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Interview

Shame im Interview: „Mir gefällt es, aus diesen Dreckssäcken Profit zu schlagen“


Charlie Forbes und Josh Finerty sind satt – und das ist nicht metaphorisch gemeint. Der Schlagzeuger und der Bassist der Londoner (Post-)Punk-Band Shame haben sich gerade ordentlich die Plauze vollgehauen. „Der große Vorteil durch Deutschland zu touren“, sagt Josh, „ist, dass die Leute hier den Begriff Catering kennen.“ Das sei nicht selbstverständlich, stimmt Charlie ein, „in den USA kannst du froh sein, wenn du einen Coupon für die Hot-Dog-Bude um die Ecke kriegst.“ Vor allem mit über 160 Shows, die Shame 2018 gespielt haben, in den Knochen, weiß man ein ausgewogenes Buffet samt Käsekuchen zum Nachtisch zu schätzen.

Doch nicht nur dank des pickepackevollen Livekalenders hatten Shame ein intensives und ereignisreiches Jahr 2018: Im Januar erschien ihr Debütalbum SONGS OF PRAISE – eine Platte, die den Glauben an musikalische Revolte neu entfachte und dabei weder vor der Politik, der Konsumgesellschaft noch untreuen Ehemännern Halt machte. Die Reaktionen waren überwältigend, die Presse lobte und preiste Shame, die Fans strömten in die immer größer werdenden Konzerthallen. Josh, der anmerkt, er habe noch gar keine Gelegenheit gehabt, alles zu verarbeiten, sagt, „wir haben es schon ganz schön weit gebracht“, Charlie nimmt sogar das Wort „Stolz“ in den Mund.

Kooperation

Doch es gab Menschen, die sich über den Erfolg Shames nicht freuen wollten – etwa das britische Boulevardblatt „The Sun“. Das veröffentlichte im Mai einen einseitigen Artikel über die Band mit der Überschrift „Bekloppte Punks“ (im Original: „Daft Punks“, Anm.). Die Yellow-Press-Journalisten echauffierten sich darüber, dass die Band ihr Debüt mit öffentlichen Geldern aus der Kulturförderung finanziert habe, und dennoch Merchandise-Shirts verkaufe, auf denen Premierministerin Theresa May Teufelshörner trage. Auch ihr Song „Visa Vulture“, in dem die Band in Liebeslied-Form beißend sarkastisch mit Mays Einwanderungspolitik abrechnet, wurde als Grund angesehen, die Gelder von der Band zurückfordern zu müssen. Ein äußerst komisches Verständnis von Kunst in einer Demokratie, definitiv. Eine grandiose Promo für Shame, ohne Frage.

Drummer Charlie sagt dazu: „Mir gefällt es, dass wir Profit aus diesen Dreckssäcken schlagen. Ich bin doch nicht traurig darüber, wenn wir uns einen Scherz erlauben, während Theresa May in Magazinen Rassismus und Faschismus schürt. Ach, komm schon… juckt mich doch nicht, was die Sun schreibt. Sie sind gar nicht in der moralischen Position, um über uns urteilen zu dürfen.“

Dafür, dass selbst die auflagenstärkste Zeitung des Vereinigten Königreichs sich für die Lyrics Shames interessiert, messen Charlie und Josh den Texten ihres Sängers Charlie Steen überraschend wenig, eigentlich gar keine Beachtung zu.

Josh: Um ehrlich zu sein, blende ich die Texte immer aus.
Charlie: Ich ebenso. Ich kenne nicht einmal die Texte zu der Hälfte unserer Songs. Das ist nur Steens Gerede.
Josh: Ich verstehe viele seiner Texte nicht einmal. Ich lasse mir seinen Gesang auch nie auf den Monitor spielen.

Musikexpress: Das ist ja Wahnsinn! Das erinnert an die verbliebenen Mitglieder Joy Divisions, die nach dem Tod von Ian Curtis sehr ähnliches gesagt haben. Auch sie haben den Lyrics überhaupt keine Bedeutung zugemessen.

Josh: Sie interessieren mich einfach nicht, weil ich keine Texte schreiben kann. Deswegen bin ich sehr dankbar dafür, dass ich in Steen jemanden habe, der das für mich erledigen kann.

Und da Josh und Charlie gerade so im Modus sind, necken sie ihren Sänger und Texter, der stets nur beim Nachnamen genannt wird, einfach weiter. Angesprochen auf den neuen Song „Human For A Minute“, in dem Steen seinen Stimmbändern eine Pause vom ewigen Geschreie und Gebrülle gibt, unterbricht Drummer Charlie und kommt zum Punkt:

„Ah, ich weiß, worauf du hinaus willst. Du willst uns fragen, ob Steen endlich das Singen gelernt hat? Nein, hat er nicht.“ Lautes Gelächter von Josh, während sich Charlie im Stuhl nach vorne schiebt und den tiefen Augenkontakt sucht, als ob er seinen Worten ernsthaften Nachdruck verleihen wollen würde. Wieder beruhigt, meldet sich Josh zu Wort.

Josh: Du findest wirklich, dass er in „Human“ singt?

Irgendwie schon. Mehr als zuvor zumindest.

Josh: Hmm, das stimmt. Jetzt, wo du es sagst… (murmelt die Melodie des Songs).

Shames Rhythmusfraktion hat sichtlich Freude daran, auch einmal die zu sein, die die Antworten diktieren – auch wenn das bedeutet, Fragen nach der Bedeutung von „The Lick“ mit Achselzucken zu antworten. „Hat großen Spaß gemacht“, sagt Josh, der beim abendlichen Konzert im Berliner SO36 das Kunstwerk eines Vorwärtssalto vollbringt – mit dabei umgeschnallter Bassgitarre, wohlgemerkt. Dann reißt er die Tür zum Nebenraum auf, weckt den dort liegenden Steen und plärrt: „Hey Steen, die Jungs haben uns interviewt und wollen warum auch immer noch Fotos von dir machen. Bist ja schließlich die Stimme der Generation.“ Was sich neckt, das liebt sich anscheinend besonders innig.

Erik Lorenz
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