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Melt Festival 2017: Eine Geburtstagsparty, die lange nicht in Fahrt kommt

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Innerhalb einer Woche fanden in Ferropolis bei Gräfenhainichen gleich zwei runde Jubiläen statt. Das Splash! wurde 20 Jahre alt, am vergangenen Wochenende folgte das Melt mit seiner 20. Ausgabe. Doch während das Splash HipHop-Fans dank K.I.Z. und Travis Scott in Ekstase versetzte, schickt das Melt viele seiner Besucher frustriert zurück ins echte Leben. Die Gründe: Eine lange Regennacht und ein Timetable, der so manchen Headliner zur Randnotiz verkommen lässt.

Die Mischung aus Elektronischem und Bands, sie ging eigentlich nur am letzten Festivaltag richtig auf. Zuvor hatte man das Gefühl, dass die Dealer auf den Toiletten mehr Euphorie auslösten als eine M.I.A., die am Freitagabend auf einem Grenzzaun sitzend von der Mainstage aus über die Probleme der Welt rappte. Hätte richtig gut werden können, wenn da nicht unsauberer Sound und Nieselregen gewesen wäre. Und ein Publikum, das auffällig unentschlossen und verhalten wirkte, dessen restliche Motivation in der Auftaktnacht vom Regen ertränkt wurde. Weit nach Mitternacht folgte für Ritchie Hawtin die ganz große Bühne, ein trockener Unterschlupf war da allerdings schon wichtiger. Wen es noch nicht frühzeitig ins Zelt trieb, der konnte auf einer der (zu vielen) Nebenbühnen zumindest noch zu Egyptian Lover und den Spandauern von FJAAK im Matsch tanzen.

Lauerstellung und Achselzucken am Samstag

Nein, es war ganz gewiss kein guter Auftakt in das Jubiläumswochenende, was am Freitag zumindest teilweise auf das Wetter geschoben werden konnte. Am Samstag gab es aber keine Ausreden mehr, Line-Up und der Timetable sorgten für frustrierte Gesichter auf dem Gelände, das um 15 Uhr öffnete und erst sechs Stunden später wirklich interessant wurde. Und zwar durch Warpaint, Honne und Bilderbuch, die bis nach Mitternacht auf den großen Bühnen spielten und vielen Zuschauern nach Stunden des planlosen Umherlaufens zwischen all den Elektro-Stages einen Fixpunkt gaben. Bei den Österreichern, die mit „Bungalow“ ja immerhin einen veritablen Hit im Gepäck haben, war allerdings greifbar, dass sich die Masse für eine lange Nacht aufsparen wollte. Nur wenige schwitzende Gesichter waren waren bei Bilderbuch zu sehen, die Animationsversuche von Sänger Maurice Ernst fruchteten dürftig, nach einer Zugabe sollte am gesamten Wochenende nicht einmal gerufen werden.

Bilderbuch beim Melt-Samstag

Die Lauerstellung, das Achselzucken des Publikums war zumindest wie gemacht für Bonobo, der nach Bilderbuch samt Liveband die Mainstage übernahm. Und das Melt für kurze Zeit mit seinen Klangwelten fernab von Rave-Gebumse in Trance versetzte. Während M.I.A. 24 Stunden zuvor noch an Ungleichheit und Armut erinnerte, machten Bonobos Bläser mit Unterstützung von Landschaftsaufnahmen auf der Leinwand die Welt und sogar das diesjährige Melt zu einem Hort der Glückseligkeit.

Nach Bonobo bekam man die Erklärung dafür, warum die Menge ausgerechnet bei den Headlinern und Bands dermaßen reserviert wirkte. Weil es – keine wirkliche Überraschung – ab einem gewissen Zeitpunkt beim Melt darum geht, einen gigantischen Club nach Berliner Vorbild zu inszenieren. Und so wurden Sisyphos-Stage (hübsch im Wald) und Sleepless-Floor zu den Fixpunkten einer warmen und wilden Nacht bzw. Morgen bzw. Vormittag. Ohne Hemmschwelle und auch ohne Scham, wenn sich die Tanzenden nicht einmal die Mühe machten, die Tanzfläche für die nächste Line Ketamin zu verlassen. Das Konzept, die Electro-Szene nach Ferropolis zu holen, ging zumindest im Schutz der Dunkelheit auf. Dann leuchteten die kunstvollen Installationen, dann wirkte das kleine Kino im Wald charmant, dann ließen sich die Besucher gehen. Es bleibt die Frage, ob man für das Club-Erlebnis allerdings überhaupt auf ein Festival fahren muss. Und wie Bilderbuch in dieses Konzept passen sollen.

Bonobo und Band versetzten die Menge in Trance

Der Sonntag beim Melt 2017 wird endlich mitreißend

Am Sonntag wurde das Festival versöhnlich für diejenigen, die Bands statt DJs und Rausch in den Vordergrund stellen. Phoenix heizten nach Sonnenuntergang auf der Mainstage an, Thomas Mars ließ sich in der Zugabe sogar vom Publikum tragen – eine überfällige Lektion in Sachen Stimmung auf der prominentesten Bühne des Festivals. Nach Phoenix dann großes Finale, Die Antwoord zerrissen als Stimmungsgarant alles, was zu zerreißen war, spielten ein „Nummer Sicher“-Set von „Cookie Thumper“ bis „Enter the Ninja“ – das Ego und die irre Bühnenshow der Südafrikaner riss zum ersten Mal wirklich jeden Besucher mit. Und passte hervorragend zwischen das schwere Gerät in Ferropolis.

Die Antwoord retteten den Sonntag auf dem Melt-Festival

 

Leichtes Spiel hatte danach , die ein kurzes, aber leidenschaftliches Set spielte und alle, die nicht gerade auf dem Sleepfless-Floor festhingen, daran erinnerte, dass Pop ja auch noch eine ganz hübsche Party starten kann. Die Dänin hätte dem Melt auch auf der ganz großen Hauptbühne gut zu Gesicht gestanden. Am besten zum Auftakt, dann wäre der 20. Geburtstag nicht erst mit erheblicher Verzögerung in Fahrt gekommen.

Erik Lorenz
Erik Lorenz
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