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Von Ponys und Dollars

Ein Dokumentarfilm über das Spannungsfeld zwischen kulturellem Anspruch und Wirtschaftlichkeit in der Festivalindustrie

Popismus-Kolumne

Hirnflimmern: Darum bekämpft Josef Winkler „Ninjago“ mit Paul McCartney

von
Josef Winkler
Josef Winkler

Es läuft: „Yellow Submarine“. Mein Sohn hat es aufgelegt. Und jetzt pass auf: auf Vinyl! Ja: auf gelbem Vinyl! Na, da hat Papi doch alles richtig gemacht! Aber die Analoghipster-Idylle trügt, denn bei uns hängt musikalisch der Haussegen schief, seit der Achtjährige und seine Geschwister dem bizarren Kinderfänger-Franchise „Ninjago“ anheimgefallen sind, der neben arschteurem Plastikspielzeug und einer überdrehten Plastikzeichentrickserie auch einen Soundtrack mit generic Plastikpowerpunkpop umfasst, bestehend vor allem aus einem quasi theme song in ca. 15 verschiedenen Versionen, die jetzt hier in jeder freien Spotify-Minute aus den Endgeräten quäken.

Und nun hab’ ich die ganze Zeit diesen blöden Lego-Refrain im Kopf. „Siehst du, weil’s halt doch ein guter Song ist“, sagt die A. mit Galgenhumor. Sie muss grad reden – gestern hat sie mir erzählt, dass es jetzt „Lemon Tree“ von Fools Garden in einer neuen Version mit so Beats drunter gibt, und wenn die das jetzt öfter spielen, dann muss es das Ende ihrer Bayern3-Popradio-Hörerei sein, zu der sie sich in Lockdownzeiten mutmaßlich in einer Art eskapistischer Hyperreaktion immer öfter hat hinreißen lassen, mit meiner ausdrücklichen Missbilligung – ist ja schließlich ein Musikkritikerhaushalt!

Dass ich diesen Legosong nicht aus dem Ohr kriege, liegt auch daran, dass die Kinder den Refrain immerzu vor sich hinsingen, in Fantasie-Englisch, so „wäckn-tschäkn-spinnäntörn-tschuwaaahwäh-bm-bouh“ etc. Da find’ ich den Verhörer von meinem Jüngeren bei Holger Czukay schöner – sorry, ich möchte Sie hier nicht mit „Kindermund“ behelligen, aber: „Kätzchen cool in the Pool“ für „Let’s get cool in the pool“ … Das ist doch hübsch.

Quasi positive Intervention

Jedenfalls hat der Ninjasong einen Leidensdruck auf mich ausgeübt, aber Gott sei Dank gibt’s den Quack nur als Stream, und als der Bub letztens Musik auf seinen neuen USB-Stick haben wollte, ergriff ich die Gelegenheit, korrigierend in die offensichtlich aus dem Ruder laufende musikalische Frühbildung einzugreifen und zog ihm auf die Schnelle vier erwiesen unausweichliche Ohrwurm-Klassiker drauf, quasi positive Intervention: „Yellow Submarine“, „Surfin’ USA“, „A Message To You Rudy“ von den Specials und „Let ’em In“ von Wings. Oder sagt man „von den Wings“?

Jedenfalls funktioniert das ganz wunderbar, wir gurken mit diesen vier Liedern im Auto herum, und ich doziere dazu über Brian Wilson und Paul McCartney, dass es jedermanns Herz erfreuen muss. Oder sollte. Also meins auf jeden Fall. Und daheim geht’s weiterführend an den Plattenschrank, die Hardware wird’s schon aushalten. Die Plastikninjas sind zurückgeschlagen.

P.S.: Ich merke grad, dass „Kätzchen cool im Pool“ gar kein so hübsches Bild ist. Keine Sorge: Das kommt da auch wieder heil raus.

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 05/2021.


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