Liste

Die 50 besten Jazz-Platten aller Zeiten


Von BadBadNotGood über Miles Davis bis hin zu Sun Ra: Hier ist die ultimative Jazz-Liste für Einsteiger und Experten.

Platz 10. The Ornette Coleman Double Quartet – Free Jazz: A Collective Improvisation

Atlantic
1961

Das Album, das einem Genre seinen Namen gab. Wer FREE JAZZ von Ornette Coleman mit ungeschulten Ohren hört, wird unter Umständen überfordert sein von der scheinbaren Strukturlosigkeit der Musik, die damals in keiner Tradition stand, weil sie gerade dabei war, eine neue zu begründen. Wer tiefer in die Materie eindringt, wird irgendwann überrascht sein vom Melodienreichtum, der Interaktion der Musiker und von den Strukturen der Musik, die heute gar nicht mehr so „free“ wirkt im Vergleich zu späteren musikalischen Radikalisierungen wie John Coltranes ASCENSION oder Peter Brötzmanns MACHINE GUN. Ornette Coleman hatte zu den Aufnahmen zwei Quartette „gegeneinander“ antreten lassen, jedes auf einem anderen Stereo-Kanal, links er selbst am Altsaxophon, Don Cherry (Taschentrompete), Scott La Faro (Bass), Billy Higgins (Schlagzeug). Rechts: Eric Dolphy (Bassklarinette), Freddie Hubbard (Trompete), Charlie Haden (Bass), Ed Blackwell (Schlagzeug), alles war frei in dieser 37-minütigen Kollektivimprovisation, nur die Reihenfolge der Solisten wurde vorab festgelegt. Auf dem Cover war ein Ausschnitt von Jackson Pollocks Gemälde „The White Light“ aus dem Jahr 1954 zu sehen, das sich beim Öffnen des Klappcovers in seiner ganzen Pracht entfaltete. Die Analogie war naheliegend: Pollock, das Enfant terrible des Abstrakten Expressionismus und Coleman der Störenfried des Jazz, dessen Musik als „Anti-Jazz“ verunglimpft wurde. Albert Koch

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Platz 9. Herbie Hancock – Head Hunters

Columbia
1973

Ist das noch Jazz? Herbie Hancock führte den Synthesizer in das Genre ein, die Traditionalisten und Puristen wendeten sich ab, doch längst gehörte das Feld den Innovatoren, die Jazz weiterdachten und erneuerten. Neben Hancocks Keyboards bestimmen der Bass und vor allem das sehr weit nach vorne abgemischte Schlagzeug das Klangbild – die Bläser bei „Chameleon“ müssen sich hintenanstellen, an Kraft verlieren sie dadurch nicht. Der Clous: Ein abgeklärtes Update seines Signature-Tunes „Watermelon Man“, das ihn 1962 gleich mit seinem Solo-Debüt bekannt gemacht hatte – und hier absolut lässig und funky klingt. André Boße

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Platz 8. Don Cherry – Brown Rice

EMI
1975

Don Cherry gehörte Anfang der 1960er zu den Wegbereitern des Free Jazz um Ornette Coleman, später spielte er Jazz auf Gamelan-Instrumenten und Trillerpfeifen. In den fünf Minuten des Title-Tracks lässt er seine Pocket-Trompete in einen Geister-Raum schießen, begleitet vom Grummeln eines Wah-Wah-Basses, von E-Piano, Sax und einer weiblichen Stimme. So weit draußen war er selten, manchmal stülpt sich diese Musik aber auch wieder meditativ nach innen. Cherry hat die kollektiven Entgrenzungen im Ensemble stets als Lockerungsübungen verstanden, die von seinen Reiseeindrücken zehren durften. Auf BROWN RICE finden sich Elementarteilchen afrikanischer, indischer und arabischer Musik unter einem heiß atmenden Groove zusammen, den niemand wieder so intensiv hat flüstern können: Tschikeda-tschikeda-tschikeda. Frank Sawatzki

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Platz 7. Albert Ayler – Albert Ayler In Greenwich Village

Impulse!
1967

„Bewege deine Vorstellung in Richtung des Sounds” riet Albert Ayler einmal einem Journalisten, der sich erkundigt hatte, wie man seine Musik hören sollte. Auf den vier Live-Tracks seines 1967er Albums erreicht der Tenor- und Altsaxophonist, begleitet von einem Violinisten/Cellisten, einem Trompeter, zwei Bassisten und einem Drummer einsame Sound-Gipfel auf seinen Hypno-Jazz-Erkundungen. Das Besser-Spielen konnte Ayler anderen überlassen, er kreiste auf eine vogelwilde Art um die heilige Musik von John Coltrane und befreite den Jazz der Marching Bands vom lästigen Korsett. War das noch Free Jazz? Die Dekonstruktion des Folk-Blues? Albert Ayler spielte ein paar Jahre lang die rätselhafteste Sehnsuchtsmusik des Planeten. Frank Sawatzki

