Liste

Die 50 besten Jazz-Platten aller Zeiten


Von BadBadNotGood über Miles Davis bis hin zu Sun Ra: Hier ist die ultimative Jazz-Liste für Einsteiger und Experten.

Platz 20. Alice Coltrane – Universal Consciousness


Impulse!
1972

Beginnend mit „A Monastic Trio“ im Jahr 1968 beginnt die Witwe von John Coltrane, eine ausgebildete Pianistin, die auf ihren Platten auch Harfe und Orgel spielt und von 1966 an zum festen Ensemble ihres Mannes gehörte (sie ersetzte McCoy Tyner), eine Handvoll höchst einflussreicher und progressiver Alben zu veröffentlichen, die im „Jazz“ fußen, aber nur insofern „Jazz“ genannt werden können, weil mit jeder anderen Klassifizierung dieser transzendentale Musik noch falscher liegen würde. Mit „Universal Consciousness“, ihrem fünften Album, kommt Alice Coltrane im Nirwana an. Ausgehend von den Grundlagen des modalen Jazz, schraubt sich diese Musik in spirituelle Höhen, vereinen sich Free Jazz und musikalische Ideen aus dem Fernen Osten zu einem Klangkörper, der zunächst undurchdringlich scheint und seine Schönheit und Kraft erst nach wiederholtem Hören richtig entfaltet. Der Höhepunkt ist der erste Song auf Seite zwei, „Hare Krishna“. Davor ringen die verschiedenen Seelen in Alice Coltranes immer noch miteinander, scheinen die unterschiedlichen Stile noch im Gegensatz zueinander zu stehen. Jetzt wird man einfach mitgenommen von den kosmischen Streichern und Harfen, die den Track aus seiner Verankerung heben und schweben lassen und auf den Drone vorbereiten, der danach mit „Sita Om“ folgt. Keine Frau hatte bis dahin eine ähnlich wichtige Platte gemacht. Chris Weiß

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Platz 19. Duke Ellington / Charles Mingus / Max Roach – Money Jungle

United Artists Jazz
1963

Das beste Piano-Trio aller Zeiten, mindestens aber das ungewöhnlichste: Altmeister Duke Ellington in einer Session zusammen mit den Jungen Wilden Charles Mingus (Bass) und Max Roach (Schlagzeug). Das Trio spielt sechs Ellington-Kompositionen und das durch ihn in den 30er-Jahren popularisierte „Caravan“. Die Zusammenkunft von traditionellem Jazz und der Avantgarde hat einen Ort und ein Datum: die Sound Makers Studios in New York City am 17. September 1962. Ellington streut dissonante Akkorde ein und lässt sich nicht durch kleine Fiesheiten von Mingus aus der Ruhe bringen. Das wahre Wunder dieses Albums aber ist, dass sich eine Legende wie Duke Ellington von Mingus und Roach auf neues Territorium führen lässt und sein Spiel der Situation so anpasst, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Albert Koch

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Platz 18. Miles Davis – On The Corner

Columbia
1972

Kritiker und Publikum waren sich ausnahmsweise einig: ON THE CORNER wurde bei seiner Veröffentlichung mit Ablehnung und Hass überschüttet. Wieder war Miles Davis der Musikwelt zwei Schritte voraus. Es war sein Free-Funk-Album, die Dekonstruktion von schwarzen Populärmusiken. Mehr als ein Dutzend Musiker improvisierten mit Davis im Kollektiv, so frei, wie es die Grenzen der Tonalität zuließen, mit funky Gitarrenlicks, komischen Effekten und einem Leader, der seine Trompete über ein Wah-Wah-Pedal spielte. Von Produzent Teo Macero wurde diese mächtige Groove-Musik dann im Studio in Collage- Technik zusammengesetzt. Damals das schlechtest verkaufte Album von Miles Davis. Albert Koch

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Platz 17. Archie Shepp – Attica Blues

