Gedanken zum Gegenwärtig*innen

Warum es allerhöchste Zeit ist, das Entweder/Oder-Zeitalter zu verlassen

von
Julia Friese
Julia Friese

Drei Beobachtungen:

1. die tage sind gezählt

In guten Zeiten zählt man die Tage runter. In schlechten Zeiten werden die Tage gezählt, Ende ungewiss, aber gezählt. Corona-Erfahrungen werden in den sozialen Medien mit dem Hinweis auf den Tag geteilt: An „Tag 37“ hat die „Spiegel“-Kolumnistin Margarete Stokowski noch immer Corona-Symptome. Der „Zeit-Magazin“-Newsletter „Was für ein Tag“ hat das Zählen der Tage des Ukraine-Kriegs begonnen. Standen in seinem Betreff zuvor Dinge wie „Der Adele-Effekt & Führerschein mit 99“, so steht da nun „Der vierundvierzigste Tag“.

Das neue Rammstein-Album heißt ZEIT, Angel Olsens neues Album BIG TIME, und die erste Single „All The Good Times“. „The last few months, I’ve been working on me, baby. There’s so much trauma in my life“, singt The Weeknd in seiner Single „Out Of Time“, Placebo sind nach neun Jahren zurück. In „Try Better Next Time“ empfehlen sie, sich Flossen wachsen zu lassen, um wieder zurück ins Wasser zu gehen. Und in Rammsteins „Zeit“-Video werden Babys zurück in den Mutterleib geschoben, während Billie Eilish mit „No Time To Die“ ihren ersten Oscar gewonnen hat.  Auf der siebten Seite ihres neuen Romans „RCE“ schreibt Sibylle Berg, das Jahrtausend „würde als Zeit des Wandels in die Geschichtsbücher eingehen. Wenn es später noch Bücher geben würde. Oder eine Geschichte. Oder eine Welt.“

2. kein applaus

Man rechnet gar nicht mehr damit, dass Geplantes wirklich stattfinden wird. Selbst der April-Scherz ist 2022 ausgefallen, und wer ihn doch machte, schien aus der Zeit gefallen. Auch nicht mehr zeitgemäß ist Applaus. Seit dem Balkonklatschen für Krankenpfleger*innen 2020 haftet ihm etwas Verzichtbares an. Talkshows wie „Lanz“ wollen auch nach Corona ohne Publikum auskommen. Die Gespräche seien „ohne die populistischen Ausfallschritte für schnellen Applaus“ viel dichter geworden.

Beyoncés Auftritt bei den Oscars ging unter einem populistischen Gewaltakt beinahe völlig unter, trotz der Tatsache, dass sie ihn nicht im Studio, sondern in Tennisballgrün auf einem Tennisplatz in Compton performt hatte – ohne Publikum. Beyoncé salutierte, die Kamera flog hoch, über ihr Gesicht, über die Dächer von Compton, ließ „Be Alive“ stehen, als Kunstwerk, das auf einen wirken kann. Oder nicht. Ohne Applaus bleibt das Lob der Künstler*in nicht der letzte Eindruck.

3. i contain multitudes

In „The Undercurrents“ (2022) schreibt die Kunsthistorikerin Kirsty Bell, dass jedes Vorkommnis wie ein vielseitiger Kristall sei, der gedreht werden muss, von allen Seiten immer wieder neu untersucht. „Ich widerspreche mir, ich verwandle mich“, singt Rosalía in „Saoko“. Die Künstler*in Legacy Russell schreibt in „Glitch Feminismus“ (2021), dass sie sich als Jugendliche im Internet als Geflüchtete begriff. Geflüchtet vor den Festschreibungen des Mainstreams, der ihr „weiblich, Schwarz“ als Attribute und Rollen zuwies. Rollen, die sie aber nicht spielen wollte.

Trans sei ein Trend, schreibt Alice Schwarzer in ihrer Polemik „Transsexualität“ (2022). Sie glaubt, junge Menschen flüchteten heute in trans-Identitäten, da ihnen die zugewiesenen Gender-Rollen nicht gefielen, dabei seien es die, die bekämpft werden müssten. Der „Lesben-und-Schwulenverband“ widerspricht ihr, es gäbe heute mehr trans-Personen, die sich outen, ja, aber das sei kein Trend, sondern läge vor allem daran, dass sich sowohl rechtliche als auch gesellschaftliche Anerkennung von trans-Personen verbessert haben.

Torrey Peters wurde 2021 als erste trans-Autorin für den Women’s Prize for Fiction nominiert. Ihr Bestseller „Detransition, Baby!“ ist gerade auf Deutsch erschienen und erzählt die Geschichte der trans-Frau Amy, die wieder als Mann lebt, sich mit der Identität Mann aber nicht deckungsgleich sieht, und dann ein Kind zeugt. Vater wird. Ginge es nach der britischen Philosophin Kathleen Stock, hätte Peters nicht für den Women’s Prize nominiert werden können, da die meint, eine trans-Frau könne nie vollständig als Frau gesehen werden. Allerhöchste Zeit scheint es, das Entweder/Oder-Zeitalter zu verlassen. Viel lebendiger ist: und auch, und auch, und auch.

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 06/2022.


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