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Amy Winehouse (1983 – 2011): Die Stimme des Jahrzehnts

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Die Nachricht vom Tod der Amy Winehouse am 23. Juli 2011 hat die Welt auf eine Weise geschockt, die dann doch sehr überraschte. Jahrelang hatte sie sich auf einer grell ausgeleuchteten öffentlichen Bühne zerstört, vollgepumpt mit Crack, Kokain und Alkohol. Mehr als einmal musste sie gerettet werden, immer wieder, das Ziel dieser brutalen Schussfahrt schien völlig klar. Und doch. Und doch bewegte dieser Tod so viele, weil man schon an das ewige auf und ab der Amy Winehouse gewöhnt war, dass man gar nicht glauben wollte, dass es einmal wirklich zu Ende sein könnte. Weil man vielleicht gehofft hatte, dass ihr Talent sie immer wieder retten würde, weil es gar nicht sein durfte, dass so ein Talent durch so etwas profanes wie den Tod gestoppt wird. Dieser Unglaube über ihr Ende, die plötzliche Fassungslosigkeit brach sich Bahn in einem Sturm der Eilmeldungen, Twitter-Nachrichten, Facebook-Kommentare, Foreneinträge, der ersten Nachrufe, ungezählt alles, unzählbar. Denn die junge Frau war weltberühmt und weltberüchtigt, weshalb ein jeder, so schien es, eine Meinung über sie haben und äußern musste, viele davon so gewiss, dass es einem den Atem raubte. Angesichts dessen ist Ratlosigkeit vielleicht: die letzte Zuflucht, pure Notwehr, die einzig würdevolle Haltung.

Amy Winehouse, die Verlorene

Würde ist ja im Zusammenhang mit Amy Winehouse eine gerne verwendete Kategorie. Bei ihr, der sensiblen Obsessiven, eigentlich immer nur benutzt im Sinne eines vernichtenden: Würde verloren. In dieser Beurteilung waren und sind sich die Kunst- und Menschenfreunde des Boulevards und des Feuilleton, also des Boulevards der gehobenen Stände, eigentlich immer schnell einig. Wer sich lallend, torkelnd oder völlig abwesend und kaputt in der Öffentlichkeit zeigt, wer seine Verwundbarkeit in brutaler Selbstvergessenheit vorführt und sich einen Dreck um die Meinung der anderen schert, wer also alle normalbürgerlichen Kategorien von Anstand in lässiger Selbstverständlichkeit missachtet, der hat irgendwie seine Würde verloren. Das ist, man muss das einmal so deutlich sagen, ist ja die wahrscheinlich lächerlichste Kategorie aller Kategorien für die Beurteilung von echten Künstlern. Die eigene Langeweile, die eigene Beherrschtheit, die eigene Kontrollsucht als Maßstab, damit kann man freien Geistern wie Amy Winehouse natürlich nicht gerecht werden.



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