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Warum Woodkid einen so hervorragenden Ruf genießt

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Am 16. Oktober erscheint Woodkids neues Album S16. Aus diesem Anlass haben wir sein musikalisches Schaffen noch einmal genauer unter die Lupe genommen. Nachfolgend fünf Gründe, weshalb Ihr Euch Yoann Lemoines Musik keinesfalls entgehen lassen solltet.

Woodkid ist ein Multitasker

Yoann Lemoine ist ein wahres Multitalent. 1983 in einem Vorort von Lyon geboren, startete der gelernte Illustrator seine Karriere als Werbefilmer, begann jedoch wenig später bei Video-Clips von zum Beispiel Taylor Swift, Rihanna und Lana Del Rey Regie zu führen. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten: Seine Musikvideos wurden mit Branchenpreisen nur so überhäuft, allein im Jahr 2012 sahnt er gleich sechs „MTV Video Music Awards“-Nominierungen ab. Doch das ist ihm nicht genug. Lemoine beginnt nebenbei an eigenen Projekten zu arbeiten. Unter seinem Alter-Ego ‚Woodkid‘ bringt er bereits 2011 eine erste EP namens IRON heraus, 2012 folgt RUN BOY RUN. Sein Debütalbum THE GOLDEN AGE verkauft sich weltweit mehr als 800.000 Mal und beweist, dass er nicht nur hinter den Kulissen glänzen kann. Darüber hinaus festigen zahlreiche Tätigkeiten für Fashion-Brands, Film-Soundtracks und Kunst- und Kulturbetriebe seine Stellung als kreativer Tausendsassa.

Er erschafft sein eigenes Genre

Dieses weit gefächerte Interessensfeld schlägt sich auch in seinen Musikkompositionen wieder: Lemoine hat keine Scheu, dystopischen Pop mit unkonventionellen Hip-Hop-Beats zu mixen. Auch Indie- und Orchestermusik werden vom Musiker vereinnahmt und zu etwas Neuem verarbeitet. Für ihn selbst baut das Projekt auf ein Zusammenspiel der Sinne auf, ein Mix aus audiovisueller Dramatik und erlebbarer, fühlbarer Musik. Atmosphärische Songs werden von epischen Videoclips und aufwändig inszenierten Liveauftritten ergänzt. Sehen, Hören, Spüren. Woodkids emotional aufgeladene Liveshows, seine kunstvoll schwarz-weiß gehaltenen Videos, die orchestrale Begleitung seiner Auftritte, sein Coverartwork bis hin zum eigenen Styling basieren auf einem durch und durch stimmigen Konzept. Sie berühren, lassen niemanden kalt. Auch in der Textmetaphorik findet sich diese intensiv durchdachte Ästhetik wieder. In einem Interview erklärt er: „Ich benutze gerne Materialien als Symbole. Zu Anfang ist der Junge aus Holz, für mich ist das ein sehr emotionales Material, das mit Wurzeln und Herkunft zu tun hat.“ Daher auch sein Name. Woodkid – Holzkind. Ein Pinnochio, der über sich hinauswächst und die Welt mit all seinen Facetten entdeckt, erlebt und erlebbar macht.

Er ist ein Geschichtenerzähler

Die Tatsache, dass Lemoine selbst das Rampenlicht eher meidet, verleiht seinem Gesamtkunstwerk Woodkid nur noch mehr Tiefe und Komplexität. Im Gegensatz zu anderen Künstler*innen, die sich in den Medien fast exzessiv produzieren/zur Schau stellen, punktet er mit vornehmer Zurückhaltung. Lemoine selbst tritt in seinen Musikclips nicht auf – stattdessen lässt er, ganz seiner vorherigen Profession verpflichtet, Schauspieler*innen und Models den Vortritt. Slow-Motion-Kampfszenen und Bombast-Sound kreieren ein cinematisches Œuvre, erinnern an archaische Videospiele. Man meint Pferde über das Schlachtfeld galoppieren zu hören, loderndes Feuer, Kampfgetümmel, Schreie; mehr Kurzfilm als Musikvideo und ganz nach Lemoines Geschmack: „Es ist ein Kunstprojekt. Ich versuche, meine Gedanken und Gefühle sowohl durch den Sound als auch durch die Bilder auszudrücken. Mit Woodkid will ich ja eine Geschichte erzählen. Dafür sind die Bilder extrem wichtig.“ Und wenn sich die Bilder mit seinen außergewöhnlichen Kompositionen paaren zeigt sich, was Woodkid wirklich ist: ein audiovisueller Geschichtenerzähler der Extraklasse.

Er ist ein Mahner ohne erhobenen Zeigefinger

Gesellschaftskritische Songs liefern auch Popmusiker*innen seit Jahren  – doch selten kamen sie so aufwühlend und dramatisch instrumentiert daher. Kirchenorgeln, Glocken, militärisch anmutende und Gewehrsalven imitierende Beats, Marschtrommeln, Streicher und Fanfarenchöre erschaffen nicht nur ausgefeilte Klangwelten. Sie sollen vor allem Woodkids Lyrics atmosphärisch und dramaturgisch verstärken. Er verknüpft dabei auditive mit visuellen und textlichen Impulsen und beschwört so einen dystopischen Albtraum herauf, eine Welt, in der Monster aus Kohlebergwerken erwachsen und das Individuum in gesellschaftlicher Uniformität versinkt: „Ich glaube, es geht hier um meine gefährliche Faszination für Macht und Größe. Um die massiven Herausforderungen, denen ich mich in den letzten Jahren stellen musste, und um das wachsende Gefühl der Unsicherheit angesichts der Last der Dinge, die ich im Laufe der Zeit aufgebaut habe“, erklärt Lemoine zu seiner Single ‚Goliath‘. Den Fokus legt er jedoch nicht rein auf seine eigene Gegenwartserfahrung – vielmehr geht es dem Musiker darum, die Menschen wachzurütteln und an ihre kollektive Verantwortung zu appellieren. Er hinterfragt soziale und politische Themen, ohne Antworten zu geben oder auch nur geben zu wollen.

Woodkids erstes und bisher einziges Studioalbum THE GOLDEN AGE erschien 2013 und wurde vom Musikexpress mit vier von sechs möglichen Sternen bewertet. ME-Autor schrieb passend dazu: „Wenn das Goldene Zeitalter tatsächlich so klingen sollte, dann kann es gar nicht früh genug beginnen.“ Der Nachfolger S16 erscheint am 16. Oktober 2020. Mehr über Woodkid erfahrt Ihr in der Musikexpress-Ausgabe 11/2020, die vom 15. Oktober 2020 an erhältlich ist: ME-Autor Daniel Koch hat für unsere Reihe „Themeninterview“ mit Yoann Lemoine über Monster gesprochen.


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