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Popkolumne, Folge 108

Pussy, Provinz, Peaches: Linus Volkmanns Popwoche im Überblick

von
Linus Volkmann
Linus Volkmann
Kolumne

LOGBUCH: KALENDERWOCHE 12/2021

An welchem Platz steht wohl diese Woche im Frust-Ranking des verkorksten Jahres? Dieser Tweet von Böhmermann fasst es ganz gut zusammen:

DAS KLEINSTE INTERVIEW DER WOCHE: PEACHES

 

Letztes Jahr im Sommer auf einer Clubtoilette (Sehnsucht!): Mir fällt auf, dass selbst im Herrenklo unzählige Sticker kleben, die von Dingen wie „Pussy Power“, „Big Uterus“ und „Klit-Pop“ künden. Empowerment wohlgemerkt – kein Porno-Kram. In der Popkultur hat die Vulva längst zur ikonischen Penisdarstellung aufgeschlossen. Wer diesem aktuellen Trend allerdings schon Jahrzehnte voraus war und ihm sicherlich auch mit den Weg bereitet hat: Peaches. Ihr Debüt stammt aus dem Jahre 2000, doch auch heute befeuert die Berlino-Kanadierin noch die Selbstermächtigung des weiblichen Körpers. „My pussy wear a mask“ heißt es in ihrem jetzt erschienenen Stück. Und ich freue mich sehr, dass ich euch heute in meiner bescheidenen Kolumne Peaches herself präsentieren darf!

Der Beitrag hier scheint mir auf jeden Fall gute Möglichkeit, mein Fan-Foto vom letzten Reeperbahnfestival noch mal unterzubringen…

Peaches, die Pandemie hat das zweite Jahr erreicht. Wie geht’s Dir aktuell?

PEACHES: Mein Pandemie-Stadium ist gleichermaßen frustriert wie hoffnungsvoll. Ich vermisse das Reisen und das Performen. Ich meine, das ist gerade der längste Abschnitt ohne für mich – seit 1999! Mir fehlt auch das Rumhängen, das Socializen. Ich habe immerhin das Glück, finanziell abgesichert zu sein und bin in einer liebevollen wie kreativen Partnerschaft. Am schwierigsten ist es für mich, im Alltag eine verbindliche Routine aufzustellen und einzuhalten. Also eine, die mir ermöglicht, Kontrolle über meine Zeit und meine Emotionen zu bewahren.

Du hast schon in Deinen Anfängen zur Jahrtausendwende über den weiblichen Körper gesungen. Mit der neuen Single „Pussy Mask“ erzählt sich das fort. Hat sich in den zwanzig Jahren eigentlich etwas geändert in Deinem Blick auf das Thema Weiblichkeit?

Das Konzept des weiblichen Körpers wird – auch in der Kunst – definiert vom männlichen Blick. Mein Job ist, diese Perspektive hin zu einer Selbstdefinition zu verschieben. Jeder Körper soll für sich sprechen können, ob er nun einen Schwanz, Titten, eine Klit, eine Pussy oder was auch immer besitzt. Sobald sie verletzend und unwahr wird, müssen wir diese Sprache, die andere Körper beschreiben will, überwinden. „Jizz“ wird beispielsweise immer wieder als Flüssigkeit definiert, die zum Mann gehört. Allerdings weiß ich, dass ich selbst jeden Tag „Jizz“ verspritze. Deshalb sollte meine Pussy auch eine Maske tragen.

Die Maske für die Pussy ist ja Thema Deines neuen Clips, aber wie ist eigentlich das Verhältnis zur Mund- und Nase-Bedeckung, die uns seit einem Jahr nun begleitet?