Impulse!
1972

Am 9. September 1971 erhoben sich etwa die Hälfte der vornehmlich schwarzen 2200 Insassen der Attica Correctional Facility, nahmen 42 Angestellte als Geisel und stellten Forderungen zur Verbesserung der hanebüchenen Zustände in dem Gefängnis. Vier Tage später wurde der Aufstand gewaltsam niedergeschlagen, 43 Menschen kamen ums Leben, 33 Insassen, 10 Wachen. Archie Shepp ist immer schon der radikalste unter den Free-Jazzern der Sechziger. Früh reklamiert er black consciousness. Sein ganzer Zorn entlädt sich in dem Titeltrack von „Attica Blues“, ein lupenreiner Funkjam, der es mit den besten Tracks von Sly Stone oder James Brown mühelos aufnimmt, mit einem brüllenden Gospelchor und Bläsersätzen, die auch die Mauern von Jericho zum Einstürzen bringen könnten. Man weiß nicht, ob man seine Faust in die Höhe recken oder einfach nur tanzen soll. Aber„Attica Blues“ ist nicht nur pure Wut. „Blues“ steht nicht umsonst im Titel. Gegen den Funk stellt Shepp wehklagende Tracks, die im Stil des Bigband-Jazz gehalten sind, aber durch sein schneidendes Saxophon eine bedrohliche Schärfe erhalten, auch wenn sie eigentlich zur Einigung aufzurufen scheinen. Und am Schluss kommen einem dann die Tränen, wenn Cal Masseys Tochter Waheeda mit ihrer überforderten und genau deshalb goldrichtigen Stimme „Quiet Dawn“ anstimmt. Chris Weiß

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Platz 16. Art Ensemble Of Chicago – Les Stances a Sophie

EMI France
1970

Dass diese Aufnahmen 1970 bereits vor Drehbeginn des Films entstanden, für den Regisseur Moshe Mizrahi sie vorgesehen hatte, war wohl der große Glücksfall. Die acht in Paris aufgezeichneten Tracks kommen einer Reflexion über Musik und Spiritualität gleich, das Art Ensemble Of Chicago, zwei Jahre vorher gegründet, spielte sich auf diesem „Soundtrack“ noch einmal von den Erwartungen an das, was Free Jazz sein könnte, ein Stück weit weg. Und nahm gleich ein bisschen Euro-Hochkultur in zwei Variationen über Monteverdi-Themen mit. Berühmter Höhepunkt zum Start: der neunminütige Soul-Jazz-Stomper „Thème De Yoyo“ mit Vokalistin Fontella Bass, Frau des Ensemble-Trompeters Lester Bowie. Frank Sawatzki

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Platz 15. John Coltrane – Giant Steps

Atlantic
1960

Keine Atempause, Geschichte wird gemacht: Fast zeitgleich spielte Coltrane auf KIND OF BLUE von Miles Davis mit und nahm in Triobesetzung dieses erste Album für Atlantic auf. Die Besetzung an Piano und Drums wechselt, was zeigt: Coltrane ist hier der Leader. Sein Ansatz: Fast jeder Track ist zu großen Teilen als Solo definiert, dazu perfektioniert der Saxofonist seine „Coltrane Changes“, die typische Harmoniefolge, die nach GIANT STEPS für viele andere Jazzmusiker zu einer Standardvorlage wird. Doch das Album ist nicht nur ein technisches Meisterwerk, Tracks wie „Naima“ zeigen, dass Coltrane schon in der Lage ist, eigene zukünftige Standards zu komponieren. André Boße

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Platz 14. Cecil Taylor – Conquistador!

