Konzertbericht

The National live in Berlin: It’s all been forgiven (mit Foto-Galerie)


Am 30.9. spielten sie zweieinhalb Stunden in der Max-Schmeling-Halle, wir waren dabei. Hier Fotos & Bericht.

Die Überraschung ist groß, als The National im September 2023 ihr zehntes Studioalbum LAUGH TRACK veröffentlichten – nur fünf Monate nach dem Vorgänger FIRST TWO PAGES OF FRANKENSTEIN. Nun sind die Indie-Größen mit beiden Alben auf Tour und stoppen für zwei Shows in Deutschland. Wir waren am 30. September in Berlin dabei.

The National haben sich mit ihren fesselnden Melodien und gefühlvollen Texten in den vergangenen Jahrzehnten ein immer größeres Publikum erspielt. Ein Geheimtipp waren sie nie, aber der Überhit fehlt bis heute. Die Hallen werden trotzdem immer größer und so bahnen sich Scharen von Fans schon frühzeitig ihren Weg durch den Prenzlauer Berg, denn es verspricht, ein langer Abend zu werden.

In Sachen Selbstreflektion und Zielgruppenbestimmung kann man The National keine Verklärung vorwerfen. Überdurchschnittlich viele Männer, denen schlaflose Nächte, sei es durch Neugeborene oder durch Scheidungen, ins Gesicht geschrieben stehen, sind heute anwesend. Passend dazu gibt es auch „Sad Dad“-Merchandise, unter anderem eine Berlin-freundliche Jutetasche.

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Vorschusslorbeeren in der ausverkauften Halle

Die Live-Shows von The National bekommen zumeist viele Vorschusslorbeeren, so ist doch gerade Sänger Matt Berninger für seine charismatische und exzessive Bühnenpräsenz bekannt. Zuletzt litt der Musiker jedoch unter schweren Depressionen, die Pandemie tat ihr übriges. Ein glücklicher Umstand also, dass er sich wieder auf eine Bühne und seinen Dämonen stellt. Auch deswegen harrt das Publikum umso gespannter in der ausverkauften Max-Schmeling-Halle der Dinge, die da kommen.

Mit dem neuen Song „Once upon a poolside“, einer wohlgefälligen Ballade, beginnt das zweienhalbstündige Set und Berningers Bühnenpräsenz entfaltet sich bereits in den ersten Minuten. Spätestens beim zweiten Stück „Eucalyptus“, einer herzzerreißenden Beziehungsabrechnung, ist die Distanz zur Crowd aufgehoben, denn er springt auf die Basslautsprecher und schreit den gebannten Zuhörer:innen seinen Schmerz entgegen: „You should take it, ‚cause I’m not gonna take it // You should take it, I’m only going to break it // You should take it, ‚cause I’m not gonna take it // You should take it, you should take it“. Das mantrische Wiederholen von Textpassagen ist ein unverwechselbares Merkmal im Songwriting der Band und die Umsetzung Berningers verstärkt den Effekt noch zusätzlich. Wild gestikulierend steht der große Mann mit aufgerissenen Augen vor der Halle, sackt in sich zusammen um sich kurz darauf wieder aufzubäumen und über die Bühne zu rennen, das Mikro mit dem unendlich langen Kabel immer fest im Griff. Auch der folgende Titel, „Tropic Morning News“ ist von einem der beiden 2023 erschienenen Langspieler FIRST TWO PAGES OF FRANKENSTEIN.

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Klangteppiche und ein göttlicher Bariton

Seine Mitmusiker, Produzent Aaron Dessner und sein Zwillingsbruder Bryce Dressner sowie die Brüder Bryan und Scott Devendorf halten sich derweil im Hintergrund, spielen aber keine weniger wichtige Rolle bei diesem Feuerwerk der Melodien. Die Zwillinge legen ihre Gitarren-Klangteppiche wohlig über die Bühne, während die Devendorfs den Rhythmus und Beat mit Schlagzeug und Bass bedienen. Über alles legt sich der gottgesandte Bariton des Sängers.

Dieser, immer einen Becher Weißwein in der Hand, singt sich im Verlauf des Konzerts in Extase. Man munkelte im Vorfeld, er trinke nicht mehr so viel auf der Bühne, aber ganz ohne mag Matt Berninger wohl doch nicht. Vielleicht kann er den Weltschmerz sonst nicht ertragen. Und von diesem hat er im Überfluss! Seine Stimme bricht des Öfteren, er ist heiser wegen des ganzen Wehklagens und wirkt dabei noch verletzlicher, noch zerbrechlicher, als ohnehin schon. Keiner leidet so schön wie Berninger. Obschon vollkommen in seiner eigenen Welt, sucht er immer wieder den Kontakt zum Publikum, springt über die Barriere, ist ihm – und vielleicht auch sich – ganz nah.

Einige Male verschwindet er zwischen den Zuschauer:innen und bahnt sich seinen Weg durch die Halle. Nur das schier unendliche Mikrofonkabel zeigt an, wo er sich gerade befindet. Als suche er die Absolution für seine starken Emotionen und Gedanken bei seiner Anhänger:innenschaft. „I was afraid I’d eat your brains // cause I’m evil“ bekennt er in „Conversation No. 16“ und wirkt dabei wie ein gebrochener Mann, der sich seinen Weg zurück ins Leben erkämpft.

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Der Kampf gegen die Lampe

Im Hintergrund der spartanisch eingerichteten Bühne laufen derweil farblich harmonierende Videos und abstrakte Silhouetten. Am Bühnenrand stehen quadratische Lampen, die sich drehen und winden. An diesen hat Berninger einen Narren gefressen, so versucht er die Lichtkörper zu bändigen, Herr über sie zu werden, und sie nach seinem Willen zu bedienen. Als er sich auf einen der Scheinwerfer setzt, gibt der Motor nach und Matt Berninger plumpst hin. Er nimmt es sportlich, die Lampe nicht.

Als er zwei Vinyls von Fans zur Signatur überreicht bekommt, legt er diese wiederum auf den sich bewegenden Scheinwerfer und prompt fallen beide Platten von der Bühne. An dieser Stelle geht ein Raunen durch die Reihen der Beobachter:innen. Auch eine von Berninger zerstörte Platte hat nur noch ideellen Wert. Es sind aber genau diese kleinen Ausbrüche aus der Schwermütigkeit, die den Abend so interessant machen. Ein bisschen Frohmut obschon der ganzen Melancholie. Davon gibt es noch immer jede Menge, gerade bei den bekanntesten Stücken wie „Bloodbuzz Ohio“ früh im Set, „Fake Empire“, einer bewegenden Version von „England“ und natürlich der anrührenden Liebeserklärung „I need my girl“.

Der Zugabenblock umfasst nochmals drei Titel, am Ende werden The National 28 Stücke präsentieren. Beim letzten Stück, „Vanderlyle Crybaby Geeks“ gibt es nur noch die Akustikgitarre und das Publikum, das textsicher und auch melodisch den Gesang übernimmt, angeleitet von Matt Berninger als expressionistischen Dirigent. Fesselnd, so wie der ganze Abend.

Die Band hat einen neuen Zenit erreicht, hat sich neu gefunden und neu präsentiert. The National live sind immer ganz großes Tennis, am Samstagabend allerdings sind sie eine eigene Liga.

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