Nun, die sehe ich als Hilfe gegen eine Bedrohung der öffentlichen Gesundheit. Ich liebe tatsächlich das Lächeln der Leute im Alltag und alles, was sich sonst noch so mit der Mimik ausdrücken lässt, aber trotzdem ist auch für mich die Maske zum „new normal“ geworden. Eine nützliches Übel – obwohl, ich würde nicht mal Übel sagen wollen, sie ist bloß oft ein wenig schwitzig und juckt…

Screenshot aus Peaches‘ „Pussy Mask“

CLIP DER WOCHE: PEACHES – „Pussy Mask“

Soviel über dieses ominöse neue Stück und die spritzende Pussy gelesen. Jetzt fehlt natürlich noch der Clip selbst, den sich Peaches von der New Yorker Filmemacherin Leah Shore hat anfertigen lassen. Viel Spaß:

PODCAST DER WOCHE (#04): „Zum Dorfkrug“ von Zugezogen Maskulin

Ein wenig einfallslos mag es wirken, wie sich so viele neue Podcasts darin genügen, bloß ein fahriges Gefäß zu sein, in dem halt zwei Leute (mehr oder weniger interessant) irgendwas labern. „Zum Dorfkrug“ von Zugezogen Maskulin hat sich dagegen richtig was vorgenommen.

Grim104 und Testo beschäftigen sich mit der Frage, welchen Einfluss es nimmt, wenn man abseits von Urbanität aufgewachsen ist. Dorf vs. Stadt – das mag kein neues Thema sein, ist aber immer wieder aufgeladen. Und genau so wird es auch hier inszeniert. Vorbereitet, informiert und gerade in Folge 1 noch richtig nervös erleben wir die Gastgeber. Man merkt in ganz vielen Momenten, dass es den beiden wichtig ist, hier eben nicht nur über die eigene Marke bisschen Gratis-Gequatsche zu verbreiten.

Erster Gast: Thees Uhlmann, der als anekdotenreicher Erzähler und bekannte Hemmoor-Provinzblume natürlich viel hergibt für so einen Ansatz. Folge 2 führt ins Fränkische, das Land mit hoher Brauereien-, Meth- und Polizistendichte. Auskunft gibt der virale Twitter-Mogul El Hotzo, der sich sogar so wohl fühlt, dass er von homosexuellen Erfahrungen berichtet. Sehr offen, sehr unterhaltsam ist der Talk überhaupt. So interessiert wie nach dem Besuch des „Dorfkrugs“ habe ich zumindest meine eigene Jugend in einem Kaff schon lange nicht mehr betrachtet.

ALBUM DER WOCHE: KEROSIN95 – „Volume 1“

„Ja, ich gönne mir die Bühne / So wie Du seit 1000 Jahren / Und ich nehme dir deinen Platz weg“.

Wenn das hier nicht der Soundtrack zum Zeitgeist der angelaufenen Zwanziger Jahre ist, weiß ich auch nicht. Kerosin95 stammt aus Wien, macht skillreichen Rap, der so gar nicht bescheiden, verkifft oder mit waberndem Hall zugestellt ist. Besonders auffällig und kraftvoll ist, dass Non-Binary-Personen wie Kerosin95 nicht (mehr) bemüht sind, ausgleichend daher zu kommen. Es wird nicht freundlich für die eigene Existenz geworben, sondern eher die offensive Ansage postuliert, dass die über die Jahrhunderte währende Meinungshoheit der (vornehmlich männlich weißen) cis-Platzhirsche immer mehr Gegenwind verdient – und bekommt. Zu dieser Zeitenwende passt zum Beispiel das Stück „Futter“ von Kerosin95.

BUCH DER WOCHE: „Reiz“

Simone Meier ist eine Schweizer Journalistin aus Lausanne, die schon in den 90ern schlaue Artikel über Feminismus, Gender und Pop geschrieben hat. Wie jung sie damals gewesen sein muss, erscheint mir ziemlich einschüchternd, wenn man sieht, wie sie auch heute noch motiviert in der ganzen Medien-Kirmes mitmischt. Jetzt erscheint bei Kein & Aber ihr Roman „Reiz“, der dritte einer Trilogie, mit den vorausgegangenen Titeln „Fleisch“ und „Kuss“. Stringentes Wording auf jeden Fall.