Blue Note
1966

Das beste Album des Pianisten Cecil Taylor aus den 60er-Jahren: CONQUSITADOR! war nicht nur eine Leistungsschau für Taylors ungewöhnliche Behandlung der 88 Tasten, sondern durchaus eine Ensembleleistung, bei der die Beiträge von Trompeter Bill Dixon, Altsaxofonist Jimmy Lyons, der beiden Bassisten Henry Grimes und Alan Silva, sowie von Schlagzeuger Andrew Cyrille als gleichwertig anzusehen waren. Hier deutet sich an, wo Taylor hin will: in atemberaubender Geschwindigkeit zu einer Musik, die den Jazz transzendiert zu etwas Höherem, etwas Unerhörtem. Der Aberwitz der Intensität seines körperlichen Pianospiels wird kontrastiert von lyrischen Passagen, abgemildert vom melodienreichen Spiel Bill Dixons, mündet aber stellenweise in die blanke Kakophonie, bei der alle Musiker ein bisschen verrückt spielen dürfen. Albert Koch

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Platz 13. Pharoah Sanders – Karma

Impulse!
1969

„Karma“ ist ein verwegenes Album. Als erstem Musiker gelingt es Pharoah Sanders hier, der Jazzmusik einen Weg aus der Schockstarre zu weisen, in der sie sich seit Coltranes Tod im Jahr 1967 befunden hatte. Es geht hier um „The Creator Has A Master Plan“, längst ein Standard, der aber nie so atemberaubend gespielt wurde wie in dieser – haltet Euch fest! – 32-minütigen Version. Sie beginnt traditionell, schmeckt in den ersten neun Minuten in verschiedene Stimmungen hinein, steigert sich dann zunehmend, wenn Leon Thomas’ immer wieder aufs Neue verblüffend und fremd klingender Jodelgesang einsetzt. Und explodiert nach 18 Minuten in eine atonale Raserei, die so wunderschön ist und frei und befreiend, dass man sich auf immer in diesem betörenden Lärm verlieren will. Danach ist man nicht mehr derselbe. Chris Weiß

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Platz 12. Kamasi Washington – The Epic

Brainfeeder
2015

THE EPIC war 2015 das Album, das den Jazz aus der Deckung der Akademikerzirkel in eine größere Pop-Öffentlichkeit trug. Das konnte auch deshalb glücken, weil Kamasi Washington seine Fühler bereits in HipHop- und Elektronik-Produktionen ausgestreckt und kurz zuvor Kendrick Lamars TO PIMP A BUTTERFLY arrangiert hatte. Knapp drei Stunden Musik, siebzehn Titel, eine zehnköpfige Jazzband, ein zwanzigköpfiger Chor und ein zweiunddreißig-köpfiges Orchester – der Tenorsaxophonist und Bandleader hätte sich an dem Umfang des Unterfangens leicht verheben können. Doch Washington beseelt den großen Raum, er stellt dem Jazz wieder einen Bezugsrahmen zur Verfügung, in dem Geschichte und Geisteshaltung spürbar werden – von den Annäherungen an Coltrane bis zur Widmung an Malcolm X. So nah ist uns Jazz lange nicht mehr gekommen. Frank Sawatzki

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Platz 11. Miles Davis – In A Silent Way

Columbia
1969

Ein krasser Traditionsbruch mit dem immer noch im Bop verwurzelten Jazz der 60er: Nicht solistische Glanztaten standen im Vordergrund auf IN A SILENT WAY, sondern das Ensemblespiel, das mehr denn je eine Rückkehr zur Kollektivimprovisation bedeutete. Für sein erstes elektrisches Album, ein Jahr vor BITCHES BREW veröffentlicht, stand Miles Davis eine Traumbesetzung zur Seite: Wayne Shorter (Sopransaxofon), John McLaughlin (Gitarre), Herbie Hancock (elektrisches Piano), Chick Corea (elektrisches Piano), Joe Zawinul (Orgel), Dave Holland (Bass) und Tony Williams (Schlagzeug). Die Musik ist ein zwei LP-Seiten langer Strom, dessen Klangfarbe von den E-Pianos, der Orgel und der Gitarre bestimmt wird, worauf die Trompete von Davis und das Sopransaxophon von Shorter dezente solistische Akzente in a silent way setzen. Man könnte auch Ambient-Jazz dazu sagen. Albert Koch

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