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Popkolumne, Folge 55

Von „Isi & Ossi“ über Frank Spilker bis Coronavirus: Volkmanns Popwoche im Überblick

LOGBUCH: KALENDERWOCHE 09/2020

Im aktuellen Musikexpress (handgekauft für 7,90 EUR, schwöre!) geht es um die 100 besten Platten der Zehner Jahre. Platz eins und zwei durfte ich besprechen, die Thermals und Jens Friebe. Leider ging im Layout einiges drunter und drüber, dort werden sie auf Rang 94 und 82 gelistet. Die Richtigstellung aus der Grafik-Abteilung kann nur eine Frage der Zeit sein – oder soll es ernsthaft Alben geben, die in diesem Jahrzehnt noch besser gewesen waren? Ich glaube nein.

MINI-INTERVIEW DER WOCHE: DIE STERNE

Frank Spilker hat mit komplett neuen Allianzen, aber auch ein großes Stück weit allein ein neues Album als Die Sterne herausgebracht. Das ist doch nun wirklich eine Einladung wert zu dem kleinsten Interview-Slot, den das Netz zu bieten hat. Los geht’s:

Hallo Frank, sag doch mal: Welche ist deine Lieblingszeile aus den neuen Texten?

FRANK SPILKER: „Früher wurde gebrüllt / das macht man heute nicht mehr / man steht nicht mehr auf Podesten am Straßenrand und brüllt / weil das nichts mehr bringt“ (aus „Unterschiedlich subtil“).

Jenseits der neuen Platte: Was sind deine drei liebsten Sterne-Songs?
Spilker: „In diesem Sinn“, „Themenläden“, „Depressionen aus der Hölle“.

Was wissen selbst eingefleischte Sterne-Kenner noch nicht von dir?
Spilker: Ich war früher mal ein ganz passabler Roller Skater.

Die Sterne – DIE STERNE (PIAS / Rough Trade / VÖ 28.02.)

FILM DER WOCHE: „ISI UND OSSI“

„Schwuchtel sagt man heute nicht mehr, das heißt jetzt Hipster.“ So erklärt der Mannheimer Boxer Ossi seinem rechtsradikalen, frisch aus dem Knast entlassenen Opa, wie sich die Welt in den vergangenen 15 Jahren verändert hat. Klingt beknackt? Stimmt. Doch bei „Isi und Ossi“ wird solche Rollenprosa nicht genutzt, um homophobe Krassheit zu simulieren, sondern eine Rampe zu bauen für einen rührigen kleinen Entwicklungsroman, der am Schluss alle zu besseren Menschen macht.

Überhaupt hat man es bei „Isi und Ossi“ mit einer deutschen Komödie zu tun, vor der man nicht warnen muss – im Gegenteil. Ist sowas überhaupt erlaubt beziehungsweise mit den Gebeinen von Wim Wenders abgesprochen? Nein.

Und auch nicht mit den gängigen Filmrezensenten. Bei jenen gilt „Isi und Ossi“ nämlich als ziemlicher Dreck. Aber hey, beim Thema Humor, wem glaubt Ihr da mehr? Mir oder den anderen? Na, also!

ISRAEL DER WOCHE: CARIBOU

Das neue Album von Dan Snaith alias Caribou heißt SUDDENLY und erscheint diesen Freitag (28.02.). Was den Pin-Up-Nerd bei der Produktion so antrieb? Nun, davon kann man in diversen Interviews lesen. Zum Beispiel: Der Begriff „Suddenly“ bezieht sich unter anderem darauf, dass seine Tochter verdammt plötzlich in einem Taxi zur Welt kam – und außerdem setzt Caribou sich mit toxischer Männlichkeit auseinander.

Ja, ja. Alles gut und schön. Im ausführlichen Gespräch mit Steffen Greiner im aktuellen Musikexpress aber wird auch das Thema angesteuert, was es mit Caribous Unterstützung des BDS beziehungsweise der Aktion „DJs For Palestine“ auf sich hat. Der reflektiert wirkende Musiker beteiligt sich an Kulturboykotten gegen Israel? Was sagt er denn dazu?

Die BDS-Passagen habe ich hier rausgesucht (siehe Bild). Sehr aufschlussreich. Wer mehr davon lesen will, kauft sich bitte das Magazin am Kiosk. Das macht Euch auch nicht kaputt! Support Musikjournalismus.