Die Hauptfigur in „Reiz“ jedenfalls heißt Valerie, ist Mitte Fünfzig, trifft auf einen jungen Mann. Es geht vordergründig um Sex, um Liebe, um Konventionen – aber eigentlich stellt das Buch die entscheidende Frage, wie wir leben wollen. Und auch wenn einen damit schon andere Autor:innen konfrontiert haben mögen, ist es immer wieder Simone Reiz‘ Witz, der dem Ganzen eine ganz besondere Leichtigkeit, aber auch Klarheit verleiht.

FLOP DER WOCHE „The Babysitter 2: Killer Queen“

Es gibt Fortsetzungen, denen merkt man an, sie sind komplett ahnungslos, was den eigentliche Reiz des Originals ausmachte. Die ganze zweite „Star Wars“-Trilogie von George Lucas sei dafür Mahnmal. Und dann gibt es Sequels wie jenes hier zum Teenslasher-Überraschungs-Erfolg „The Babysitter“, die wissen ZU GUT, was ihren Franchise ausmacht.

Die Story ist rasch erzählt: Erneut wird demselben unbeholfenen Teen vom seinem Babysitter und dessen Posse aus Satans-Jüngern zugesetzt. Es geht um rituelles Blut trinken, man kennt es ja von sich selbst beziehungsweise der QAnon-Ortsgruppe von um die Ecke. Dreister filmischer Move: Alle bereits zu Staub zerfallenen Aggressoren des ersten Teils sind wieder auferstanden, der Teufel macht’s möglich – und die Zuschauer*innen sollen sich maximal heimisch im neuen“ Cast fühlen können. Die professionell überästhetisierte Optik gleicht mit ihren Internet-Anspielungen, Schrift- und Gif-Einblendungen der Verfilmung von Insta-Storys einer lässigen Start-Up-Marke. Bei so viel Genre-Routine und Formalismus bleibt wirklicher Esprit natürlich auf der Strecke. Man fühlt sich erinnert an den Bodycount von „Final Destination“ – nur ohne selbst dessen bereits dünne Handlung. So bleibt unter’m Strich von „The Babysitter 2: Killer Queen“ bloß Horror-Porn als Äquivalent zu einem Eimer Ben & Jerry’s auf Ex: Schon während der Einnahme spürt man, das war jetzt irgendwie doch nicht das Richtige.

MEME DER WOCHE

GOODBYE DER WOCHE: GUILTY PLEASURE (90s Edition)

An dieser Stelle wurde der Scheinwerfer 25 Mal auf die teilweise abstrusen, teilweise doch bezaubernden Pop-Gestalten der 90er Jahre gelenkt.

Die letzten zehn davon standen nun zur Abstimmung: Guilty or Pleasure? In den Instastorys @musikexpress_magazin habt ihr gewählt. Musikproducerin Linda Perry steht dabei auch mit in ihrer One-Hit-Wonder-Inkarnation der 4 Non Blondes ganz oben und auch Natalie Imbruglia kann immer noch mit diesem zerbrechlichen Schätzchen-Charme punkten. Wenig Kult-Credits scheint indes Oli P. angehäuft zu haben. Der Ex-Soap-Star und seine Version von „Flugzeuge im Bauch“ sind auch 2021 nur für den besonders exzentrischen Trash-Connaisseur wirklich pleasure…

P.S.: Es gab schon einmal eine Abstimmung, wer wissen will, welche Acts vor diesen hier in der Rubrik gegeneinander rangelten, klicke hier… 

DAS RANKING

  1. 4 Non Blondes
  2. Natalie Imbruglia
  3. Deep Blue Something
  4. Culture Beat
  5. Fischmob
  6. Lucilectric
  7. Heroes Del Silencio
  8. U96
  9. Babylon Zoo
  10. Oli P.

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

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