Stilkolumne

Mit Supreme zieht die hippste Streetwear-Marke der Welt in Berlins Osten

von
Jan Kedves
Jan Kedves

Ich habe einen Vorschlag: Die Berliner Torstraße wird umbenannt. Es wäre ja nicht das erste Mal. In der DDR hieß sie Wilhelm-Pieck Straße. Damals wurde in der Autowerkstatt mit der Hausnummer 74 an Škodas aus der verbrüderten Tschechoslowakei geschraubt. Ursprünglich war der Flachbau, der mit seiner schmucklos modernistischen Fassade aus dem Ostberliner Gründerzeitstil heraussticht, als Citroën-Werkstatt gebaut worden, vor dem Zweiten Weltkrieg.

 

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Nach der Wende, 1994, wurde die Straße in Torstraße zurückumbenannt. Im selben Jahr gründete im fernen Manhattan ein Mann namens James Jebbia seinen Skateshop Supreme. Aus dem erwuchs bald die hippste Streetwear- Marke der Welt, denn die Essenz von Skaterschweiß, verrührt mit schrägen Co-Brandings (Porzellanmanufaktur Meissen, Louis Vuitton), ist unschlagbar, noch dazu wenn das Geschäftsmodell auf strikter Produktverknappung basiert.

„Der Arsch von Mitte“

In der Torstraße dauerte es mit der Hipness derweil noch. Es gibt in Berlin Menschen, die sich gut daran erinnern, dass die Straße bis weit in die Nullerjahre „der Arsch von Mitte“ genannt wurde, einfach weil hier wirklich gar nichts war und die Straße so hässlich ist. Aber dann kamen die Stores: der Soto Store, der Superconscious Store, der Kickz Premium Store und, kurz ums Eck in die Linienstraße und die Schönhauser Allee rein, der Firmament Store und der Sneaker’n’Stuff Store. All diese Stores mischen ihre Sortimente aus Sneakers, Streetwear-Brands und Mode, die noch nicht richtig High-Fashion ist, aber schon ordentlich was kostet.

 

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Am östlichen Ende, im Soho House, gibt es noch dazu The Store, wo es mit Balenciaga und Marni dann schon deutlich in Richtung Paris und Mailand geht. All diese Stores zusammengenommen haben aus der Torstraße die Hipstermeile gemacht – und den Boden bereitet für die Eröffnung des Supreme Stores in der ehemaligen Autowerkstatt. Sie wurde im November planmäßig begleitet von langen Schlangen draußen auf der Straße.

Ist die Torstraße jetzt durchhipsterisiert?

Ist die Torstraße jetzt durchhipsterisiert? Zum Glück nicht, zwischendrin halten sich noch Relikte aus der alten Zeit: die kleine Zoofachhandlung Ueberschär, der vietnamesische Laden an der Ecke Gormannstraße, der Schwarze Reiter, ein Fetischladen für Fesselspiele und Kink-Couture. Aber die Stores haben die Macht. Seltsam, dass sich der Secondhand-Laden Paul’s Boutique, seit 2008 hier und neuerdings Nachbar von Supreme, noch nicht in Paul’s Store umbenannt hat. Und wie soll die Torstraße künftig heißen? Klar: Storestraße.

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 01/2022.


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