So nutzen Artists den Lockdown

Schöpfungsgeschichten 2020 – mit Marie Davidson, Matt Berninger, Will Oldham & Bill Callahan

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Ein Musikjahr wie dieses gab es noch nie, wird es hoffentlich nie wieder geben. Das Virus sprengte den ewigen Kreislauf aus Studio, Tour, Promo, Studio. Die Folge waren wirtschaftliche Katastrophen und Sinnkrisen – aber auch schöpferische Schübe und unverhoffte Freiräume. Wer es gut meint mit diesem Jahr, erkennt, dass 2020 geholfen hat, bestimmte Bereiche des Pop vom Markt zu entkoppeln. Was der Idee, dass Pop eben auch Kunst ist, sehr gut tut.

Marie Davidson Endlich Zeit

Marie Davidsons Lockdown startete selbstbestimmt: Bereits 2019 verkündete die Electronica-Künstlerin aus Montreal, dass sie die ewigen Tourtrips durch die Partywelt nicht länger aushält. Davidson war als Einzelkämpferin und mit schwerem Gerät auf dem Club-Circuit unterwegs. Sie klagte über Rückenschmerzen und Schlafmangel, hinzu kamen die Nebenwirkungen von stimulierenden oder regulierenden Substanzen. Auf den beinahe Burn-out folgte der Turn-in: Über ihre Kanäle erklärte sie, dass sie ihren Job von nun an anders verrichten wolle: als Teil der Band L’OEil Nu, die sich auf Studioarbeit konzentriert, Konzertreisen minimiert.

Ihren letzten Club-Gig absolvierte Marie Davidson im September 2019. Ein halbes Jahr später zwang das Coronavirus große Teile der Weltgesellschaft zum Rückzug. Es ist schwachsinnig, an dieser Stelle von der „Krise als Chance“ zu schwafeln. Das Corona-Virus ist verantwortlich dafür, dass unzählige Musiker*innen um ihre finanzielle Existenz bangen. Die Pandemie ist eine Katastrophe für die Popkultur. Und doch: Marie Davidson sagt, dass solche Breaks unbedingt guttun. „Weil sie Luft zum Atmen geben. Weil sich Freiräume eröffnen. Und weil man anfängt, Musik nicht mehr als kommerzielle Arbeit zu betrachten, sondern als Kunst.“

Bei allem Ungemach: Die Shutdowns haben viele Acts aus einer dauerrotierenden Wertschöpfungskette befreit. Marie Davidson begann das Jahr 2020 mit einem strengen Zeitplan: Aufnahmen für das Album RENEGADE BREAKDOWN im Frühjahr 2020, Endproduktion im April, danach musste die Platte fertig sein, weil Davidson im Mai einen Trip in ihre alte Wahlheimat Berlin geplant hatte, um am Kreativ-Förderprogramm „Amplify Berlin“ teilzunehmen. Der Workshop fiel ins Wasser, Marie Davidson stand ein Extramonat für die Albumproduktion zur Verfügung. „Das war eine vollkommen neue Erfahrung“, sagt sie. Eigentlich ist es ja so, dass alles immer schneller gehen muss. Dass sich künstlerische Tätigkeit an Deadlines und Schedules anzupassen hat.

„Dieses Mal war es anders, ich hatte die Zeit, das, was ich schon hatte, neu zu bewerten, zu polieren, zu schärfen.“ Es sei ein Jammer, dass sie nicht nach Berlin reisen konnte, und es sei beinahe tragisch, dass sie die neuen Tracks derzeit nicht live spielen könne. „Wenn ich aber als Künstlerin auf den Prozess schaue, der zu diesem Album geführt hat, dann muss ich feststellen: So muss das eigentlich laufen, den Blick nicht auf den Kalender gerichtet, sondern nur auf das Werk.“

RENEGADE BREAKDOWN im Stream hören:

Matt Berninger California Cruisin‘

Das wissenschaftliche Fach der Kreativforschung kennt eine Reihe von sogenannten Kreativitätsblockaden, von Faktoren also, die Kunstschaffende daran hindern, ihren Job zu machen. Darunter zählen eine zu starke Orientierung auf Ziele und Lösungen, Zeitdruck oder zu viel Zwang bei zu geringer Autonomie. Hier hat die Pandemie ein paar Knoten gelöst. Problematisch bleibt das Phänomen des „soziales Faulenzens“. Nein, das ist keine Erfindung von Markus Söder, um den Lebensstil der Berliner zu charakterisieren, sondern die wissenschaftliche Bezeichnung für einen kollektiven Leistungsabfall innerhalb eines stillgelegten Umfelds. Was kompliziert klingt, deckt sich mit einer allgemeinen Pandemie-Erfahrung: Je mehr Menschen ziellos herumhängen, desto weniger Antriebskraft besitzt der Einzelne. Es dankt einem ja auch keiner, das tausendste Streamingkonzept oder Soli-T-Shirt entwickelt zu haben.