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Platz 6. Charles Mingus – Mingus Mingus Mingus Mingus Mingus

Impulse!
1963

Die Tracks sind bis auf „Celia“ nicht neu, Mingus wiederholt, variiert seine bekannten Themen. Dabei hilft ihm Bob Hammer, ein Meister der Arrangements und Orchestrierung, der diese Stücke zusammen mit Mingus und zwei Ensembles mit jeweils einem Dutzend Musiker auf die große Leinwand zieht. Fast die Hälfte der Songs kommt langsam und ungewohnt verträumt daher, allen voran die exquisite Version von Duke Ellingtons „Mood Indigo“, begnadetes Mingus-Basssolo inklusive. André Boße

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Platz 5. The Thelonious Monk Quartet – Monk’s Dream

Columbia
1963

Das erste Album des großen Pianisten und Komponisten Thelonious Monk für das Columbia-Label war eine Quartettaufnahme. Monks ganzer verquerer Genius aber zeigt sich in den beiden Piano-Soloaufnahmen, den Versionen des Schlagers „Just A Gigolo“ und des Jazz-Standards „Body And Soul“ ist förmlich anzuhören, wie Monk darüber nachgrübelt, wie er die Kompositionen am besten auf seine Seite ziehen kann. Bemerkenswert ist, mit welcher stoischen Ruhe seine Begleiter Charlie Rouse (Tenorsaxofon), John Ofre (Bass) und Frankie Dunlop (Schlagzeug) bei den anderen Stücken die rhythmischen und improvisatorischen Schlenker in Monks Pianospiel beantworten. Albert Koch

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Platz 4. Miles Davis – Bitches Brew

Columbia
1970

Es ist 1970, und Miles Davis ist bereit für eine Revolution. Mal wieder. Seine ganze Karriere ist gekennzeichnet von Revolutionen, von Kehrtwenden und Neuerfindungen. Aber keine ist so radikal und einschneidend wie das Hexengebräu, das ihm jetzt durch den Kopf geht: Beeinflusst von seinen Sessions mit Hendrix will er Jazz machen, der wie Rockmusik ist. Und erfindet dabei Fusion, fordernde, beißende Musik, die unentwegt auf der Rasierklinge tanzt und so heiß und schwül ist, dass man sich die Finger und den Verstand daran verbrennt. Davis und seinen Mitstreitern – darunter John McLaughlin, Chick Corea, Airto und Wayne Shorter – gelingt ein Voodoo Funk, der aus ferner Zukunft zurückgebeamt wirkt. Im Jahr 2018 sind wir immer noch da angekommen, wo „Bitches Brew“ herkommt. Chris Weiß

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Platz 3. Sun Ra – Space is the Place

Blue Thumb Records
1973

Vier Jahre lag die erste Mondlandung zurück, als Sun Ra den Themensong zu seiner afrofuturistischen Vision vom zivilisatorischen Purzelbaum in einen durch Freiheit definierten Raum schrieb. Space Is The Place – die Erzählung lag ja praktisch auf der Straße, aber der 21-minütige Titelsong des Albums kam dann doch von einem Stern, der seine eigene Musikgeschichte geschrieben hatte – in polyrhythmisch organisierten, rauschhaften Free-Jazz-Freak-outs mit paralysierenden Seitentönen, ihr Schöpfer an den Tasteninstrumenten. Dabei sollten wenige Tracks aus dem mehr als 100 Alben starken und stilistisch verzweigten Oeuvre Sun Ras so catchy ausfallen wie dieser, man wird sich den Gospel-Refrain von “Space Is The Place” auf der Stelle von Beyoncé gesungen vorstellen können. Frank Sawatzki

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Platz 2 . Miles Davis – Kind of Blue

 

Columbia
1959

Rein technisch gesehen markiert KIND OF BLUE die Erfindung des modalen Jazz als zweiten Weg (neben dem Free Jazz), um den Bebop hinter sich zu lassen. Ganz unwissenschaftlich betrachtet ist es eines der großartigsten Alben aller Zeiten. Stücke wie „So What“ und „Freddie Freeloader“ sind längst zu Standards geworden, Melodien für Millionen. Wie die fünf Stücke in einem relaxten Flow wie beiläufig dahingleiten ohne in dudelige Beliebigkeit zu verfallen, ist das Verdienst der vielleicht großartigsten Band der Jazzgeschichte. Von den sechs neben Davis beteiligten Musikern wurden mindestens drei später als Bandleader selber zu Stars: die Saxofonisten John Coltrane und Cannonball Adderley, sowie der Pianist Bill Evans. Albert Koch

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