Nachruf

Zum Tod von Depeche Modes Andy Fletcher: Der Anti-Star (Nachruf)

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Unter den Fans von Depeche Mode gab es einen Running Gag, und der ging so: „Was macht eigentlich Andy Fletcher?“ Gemeint war die Rolle, die das stille Mitglied der Band einnahm, wieviel er zum Sound der Synthie-Pop-Pioniere beitrug, er, der bei hunderten von Songs, die in über vierzig Jahren entstanden sind, keinen einzigen Songwriting-Credit erhalten hatte. „Martin [Gore] ist der Songwriter, Alan [Wilder] ist der gute Musiker, Dave [Gahan] ist der Sänger und ich lungere herum“, hat „Fletch“, wie ihn seine Freunde nannten, einmal seine Rolle beschrieben. Das war 1989 in der Filmdoku „101“ des Regisseurs D.A. Pennebaker, da waren Depeche Mode schon längst Superstars.

Sänger Dave Gahan hatte irgendwann im Lauf der langen Karriere von Depeche Mode begonnen, seine Unsicherheit hinter der Fassade einer klischeehaften, harten Männlichkeit zu verbergen, inklusive L.A.-Rockstar-Tattoos, Alkohol- und Drogenexzessen. Und Martin Gore pflegte eine Zeitlang das Image des extrovertierten, genderfluiden Paradiesvogels, obwohl er im Grunde seines Herzens ein kleines, schüchternes Sensibelchen ist. Andy Fletcher war einfach er selbst, blieb auf der Bühne und bei Terminen in der Öffentlichkeit im Hintergrund, war aber für das psychologische Konstrukt Depeche Mode enorm wichtig, zwischen zwei anscheinend riesigen Egos hielt er die Band zusammen. Als Dave Gahan im Jahr 2001 nach der Veröffentlichung des Albums EXCITER öffentlich erklärte, sich benachteiligt zu fühlen, weil er keine Songs für Depeche Mode schreiben dürfe und drohte, die Band zu verlassen, war es Fletcher, der den Kompromiss aushandelte: In Zukunft würde Gahan zu den Alben der Band ein paar Songs beisteuern, aber Gore der Hauptsongwriter bleiben.

Anfangs wurden Depeche Mode belächelt

„Fletch“ wurde am 8. Juli 1961 als Andrew John Leonard Fletcher in Nottingham, England, geboren. Ende der 1970er-Jahre gründete er zusammen mit seinem Schulfreund Vince Clarke in Basildon die kurzlebige Band No Romance, in der er den Bass spielte. Nachdem Fletcher 1980 Martin Gore kennengelernt hatte, stieß dieser dazu, das Trio nannte sich ab da Composition Of Sound und alle drei Musiker spielten Synthesizer. Im selben Jahr stieß Dave Gahan als Sänger dazu, auf seinen Vorschlag nannte sich die Band Depeche Mode – nach einem französischen Modemagazin. Anfangs wurden Depeche Mode in England als Teenie-Band belächelt, ihre Pionierleistungen für die elektronische Popmusik wurden nicht gewürdigt, innerhalb weniger Jahre aber wurden sie mit über 100 Millionen verkauften Platten zur größten Synthesizer-Band der Welt mit der loyalsten Fangemeinde der Welt.

Fletcher war der Gentleman

Andy Fletcher war der Gentleman unter den Depeche-Mode-Mitgliedern, warmherzig, klug und ausgestattet mit einem trockenen Humor. Er amüsierte sich darüber, dass Fans seinen Freund Dave höflich als „Mister Gahan“ ansprachen, er (psycho-)analysierte in Off-the-record-Gesprächen seine Bandkollegen treffend und traf sich in Backstageräumen mit dem Flair von Umkleidekabinen mit alten Freund*innen, und anhand der Gespräche war zu erkennen, dass diese Freundschaften schon seit Jahrzehnten bestanden.

Im Jahr 2002 gründete Fletcher das Label Toast Hawaii mit dem einzigen Zweck, die Musik des Synth-Pop-Duos Client zu veröffentlichen. Er hatte erkannt, dass die Musik von Katie Holmes und Sarah Blackwood den retromanischen Zeitgeist traf und vielleicht erinnerte ihn der Client-Mix aus Synth-Pop, Electroclash und New Wave auch an seine eigenen musikalischen Wurzeln. Einmal, bei einem Interview mit Client im Hotel Mariandl in München tauchte Fletcher wie aus dem Nichts auf und setzte sich an den Tisch neben den Interviewer, bei Auftritten des Duos „lungerte“ er im Publikum herum und strahlte eine Fürsorglichkeit aus wie ein Vater, der seinen Kindern beim Erwachsenwerden zusieht und von dem Gedanken daran gleichermaßen von Stolz erfüllt und von Angst getrieben wird.

2020 wurde Andy Fletcher als Mitglied von Depeche Mode in die „Rock And Roll Hall Of Fame“ aufgenommen, im April dieses Jahres kam er noch einmal in die Schlagzeilen, als er sich bei einem Fahrradunfall in Barcelona das Handgelenk brach. Andy Fletcher ist am 26. Mai im Alter von 60 Jahren gestorben, die Todesursache ist noch nicht bekannt.


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