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Review

„A Star Is Born“-Kritik: Lady Gaga ist eine Country-Wucht, Bradley Coopers Film ein Popgesamtkunstwerk

Lady Gaga ist eine Wucht in „A Star Is Born“. Sie spielt Ally, eine junge Frau, die bereit ist, alles hinzuwerfen, als wir sie zum ersten Mal sehen. Ihr Freund macht mit ihr Schluss, übers Telefon, als sie gerade auf dem Klo ist. Ein Schmerzensschrei dringt aus ihrem zierlichen Körper, der einem durch Mark und Bein geht. Was für ein Organ.

Auch sonst läuft es nicht gut für Ally: In ihrem McJob bei einer Cateringfirma wird sie herumkommandiert. Später erfahren wir, dass ihr Traum eine Musikkarriere ist. Sie bekommt aber keinen Fuß in die Tür. Ihre Songs, sagt man ihr, seien gut, sie selbst aber zu gewöhnlich, ihre Nase zu groß, das führe nirgendwohin. Einziger Rettungsanker sind ihre Auftritte in einer Schwulenkneipe. Hier versteht man sie. Hier kann sie sich hinter Make-up und Glitter verstecken, wenn sie als einzige Nicht-Dragqueen auf die Bühne geht.

Und hier lernt sie Jackson Maine kennen, während sie einen auf Vamp macht und eine Version von „La vie en rose“ hinlegt, die man sich in einen rosa Rahmen packen und aufhängen will. Jackson ist das ganze Gegenteil von Ally. Ein mit allen Feuerwassern gewaschener Country-Star, den das viele Singen und Touren mürbe hat werden lassen, ein rollender Stein, der langsam Moos anzusetzen beginnt. Pillen und Alkohol sind seine stetigen Begleiter. „Maybe it’s time to let the old world die“, ist der Refrain eines seiner Hits, der klingt, als hätten sich die Eagles von „Blues Run The Game“ inspirieren lassen. Abgehangener, erdiger Countryrock, den die Fans Silbe für Silbe mitsingen, der sich längst selbst überholt hat – wie der Interpret, der ihn Abend für Abend aus sich herausquält. Natürlich hat ein Typ wie Jackson nichts in einer Schwulenbar verloren. Der Durst hat ihn hereingespült, angetrunken, angeschlagen, kaputt. Und jetzt sieht er Ally. Und es ist um ihn geschehen.

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„A Star Is Born“: Die ersten 30 Minuten sind der Film, der Rest ist Sahnehäubchen

Das ist alles, was man wissen muss. Die ersten 30 Minuten sind der Film, der Rest ist Sahnehäubchen. Große Leidenschaft, tiefe Liebe. Er ist auf dem Weg nach unten, sie auf dem Weg nach oben. Triumph und Niedergang, eng umschlungen, einander in die Augen blickend. Vielleicht nicht die ältes­te Geschichte, aber eine der ältesten, die Hollywood erzählt.

Seit 1932 immerhin fünfmal. Zuerst von George Cukor unter dem Titel „What Price Hollywood?“, danach erstmals als „A Star Is Born“ 1937. 1954 noch einmal von George Cukor in der bekanntesten Version, mit Judy Garland, die darin ein kurzes Comeback gab. Zuletzt 1976 mit Barbra Streisand und Kris Kristofferson, als kitschige Rock’n’Roll-Seifenoper, die so relevant wirkte, wie Stadionrock es im Jahr eins vor der Punkexplosion war. Wenn Filme blaublütig sein könnten, dann wäre „A Star Is Born“ Hollywood-Hochadel. Passend also, dass jetzt, 42 Jahre später, die fünfte Version kommt, als Saga der Neuerfindung. Ein Popgesamtkunstwerk, mit zwei Stars, die reborn sind. Bradley Cooper nicht mehr nur Schauspieler, sondern jetzt auch Regisseur. Und was für einer. Lady Gaga nicht mehr nur Sängerin, sondern jetzt auch Schauspielerin. Und was für eine. Ausrufezeichen!

Lady Gaga, wie man sie noch nie gesehen hat

Sie zeigt sich, wie man sie noch nie gesehen hat, ohne Make-up, ganz nackt, bisweilen wortwörtlich, und offen, nicht verpackt und versteckt, kein Fantasiekostüm, kein Popkonfekt. Just the lady and the tramp. Das ist der Pitch. Lady Gaga als Stefani Germanotta. Lange genug hatte das Studio tatsächlich mit der Idee gespielt, sie in den Credits unter ihrem bürgerlichen Namen zu führen. Das wäre falsche Bescheidenheit gewesen. Natürlich kann der Film nur funktionieren, wenn er echt wirkt, authentisch, gelebt. Wie in den Konzertaufnahmen, die den Zuschauer mitnehmen auf die Bühne. Wie in den intimen Szenen, die ihn mitnehmen in die Hotelzimmer, immer so nah dran an den Figuren, wie es nur geht. Funktionieren kann dieses Spiel aber nur, wenn Distanz geschaffen wird und Reibung entsteht, wenn das Echte in Dialog tritt mit der Kunst und dem Künstlichen. Deshalb hat man Lady Gaga an Bord und keine echte Anfängerin. Sie ist keine Debütantin, sie spielt sie nur. Wenn wir Ally sehen, dann spiegeln wir sie immer auch an dem Popstar, der alle Hürden bereits genommen hat.

„A Star Is Born“ ist ein Film, der von seinen Figuren immer auch auf die Menschen verweist, die in ihn eingetaucht sind, und von seiner Handlung und der Showbiz-Welt, von der er erzählt, immer auch auf die eigene Vermarktung und die Showbiz-Welt, in der Bradley Cooper und Lady Gaga sich bewegen. Wenn sie bei den Premieren auf den Filmfestivals von Venedig und Toronto über den roten Teppich geht, ist sie nicht eine Sekunde Stefani Germanotta, sondern nur Lady Gaga, die unnahbare Kunstfigur, geboren, um ein Star zu sein. Wenn sie in Pressekonferenzen und Fernsehinterviews sitzt und routiniert erzählt, wie geehrt sie sich fühlt, dass Cooper ihr diese Chance gegeben hat, dann erzählt sie uns vor allem eins: Ally ist nicht Stefani, sondern nur eine weitere Maske, eine weitere Erfindung, die sich Lady Gaga zu eigen gemacht hat.

Sie ist der einzige Star, mit dem es Sinn ergeben hat, „A Star Is Born“ ein fünftes Mal zu drehen. Weil er nur mit ihr funktionieren konnte. Für sie stellt sich nicht mehr die Frage, ob man „die alte Welt sterben lassen muss“, wie in Jacksons Song. Sie hat alle Brücken hinter sich immer schon in Brand gesetzt. Und im Schein der Flammen leuchtet „A Star Is Born“ so hell, wie es ein Studiofilm aus Hollywood im Jahr 2018 tun kann.


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