CLIP DER WOCHE: SOCCER MOMMY

Zur Veröffentlichung des neuen Albums (COLOR THEORY) in dieser Woche packt uns Soccer Mommy auch noch einen weiteren Clip drauf. Das Video verbindet Minecraft-Ästhetik mit 8-Bit-Kunst – und der Song „Bloodstream“ senkt die Augen auf halb acht. Dieses Stück ist so zauberhaft somnambuler Indie, es ist so völlig aus der Zeit gefallen, ich sag’s, wie es ist: Hab jetzt richtig Bock, mich wieder hinzulegen.

 

PODCAST DER WOCHE: STAMMTISCH STEREO

Klar, gefühlt machen alle und Deine Mutter gerade einen Podcast. Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber wenn ich beim Kochen dann einen hören möchte, fällt mir trotzdem keiner ein – und ich muss hoffen, dass Jan Müllers „Reflektor“ eine neue Folge hat. Für den Fall, dass das mal wieder nicht so ist, empfehle ich Euch diesen hier: Die Radiomoderatorin Anke van de Weyer (YouFM) und der Rapper Yassin (bekannt von seiner Zusammenarbeit mit Audio88) begegnen sich und reden. Mir gefällt das Unaufgeregte. In „Stammtisch Stereo“ soll man augenscheinlich beruhigt und mal nicht über die Klippe gestoßen werden. Ewiger Dank dafür! In der ersten Folge stecken beide ihre musikalischen Terrains ab, daher auch der Titel „Hundewiese“. Gern gehört. Mal sehen, wie es weitergeht.

P.S.: Guter Service übrigens, den Podcast gibt’s auch auf YouTube. Passt zumindest mir als Spotify-Muffel sehr gut.

 

FOODBLOG DER WOCHE: VEGANE FISCHSTÄBCHEN

Okay, friends, ich lade Euch ein, mit mir den Sehnsuchtsort Fischstäbchen zu besuchen. Kommt, tut doch nicht so. Klar, eine gute Bouillabaisse, das würde Euch gefallen oder eine Languste auf Zitronenschaum. Aber eigentlich sehnen sich alle Fischesser doch zurück zur heimeligen Panade frittierter Fischstäbchen. Ich persönlich esse keine Fische, doch selbst ich kann mich – zumindest dunkel – an das gefällige Stangen-Gericht von Captain Iglo erinnern. Jetzt mal wieder getestet – in seiner veganen Variante. Ekel natürlich schon bei der Vorstellung: wine Art Tofu, der nach Fisch schmeckt? Ist das nicht schon Viertel vor Stinkfrucht wie bei „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“?

Nun, bin ja kein Foodblogger, und vielleicht war ich einfach nur aufs Schlimmste vorbereitet gewesen, aber: schmeckt eigentlich ganz geil. Oops. Bitte nicht meiner Kulinaristen-Gruppe auf Facebook weitersagen!

Extra den Hersteller nicht mit abgebildet, ist nämlich auf keinen Fall Werbung – und dann noch den Musikexpress daneben gelegt. Wie integer kann man sein!?

MEME DER WOCHE

DER VERHASSTE KLASSIKER: KINGS OF LEON

Kings Of Leon
ONLY BY THE NIGHT
(VÖ 19.09.2008)

In größeren Proberaumkomplexen läuft man im Gemeinschaftsraum beim Kaffee-Automat über kurz oder lang einem sehr verbreiteten Typ Musiker über den Weg: lange Haare, Lederbänder an den Handgelenken, Bart natürlich und formlose Jeans.
Man kann wetten: Dieser Vogel spielt besser Gitarre als man selbst. Dennoch versumpft die Mucke seiner Band stets in ödem Gebrauchsrock – mit immer dem kleinen Extra zu viel an Gitarren-Gequengel. Dafür ist das Songwriting an der Schwelle zum Scheintod und kommt über irgendwelche aufgebockten Blues-Standards nie hinweg. Der Coolness-Faktor der Band, in der dieser Typ spielt, liegt zudem irgendwo zwischen Chris Norman und Heroes Del Silencio.

Am Kaffee-Automat drängelt er sich vor und macht verächtliche Geräusche, wenn er sieht, was für baufälliges Equipment man selbst nutzt. Doch der Trost: Dieser Mucker-Otto mit dem Lederbändchen-Berufsmusiker-Swag wird es trotz all seiner langweiligen Superskills niemals schaffen. Keiner will das hören.

Einzige Ausnahme je: Kings Of Leon. Hier kamen sogar vier solcher Exemplare durch – und ganz nach oben. Fragt mich nicht, wie das passieren konnte. Schlimm war es in jedem Fall!

  • Linus Volkmann („Musikjournalist“)

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.


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