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Serien-Kritik

„Normal People“ bei Starzplay: Melancholisch, zart und dennoch scharf beobachtet

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Zu sagen, in „Normal People“ ginge es um das Erwachsenwerden, würde der Serie nicht gerecht werden – und dennoch wäre es wahr. Die Beschreibung klingt zu lapidar, zu oft dagewesen, zu sehr nach durchschnittlicher Coming-of-Age-Geschichte. Das gleiche trifft auf die Beschreibung „Young Adult“-Romanze zu. Viel zu abgedroschen. Und trotzdem erkundet die zwölfteilige Miniserie genau das: die Suche zweier „normaler“ Menschen nach dem individuellen Weg im Leben, mal gemeinsam und mal allein. Zunächst während der letzten Phase der Schulzeit, dann durch das Studium.


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Vorgestellt werden Marianne (Daisy Edgar-Jones) und Connell (Paul Mescal) als relativ stereotype Figuren: Sie ist schlau und redegewandt, aus einem wohlhabenden aber unterkühltem Elternhaus und aufgrund ihrer sarkastisch-barschen Art eine Außenseiterin, die der kleinstädtischen Enge eines irischen Kaffs so schnell wie möglich entkommen möchte. Er wiederum punktet durch seine sportlichen Leistungen bei seinen Mitschüler*innen, ist dementsprechend beliebt und steht bei Partys im Mittelpunkt. Auch finanziell sind sie gegensätzlich: Connells Mutter ist bei Mariannes Familie als Putzfrau angestellt.

Gleichermaßen erwartbar ist, dass sich ausgerechnet zwischen diesen beiden Gegenpolen eine enorme Anziehungskraft entwickelt, die nach kurzer Spielzeit zu einer Affäre zwischen Marianne und Connell führt. Er die Sportskanone, sie der Sonderling – sie entscheiden sich dazu, ihre Beziehung geheim zu halten. Anders als das zunächst recht einfache Tableau vermuten lässt, verspricht die Erzählweise bereits nach wenigen Minuten, dass die Geschichte auf etwas Wahrhaftigeres hinaus möchte, als immer gleiche „Gegensätze ziehen sich an“-Romanzen. „Normal People“ ist nicht „Clueless“.

Glaubhafte junge Liebe ohne Teenie-Kitsch

Das beginnt bereits bei Bildsprache und Musik. Blasse Farben und ein ruhiger Soundtrack, der von Imogen Heap bis Frank Ocean reicht, vermitteln die zarte, melancholische Stimmung, die sich durch alle jeweils dreißigminütigen Folgen zieht. Nahaufnahme folgt auf Nahaufnahme, um die Dialoge zwischen Connell und Marianne einzufangen, die die gesamte Serie fast allein tragen. Trotz oder gerade dank ihrer Unaufgeregtheit – kein triefender Teenie-Kitsch weit und breit – schaffen es die Gespräche, das tiefe Band zwischen ihnen glaubhaft zu machen.

Man merkt es der Serie durchaus an, dass sie auf eine sprachmächtige Buchvorlage zurückgreifen konnte – und dass Autorin Sally Rooney mit Alice Birch („Lady Macbeth“) und Mark O’Row selbst am Drehbuch arbeitete. Bereits bevor „Normal People“ von der BBC und Hulu fürs Fernsehen adaptiert wurde, war das Buch ein Phänomen: Der „Guardian“ setzte es 2018 auf Platz 25 der hundert besten Bücher des 21. Jahrhunderts, auch in den USA wurde es zum Bestseller. Als Stimme der Generation, die die Probleme der „Millennials“ treffend einfange, wurde Rooney bereits seit ihrem Debütroman „Gespräche mit Freunden“ gelobt. Auch das klingt zu sehr nach kurzlebigem Hochglanz, um sich eine Vorstellung vom Ton der Serie zu machen. „Normal People“ wirkt eher wie die penibel genaue Verfilmung eines Bildungsromans. Das ist sicherlich auch der Feinfühligkeit Lenny Abrahamsons („Raum“) gegenüber komplexen Stoffen zu verdanken. Er übernahm die Regie gemeinsam mit Hettie Macdonald („Doctor Who“).

BBC


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