „Ich wurde geboren, um genau dieses Werk zu erschaffen“, sagt Prince nach diesem Abend des 12. November 1996. Er fühlt sich frei, weil er das EMANCIPATION-Album aufnehmen konnte, ohne die Wünsche einer Plattenfirma berücksichtigen zu müssen.

Prince hatte also einen Favoriten unter seinen 39 Studioalben, und der war erstaunlicherweise keines jener Werke, die in sämtlichen Kritikerlisten ganz oben stehen, PURPLE RAIN, 1999 oder SIGN O’ THE TIMES. Prince stellte EMANCIPATION unter dem Künstler­namen vor, den er sich ein Jahr vorher zulegte, und der sich nur als Sonderzeichen schreiben ließ. Aus Prince wurde das „Mann-Frau-Symbol“, das „Love Symbol“. Die Medien nannten ihn „The Artist Formerly Known As Prince“, abgekürzt „TAFKAP“ – beides aus Verlegenheit, denn Prince weigerte sich, dem Schriftzeichen einen Namen zu geben.

War das 19. Prince-Album EMANCIPATION ein Hit? Nein. Es verkaufte sich im ersten Jahr nach seiner Veröffentlichung nur 570 000 Mal. Die Vorab­single „Betcha By Golly Wow!“ war in Großbritannien am erfolgreichsten, kratzte dort aber auch nur an der Top Ten, sie kam nicht höher als Platz elf. Und doch erfährt EMANCIPATION inzwischen seine Rehabilitierung: Es gilt als das Prince-Album, auf dem der Künstler seinen größten Mut und Durchhaltewillen bewies.

1996 zehrte Prince noch immer von seinem exzellenten Ruf, der vor allem auf Leistungen aus den 1980er-Jahren gründete. Das Album PURPLE RAIN hatte sich mehr als 20 Millionen Mal verkauft, der BATMAN-Soundtrack über zehn Millionen Mal. Aber Prince galt in den 90ern auch als einer der größten Pop-Exzentriker. Die Auseinandersetzungen mit seiner Plattenfirma waren legendär, und sie rieben ihn auf. Er bewerbe, so der Vorwurf, seine Werke zu wenig, veröffentliche zu viel Musik in zu kurzer Zeit, und seine Konzepte würde niemand verstehen. Für die schwindenden Albumverkäufe aber machte Prince wiederum sein Label verantwortlich. Ein Musiker in seinem Umfeld sagte: „Bis PURPLE RAIN war alles in Ordnung. Danach bekam er alles, was er sich je gewünscht hatte, und es gefiel ihm nicht.“

Jeder „Slave“ hat bekanntlich einen „Master“, und mit dem „Master“ war Warner gemeint

Die EMANCIPATION sollte nun den Neuanfang markieren. Nach 18 Jahren bei Warner Bros. Records war Prince frei, der Vertrag mit der Major-Platten­firma erfüllt. Nun konnten die ersten Songs auf seinem eigenen Label NPG Records erscheinen. Nicht nur symbolisch, sondern tatsächlich sprengte der 38-Jährige auf dem Cover von EMANCIPATION seine Ketten, das Eisen flog dem Betrachter regelrecht entgegen. Im Booklet zeigte er seine rechte Wange, darauf der Schriftzug „Slave“ – „Sklave“. Jeder „Slave“ hat bekanntlich einen „Master“, und mit dem „Master“ war Warner gemeint. Es war ein Wortspiel: Die Firma hatte die Rechte an den Master-Bändern, also an seinen Aufnahmen. Entweder dir gehören die Master. Oder du gehörst einem Master. Ab jetzt würde Prince alles, was er herausbringen sollte, nur ihm gehören.



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