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ME-History: heute vor einem Jahr

Der Soundfetischist: Zum Tode des Kraftwerk-Gründungsmitglieds Florian Schneider

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Heute vor einem Jahr verstarb Florian Schneider – dies ist ein Archiv-Nachruf vom 06. Mai 2020:

Unvergessen ist eines der seltenen gefilmten Interviews mit Florian Schneider. Die eher unbeholfenen Antworten auf die gar nicht einmal so fundierten Fragen der Fernsehjournalistin anlässlich eines Kraftwerk-Auftritts in Rio de Janeiro im Jahr 1998 zeigten, dass das Konzept der Öffentlichkeitsscheu bei Kraftwerk wohl tatsächlich auch der persönlichen Schüchternheit der Bandmitglieder geschuldet war.

Florian Schneider-Esleben wurde am 7. April 1947 geboren als Sohn des Düsseldorfer Architekten Paul Schneider-Esleben, der unter anderem den Flughafen Köln-Bonn entworfen hatte – das „Esleben“ in seinem Namen ließ Schneider Mitte der 70er-Jahre fallen. 1968 lernte er Ralf Hütter an der Robert Schumann Hochschule Düsseldorf kennen. Die beiden verband die Liebe zur Avantgardemusik und die Herkunft aus der bürgerlichen Mittelschicht. Noch 1968 gründeten sie mit dem Bassisten Butch Hauf, dem Schlagzeuger Alfred Mönicks und dem Sänger und Percussionisten Basil Hammoudi die Gruppe Organisation (Langform: „Organisation zur Verwirklichung gemeinsamer Musikkonzepte“). Das von Conny Plank produzierte Album TONE FLOAT mit esoterisch angehauchter Hippie-Kraut-Psychedelia wurde von mehreren Plattenfirmen in Deutschland abgelehnt und schließlich 1970 von der englischen RCA veröffentlicht. Schneider und Hütter verließen kurz danach Organisation und gründeten die Band Kraftwerk und das Kling-Klang Studio in Düsseldorf.

Auf den frühen Kraftwerk-Platten KRAFTWERK, KRAFTWERK 2 und RALF & FLORIAN fungierte Schneider als Multiinstrumentalist, spielte Querflöte, Violine, Percussion, Gitarre und archaische elektronische Instrumente, später perfektionierte er die Computerstimmen, für die Kraftwerk bekannt wurden. In einem Interview im Jahr 2005 würdigte Ralf Hütter die Verdienste seines Freundes um die Elektronikpioniere: „Florian ist ein Soundfetischist, ich eher nicht, ich bin vielleicht mehr ein Wortfetischist“.

Für ungefähr sechs Monate im Jahr 1971 war Florian Schneider alleiniger Chef von Kraftwerk, Hütter hatte die Band zwischenzeitlich verlassen, um sein Architekturstudium zu beenden. Zusammen mit den beiden späteren Neu!-Mitgliedern Michael Rother und Klaus Dinger trat Schneider unter anderem in der Fernsehsendung „Beat Club“ von Radio Bremen auf.

Kraftwerk, circa 1975 (Karl Bartos, Wolfgang Flur, Ralf Hütter und Florian Schneider) in New York

Kraftwerk waren angetreten um das kulturelle Vakuum, das durch zwölf Jahre Naziherrschaft in Deutschland entstanden war, mit einer spezifisch „deutschen“ Musik zu füllen, die in Wahrheit aber eine zutiefst europäische Musik gewesen ist. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass sie damit selbst in den USA zu Legenden geworden sind. Mit dem Album AUTOBAHN kam im Jahr 1975 der internationale Erfolg nach einer US-Tour in der „klassischen“ Besetzung Hütter, Schneider, Karl Bartos und Wolfgang Flür. AUTOBAHN gilt als Ausgangspunkt der modernen elektronischen Musik; mit seinen pulsierenden, repetitiven Beats und den warmen Synthesizerflächen darf das Album retrospektiv als noch nicht ganz ausgereifter Prototyp des Techno-Pop, den Kraftwerk in den kommenden Jahren spielen sollten, verstanden werden. Nach AUTOBAHN galten Kraftwerk weltweit als Pioniere der elektronischen Musik, wurden als musikalische Legenden gefeiert und von nachfolgenden Musikergenerationen tausendfach gesampelt, zitiert und als Erfinder von House und Techno in den Himmel gelobt.

Zusammen mit Ralf Hütter bildete Florian Schneider fast 40 Jahre lang den kreativen Kern Kraftwerks und prägte damit maßgeblich die Geschichte der modernen elektronischen Musik, er spielte auf allen elf Kraftwerk-Studioalben mit – von KRAFTWERK (1970) bis TOUR DE FRANCE SOUNDTRACKS (2003), Anfang 2009 gab er offiziell seinen Ausstieg bekannt. 2014 erhielten er und Ralf Hütter den Grammy für ihr Lebenswerk. Florian Schneiders Wirkung auf die Popkultur wurde auch in einem Song von David Bowie gewürdigt, „V-2 Schneider“ auf dem Album ‘HEROES‘ ist dem Kraftwerk-Gründungsmitglied gewidmet.

Wie am Mittwoch, 6. Mai, bekannt wurde, starb Florian Schneider im Alter von 73 Jahren nach einer kurzen Krebserkrankung.

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Maurice Seymour/Kraftwerk/Getty Images

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