Konzert-Kritik

Coldplay im Olympiastadion Berlin: Nicht wirklich nachhaltig, aber für immer schön

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Es ist Sonntag und Coldplay sind für drei Shows in der Stadt. Umso näher man dem Olympiastadion kommt, umso mehr REFILL-CUPS sind zu sehen. Mit meinen Gösser-Dosen bin ich hier der allerletzte Umweltsau-Lappen. Dieses Konzert soll nachhaltig, klimaneutral, aware und sowas sein. Schon vorher las ich, weil ich mich für Kritik interessiere, kritische Artikel zu diesem Unterfangen, denn einerseits seien Coldplays Ökomaßnahmen nichts als Symbolpolitik, andererseits würden sie sogar zum Greenwashing des Ölkonzerns Neste (erst Nestlé gelesen und gedacht, na, die trauen sich was!) beitragen, der angeblich nachhaltiges Flugbenzin herstellt, was aber laut Ökoexperten gar nicht möglich ist. Ich fände es gut, wenn Chris Martin und Ähnliche sagen würden: „Besteuert mich bis zum Getno!“ – finde aber zumindest eine Demonstration von dem was so möglich ist interessant und bin extra selber supernachhaltig mit dem Zug angereist und nicht wie sonst mit dem SUV, weil irgendwo stand, dass es vor allem darauf ankommt, wie die Fans sich zur Veranstaltung bewegen und nicht ob die Reichen mit ihrem kompletten Equipment rund um die Welt fliegen.

Drinnen angekommen kann man die Maßnahmen bestaunen: Im Stadion gibt es Bildschirme die über die Umwelt und Organisationen informieren, die man so unterstützt. Also: Man lässt heute hier die Sau raus, kompensiert dann aber, tut Buße, macht Detox, das kennen wir ja alle. Ein Baum für jedes Ticket! Außerdem gibt es kleine kinetische Tanzflächen im Innenraum, da läuft dann immer so ein Countdown und dann ein Lied und dann tanzen da paar hundert Leute, die so den Strom erzeugen, den es nachher auf der kleinen Bühne braucht, damit Coldplay einen Song drauf spielen können. Schön finde ich die HYDRATION STATION, das sind einfach die mega überfüllten Frauentoiletten-Waschbecken, wo halt jemand draußen HYDRATION STATION auf einen Zettel geschrieben hat. Nicht weit weg davon steht eine der Bratwurstbuden, die Chris Martin nicht verhindern konnte.

Coldplay live in Berlin: Jeder Song ist ein Finale

Dann geht es los: Alli Neumann entert die Bühne und springt für die kranke Zoe Wees ein. Dann auch noch London Grammar, wie reich soll man noch beschenkt werden? Schließlich blinken die Bändchen, die wir am Eingang bekommen haben, die berühmten Coldplay-Bändchen! Das müssen Coldplay sein! Ein Mann fragte mich, ob man die Bändchen hätte kaufen müssen und ich so „Nein, die gab es kostenlos am Eingang“ und er ganz traurig „Mh“ und ich auch so „Mh“. Aber dann kommt „Higher Power“ und wir sind beide glücklich, ob nun armblinkend oder nicht.

Was danach passiert, ist ein absoluter Rausch. Farbenblinken, Pyro, Konfetti, Glitzer, jeder Song ist ein Finale. Man hat es so erwartet, kann es aber trotzdem nicht fassen. Man will Fotos und Videos machen, auch wenn man sonst total dagegen ist, dass Leute das machen, aber man muss es festhalten, weil man kann es nicht glauben und man muss es sofort Leuten schicken, mit denen man mal vor 15 Jahren diesen einen Coldplay-Song geteilt hat, weil: „Kannst du es glauben, ich bin bei Coldplay!!“ Hit, Hit, Hit, dann „The Scientist“, durchatmen, mitsingen, es leuchtet mal nichts. Wieder Hit, Hit, Hit, dann „Politics“, viele setzen sich hin, weil sie diesen Wahnsinnssong nicht kennen, er ist offensichtlich zu alt, da waren Coldplay noch cool und indie oder so. „In My Place“ und „Yellow“ (Leuchtarmbänder auf gelb) direkt nacheinander, spinnen die? Leute fragen sich, wie Chris Martin immer so quietschvergnügt über die Bühne springen kann, aber stellt euch mal vor, ihr hättet diese Songs geschrieben oder gesungen? Es macht alles Sinn. Bald „Clocks“, ich kann nicht mehr. Irgendwo dazwischen ist noch etwas Aufruhr, ein Krankenwagen ist direkt in den Innenraum gefahren, der Drummer sagt Chris Bescheid, dass was ist, der stoppt, fragt ob alle okay sind, es sind wohl alle okay, Chris sagt was über liebe Leute und dass Menschen doch gar nicht so schlecht sind wie ihr Ruf und jaaa, das stimmt. Wenn Chris eine Sekte machen würde, ich würde am Ende sein Gift trinken.

Es werden hier heute wirklich noch die größten Register gezogen: Der ukrainische Kinderchor „Color Music“ singt breit grinsend „Something Just Like This“, Chris bedankt sich beim Publikum für die deutsche Hilfsbereitschaft bezüglich der Kriegsgeflüchteten, die Deutschen mögen das, andere sind verhaltener. Bei „Sparks“ sind die Jungs auf der kleinen Bühne angelangt (kinetische Energie, wir erinnern uns), viele Leute kennen das Lied wieder nicht und sitzen dementsprechend, ich bin fassungslos, weil Chris einfach genau so klingt wie damals auf PARACHUTES, das übrigens auf den Tag genau vor 22 Jahren rauskam. Die Profifans, die schon bei mehreren oder allen Konzerten dabei waren, wissen schon von dem Bühnenwechsel wo sie hin müssen und pilgern dementsprechend von ganz vorn dahin. Süß! Nach „Fix You“ im grünen Lichtermeer kann ich diese Ultras dann auch verstehen. Wieso sollte man nicht jeden Tag zu Coldplay gehen wollen? Mein Bändchen leuchtet jedenfalls noch.

Coldplay in Berlin 2022, Show 1 (Foto: Erik Lorenz)

Erik Lorenz

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