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Highlight: Die Ärzte: Was wir über ihr neues Album wissen

Interview

Bela B und Richard Weize im Die-Ärzte-Interview: „Je bekloppter ein Sammler ist, desto besser ist er“

Dieser Text erschien erstmals im Musikexpress 12/2018.

Die Begegnung ist für 12 Uhr mittags anberaumt. Richard Weize ist pünktlich. Er trägt wie gewohnt eine Jeans-Latzhose der Marke Carhartt, dazu rosa Käppi von Sun Records zum Rauschebart. Bela Bs Ankunft verzögert sich, womit aber alle gerechnet haben. Der Interviewraum beim Hamburger Label Trocadero, dessen Chef Rüdiger Ladwig den Impuls zu dieser 33-CD-Box namens SEITENHIRSCH gab und diese zusammen mit Weize herausgibt, ist ohnehin noch besetzt: Ulrich Tukur spricht darin mit Journalisten über seine kommende Tour.

Weize überbrückt die Wartezeit mit Anekdoten aus seinem Leben. Der 73-Jährige erzählt, wie Freddy Quinn ihn angerufen habe, um einfach mal zu reden: „Eigentlich hätte er einen Therapeuten gebraucht.“ Oder wie es ihm einmal einfach nicht gelingen wollte, ein schönes Foto von Doris Day für eine seiner unzähligen Bear-Family-Wiederveröffentlichungs-Boxen auszugraben – „der schönsten Frau der Welt“: „Ich kann zwar nicht fotografieren, aber ich weiß, wie ein gutes Foto aussieht.“ Schließlich rückt Bela B an. Beide brauchen keine Anlaufphase: Sie kennen und schätzen sich, schon seit einigen Jahren.

Kooperation

Musikexpress: Richard, was sind Die Ärzte eigentlich für eine Band?

Richard Weize: Die dienstälteste deutsche Punkband.

Bela B: Die Toten Hosen gibt’s ein halbes Jahr länger … immer Ärger mit Düsseldorf! (lacht) Es gibt auch ein paar Bands, die früher dran waren und die es heute wieder gibt, Slime zum Beispiel oder Abwärts, da spielt Rod ja den Bass. Die waren jedoch alle mal länger weg. Klar, wir hatten uns auch aufgelöst, aber nur für eine aus heutiger Sicht relativ kurze Zeit.

Du bist unschlagbarer Kenner in den Bereichen früher Rock’n’Roll, Country, alter Schlager, aber wie sieht’s mit Punkmusik aus, Richard?

Richard: Ich habe das eher vom Rand aus verfolgt. Angehört, ja, näher damit beschäftigt, nein. Dazu fehlte mir die Motivation, weil ich ja mit der Bear Family keine Punkmusik veröffentlicht habe. Ich habe zwar in der zweiten Hälfte der 60er-Jahre in London gewohnt, doch danach war ich in Amerika unterwegs. London und auch Berlin habe ich eher aus den Augen verloren.
Bela: Aber wir sind doch auch keine herkömmliche Punkband. Wenn Punk bedeutet, so schnell und so laut wie möglich zu spielen, haben wir unsere ersten Platten dieser Art erst ab 1993 aufgenommen. Vorher gab es eigentlich nur einen einzigen Punksong: „Käfer“ von IM SCHATTEN DER ÄRZTE, eine bewusste Hommage an die Sex Pistols. In unserer frühen Phase waren Neo-Rockabilly-Bands wie die Stray Cats oder die Cramps viel wichtiger, natürlich auch die Originale Elvis und Eddie Cochran. Jan und ich waren auch auf einem Konzert von Johnny Cash, und eine besonders wichtige Quelle für Inspiration waren tatsächlich die Box-Sets von der Bear Family.

Welche zum Beispiel?