Wie man rauskommt aus dem Jammertal? Matt Berninger, Sänger von The National, machte, was Millionen andere auch gemacht haben: Im Frühjahr polierte und ölte er sein Fahrrad und unternahm lange Touren von seiner Heimat Venice aus, mal in Richtung Süden, am Flughafen von Los Angeles vorbei in Richtung Long Beach, mal nach Norden, bis in das hügelige Land nördlich von Santa Monica. „Diese Trips haben mich inspiriert, weil meine Antennen auf eine andere Wellenlänge eingestellt waren“, sagt er. Er trampelte nicht, um das Stresslevel zu senken. Sondern, um in die Gänge zu kommen. „Ich blendete Dinge daher nicht aus, sondern schaute sehr genau hin.“

Ganz in der Nähe des Flughafens zum Beispiel sah er an der Pazifikküste ein kurvenreiches, eingezäuntes Rohr, das Abwasser in den Ozean leitete. „Ich dachte mir, dieses obskure Ding sieht wie ein schlangenartiges Gefängnis aus.“ Zurück in Venice, schrieb er den Song über diese Abwasseranlage, der dann zum Titelstück seines ersten Soloalbums wurde: SERPENTINE PRISON. Ein Stück, in dem Matt Berninger sehr frei alles assoziiert, was dieses Jahr so diffus, erniedrigend, deprimierend gestaltete: „Total frustration, deterioration, nationalism.“ Und: „You’re gonna have a pretty hard time, without drugs, without love.“

SERPENTINE PRISON im Stream hören:

Oldham & Callahan – Zusammen allein

Die Sache ist ambivalent: Covid-19 engt das Leben auf beinahe unerträgliche Weise ein. Gleichzeitig jedoch ergeben sich Freiräume und neue Wege. Viele Musiker nutzten sie aus, um Projekte und Kooperationen zu verwirklichen, die zwar auf der Hand lagen, im Normalfall aber ein Konjunktiv geblieben wären. In Schaffhausen gingen die Aeronauten nach dem Tod ihres Sängers Guz keine getrennten Wege, sondern rückten unter Einhaltung der Abstandsregeln ein letztes Mal eng zusammen, um ein letztes Album zu vollenden, das es ohne Corona wohl nicht gegeben hätte.

In Hamburg fanden sich Carsten Friedrichs von der Liga der gewöhnlichen Gentlemen und Carsten Meyer a.k.a. Erobique zusammen, um unter dem gnadenlos pragmatischen Namen Carsten & Carsten eine Single aufzunehmen. Der Titel passt besonders gut in dieses Jahr, in dem viele noch einmal neu über ihr Verhältnis zu den Mitmenschen nachgedacht haben: „Ich mag Leute“.

Drüben in Amerika gingen Bill Callahan und Bonnie „Prince“ Billy eine logische Liaison ein. Zuletzt hatten die beiden großen Songwriter 1994 zusammengearbeitet, im Spätsommer starteten sie zusammen mit Gästen eine Serie mit Coverversionen von Songs, die zu dem passen, was 2020 zu bieten hatte: Cat Stevens’ „Blackness Of The Night“ oder „Wish You Were Gay“ von Billie Eilish. Im Modern Pop ist das Featuring-Business ein alter Hut, die Indie- und Songwriter- Szene hängt hinterher, 2020 hat sich hier einiges getan – gerne weiter so!

Wenn die Pandemie vorbei ist und der kulturelle Marktmotor wieder brummt: Ist das dann alles wieder vergessen, weil der kommerzielle Druck in einem sehr dichten Markt steigt? Kann sein. „Aber“, sagt Marie Davidson, die ihren Lockdown schon 2019 angetreten hatte, „den Job als Künstlerin ernst zu nehmen, beinhaltet die Möglichkeit, zu jeder Zeit Nein zu sagen, wenn man merkt, dass man sich in der Stressroutine selbst verliert.“ Das gehe auch ohne Virus, „dafür reicht bei mir ein Blick in den Spiegel“.

Dieser Artikel erschien erstmals im ME 01/21. Zu den weiteren Themen aus unserem Jahresrückblick 2020 hier entlang.

 


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