Bela: Von großer Bedeutung war eine der Buddy-Holly-Boxen, die Richard zusammengestellt hat. Es gab da diesen niederschmetternden, heute legendären Nachmittag: Wir hatten gerade unsere erste EP draußen, da schickte man uns in einen Elektromarkt, um eine Autogrammstunde abzuhalten. Doch es kam niemand. Das war wirklich sehr traurig. Weil die Leute vom Elektromarkt Mitleid mit uns hatten, durften wir uns als Trostpflaster ein paar Platten aus ihrem Sortiment aussuchen. Ich habe Metal-Alben genommen. Jan hingegen schnappte sich diese ziemlich teure Buddy-Box, und deren Inhalt hat uns tatsächlich sehr beeinflusst, der Song „Buddy Holly’s Brille“ auf dem zweiten Album zeugt davon – wobei wir uns den Hintergrundgesang wiederum von Dion & The Belmonts abgeschaut haben.
Richard: Ich habe mich neulich ein wenig von der Berichterstattung über die Bayern-Wahl berieseln lassen, und da lief irgendwann „Runaround Sue“ von Dion & The Belmonts. Vermutlich sollte es „Runaway Söder“ suggerieren. Dions Meisterstück ist meiner Meinung nach jedoch „The Wanderer“.
Bela: Das haben wir in unserer frühsten Frühphase auch mal gespielt, wir hatten am Anfang noch nicht so viele Die-Ärzte-Songs, hatten aber auch keinen Bock, zu viele alte Soilent-Grün-Stücke zu spielen, also haben wir Rock’n’Roll-Klassiker gecovert. Auch Dions „Teenager In Love“, das war natürlich die Steilvorlage für „Teenager Liebe“. Wir haben damals häufig auf der Straße gespielt, und in dem Setting, nur mit einer Snare als Schlagzeug, war es schon sehr Rockabilly, sodass wir selbst in der Berliner Teddy-Boy-Szene viel Respekt bekamen.

Richard, hast du bei der Zusammenstellung von SEITENHIRSCH diese Einflüsse herausgehört?

Richard: Ja, aber das ist ja auch nichts Ungewöhnliches. Ich entdecke in jeder Musik Einflüsse. Die Geschichte des Rock’n’Roll ist eine Geschichte des Nachspielens. Und häufig genug lässt man sich unbewusst beeinflussen. Bei vielen deutschen Bands hört man zum Beispiel Schlager-Elemente heraus, das passiert ganz automatisch, weil man in Deutschland dieser Musik kaum entkommen kann.

„Die Hosen tragen dieses Schlagerhafte bis heute in sich“ (Bela B)

Bei euch auch, Bela?

Bela: Wir fanden das natürlich grundsätzlich erst mal Scheiße. Dann wiederum bekamen wir einen Bezug dazu, als die Toten Hosen und vorher noch ZK diesen Kram gespielt haben, darunter Sachen wie „Hundert Mann und ein Befehl“ von Freddy Quinn.

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… das man aber eigentlich nur ironisch spielen kann.

Bela: Klar, wobei, wie Richard schon sagte: Einflüsse verankern sich auch mal unbewusst, und ich wage mal die Behauptung, dass die Hosen dieses Schlagerhafte bis heute in sich tragen, in der Art, wie sie reimen, aber auch mit ihren Hymnen in Dur. Unsere Vorbilder haben häufiger in Moll gespielt. Dann wiederum habe ich mir auf dem Flohmarkt absonderliche Schlagersachen wie den „Babysitter Boogie“ geholt, auch das war natürlich ironisch, andererseits hat uns dieses Zeug gezeigt, wie weit man in der Themenfindung gehen kann: Die Schlager der 50er und frühen 60er waren eine Fundgrube für uns, das war in Teilen eine ganz schön abgefahrene Gagparade.
Richard: Einer, der auf sehr hohem Niveau deutschen Rock’n’Roll gespielt hat, war Ted Herold. Er gilt ja als deutscher Elvis, und da ist schon was dran. Herold ist es zumindest eher als Peter Kraus, der hat den Rock’n’Roll nur gespielt, weil er ihm Erfolg versprach. Das funktioniert ja bis heute.

Ted Herold spielt hingegen kaum noch eine Rolle …

Richard: Peter Kraus ist ein Sonnenschein, sehr gesellig. Ted Herold hingegen hängt nach den Package-Shows, wenn ein Dutzend alte Ikonen gemeinsam auf Tour gehen, lieber mit den Licht- und Tonmenschen herum, als sich mit Kollegen zu unterhalten.
Bela: Was im Grunde ja sehr sympathisch ist. Für mich war in jungen Jahren Ted Herold sehr wichtig, er war Ende der 70er-Jahre in der Versenkung verschwunden, bevor Udo Lindenberg ihn 1977 mit auf Tour genommen hat, als deutschen Rock’n’Roll-Helden und er dadurch in meine Musikwelt einzog.
Richard: 1979 hat Ted Herold eine großartige LP gemacht: JETZT BIN ICH WIEDER ZU HAUS. Danach folgte Platte auf Platte, er war wieder erfolgreich, schwamm auf einer Welle, aber das Filigrane findet man nur auf diesem einen Album.
Bela: Es gab in Charlottenburg einen Laden, der die meisten von den Rock’n’Roll-Sachen auf 10-Inch hatte, dort habe ich mir auch was von Ted Herold gekauft, das war durchaus punkaffin.

Aber waren das nicht die Zeiten, in denen sich die Rockabilly- und Punk-Milieus ständig gegenseitig auf die Fresse gehauen haben?

Bela: In Hamburg war das so, ja, Rod hat mir da schlimme Horror-Storys erzählt. Aber in Westberlin wollten alle Künstler werden, so ist eine Art Zusammengehörigkeitsgefühl entstanden. Klar, man ging sich gegenseitig auf die Nerven. Aber die Szenen waren nicht so sehr abgedichtet. Wer im „Zensor“ die neuen Sachen von den Neubauten oder S.Y.P.H. finden wollte, musste erst durch die Rock’n’Roll-Klamotten des „Blue Moon“, in dessen Hinterzimmer der Plattenladen war.
Richard: Diese Berliner Besonderheit gab es übrigens auch schon, bevor ihr Punks gekommen seid, schon Ende der 40er-Jahre gründete Günter Neumann die Kabarettgruppe „Die Insulaner“, auch die behandelte dieses Spezielle an Westberlin, dieser eingemauerten Stadt. Mir erschien damals eine Reise in die USA weitaus einfacher zu sein als ein Trip nach Berlin. Diese Transitstrecke hat mich immer sehr irritiert, Berlin war schon sehr weit weg.
Bela: Ich glaube, dass wir in Berlin sehr neugierig waren. Klar, Punk kannten wir. New Wave auch. Da wir aber deutsch singen wollten, interessierte uns brennend, was es sonst noch gibt, wie andere das machen. Es war eher egal, ob wir die Musik mochten oder nicht: Es ging einfach darum, viele Wege kennenzulernen, wie man mit deutschen Texten umgehen kann. Als dann Hagen Liebing den Bass übernahm, kam noch sein Wissen über Rockmusik in Ostdeutschland dazu, das hat unseren Horizont noch einmal erweitert. Wobei es natürlich auch in Berlin sehr puristische Hardcore-Punks gab, die uns dafür hassten, dass wir so gut aussahen.

„So eine Box zusammenzustellen, ist ein Schweinejob: nicht beschriftete Bänder sichten, Rechte und Pseudonyme klären …“ – Richard Weize

Bela, wer oder was ist ein „Seitenhirsch“?

Bela: Das ist ein Begriff, der schon ganz früh in der Bandgeschichte aufgetaucht ist und bis heute überlebt hat. Wir haben zum Teil auch schon andere Bands eingeweiht. Es gibt zum Beispiel ein Booklet von den Beatsteaks, in dem Begriffe aus dem „Seitenhirsch“-Umfeld auftauchen. Es gab zwei, drei andere Ideen als Titel für dieses Gesamtwerk, aber am Ende kam eigentlich nur SEITENHIRSCH infrage.

Klingt nach einem Begriff für jemanden, der nicht viel auf dem Kasten hat: Warmduscher, Schattenparker, Nulpe, Seitenhirsch …

Bela: (grinst) Ich finde es ganz gut, wenn das ein wenig mysteriös bleibt.

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