Popkolumne, Folge 201

One Larifari: Paulas Popwoche im Überblick

von
Paula Irmschler
Paula Irmschler

Ihr seid am Arbeiten, im Büro, im Laden oder zu Hause, ihr seid Arbeitsverweigerer wie Friedrich Merz, ihr seid mal wieder krank wie ich, ihr wartet aufs nächste Fußballspiel oder die nächste Katastrophe, ihr überlegt ob ihr die Heizung anmachen sollt oder nicht, wie Andreas Dorau:

0 der Woche: Love

Ihr macht jedenfalls euer Ding oder versucht es zu machen, je nachdem, ob ihr noch könnt. Ich sags ganz offen, ich bin ziemlich verzweifelt. Wir rasen auf verschiedene Katastrophen zu, die eigentlich schon am Eintreten sind: Armut, Pflegenotstand, Klimakollaps, kriegerische Auseinandersetzungen, Terror. Währenddessen werden Sachen, die das Ruder zumindest ein bissl in eine andere Richtung drehen könnten, in den Sand gesetzt und bekämpft. Klimakonferenz ohne Ergebnisse, der Versuch der Kriminalisierung von zivilem Ungehorsam (siehe Letzte Generation), die Weiterführung von HartzIV unter neuem Namen und jetzt geht nichtmal mehr die hohlste Symbolpolitik durch, wie uns der peinliche Fall um die One-Love-Binde von Manuel Neuer gezeigt hat.

Ich weiß, es ist hier die ulkige Popkolumne mit der guuuuden Laune, aber wer jetzt nicht so langsam verzweifelt ist, wird es wohl nimmermehr (toll) – der November tut sein Übriges – und am Ende ist ja auch alles immer Pop. Um ein politisches Zeichen oder so zu setzen, lief dann zum Beispiel mehrmals dieser Song im ZDF im Hintergrund:

Schade, dass dieser Tage immer dieser Schmankerl vergessen wird:

Übrigens haben Deichkind am Mittwoch eine geupdatete Version ihrer 2014-Fahnenverbrennungshymne „Ich habe eine Fahne“ auf Youtube-Video veröffentlicht. Dazu bieten sie Solishirts an, deren Erlöse an die Organisation „All Out“ gehen sollen.

Wenn man das Video heute sehen will, sieht es so aus:

Lustig, wenn man bedenkt, was da gerade so weltweit über die TV-Bildschirme flimmert. Nun gut, zumindest die Shirts kann man sich noch kaufen.

Weitermachen der Woche: Weihnachten

Wenn man nicht so sehr von irgendwas betroffen ist, kann man natürlich noch „Wetten, dass..?“ moderieren, als wäre es 2005, sich für „den Sport“ bei der Fußball-WM in Katar interessieren oder sich für 5000 Dollar Tickets für Bruce Springsteen oder Taylor Swift kaufen. Oder man geht halt tiefer, immer tiefer in den Weihnachtsmodus, es gibt wieder (obwohl ich kein Weihnachten feiere mein Lieblingsgenre!) neue Weihnachtslieder, ringringring!

Macy Gray & The California Jet Club:

Alicia Keys:

Joss Stone:

Norah Jones:

Trousdale (ich weiß, Folgendes ist streng genommen kein Weihnachtslied, dafür aber halt am Schönsten, verklagt mich doch!):

Ost, Ost, Ostdeutschland der Woche

Irgendwas ist da gerade im Gange. Die DDR wird vielfältiger betrachtet als früher, so zumindest mein Gefühl. Teilweise soll sie jetzt irgendwie hipper („westlicher als man bisher dachte!“) gemacht werden oder so, das finde ich schon wieder albern, aber hier und da gelingt mehr Differenzierung als man es bisher so aus den Graufilmen der Nuller- und 10er-Jahre über den Osten kennt. Im Kino lief gerade noch der Film „In einem Land, das es nicht mehr gibt“, der von der Frauenzeitschrift „Sibylle“ und der Modewelt der DDR handelt, auf Netflix haben wir alle die fiktive, ultrabunte Agentinnen-Serie „Kleo“ mit der tollen Jella Haase gesehen.

Und dann plötzlich dieser Burner: „Wendekind“ von Marteria, Finch und Silbermond. Ja, da hat man mindestens beim ersten Mal gemischte Gefühle bei. Silbermond plötzlich in so uncooler Begleitung? Gebt der Sache bitte eine Chance!

Noch ein paar Tage gibt es außerdem diese tolle Doku in der 3sat-Mediathek: „Auswärtsspiel – Die Toten Hosen in Ost-Berlin“. Vor 40 Jahren gründeten sich die Hosen und kurz danach traten sie in der DDR auf, natürlich in Ost-Berlin. Dort trafen sie auch auf Ostpunks und tauschten sich mit ihnen aus – unter anderem die Gruppe Planlos –, die sie im Zuge dieser Doku wiedertrafen. Habe geheult!

Und ein richtiger Überraschungshit ist für mich der Film „Nebenan“, den man auf Netflix gucken kann. Erst dachte ich: Daniel Brühl, irgendwas mit DDR, komm, nöööö. Aber dann war es unglaublich gut! Brühl spielt sich quasi selbst, beziehungsweise hat er die negativsten Zuschreibungen genommen, die er regelmäßig vor allem von der deutschen Presse abbekommt. Dabei wird er (als Daniel Weltz) von seinem ostdeutschen Nachbarn komplett vorgeführt und in die Mangel genommen. Es geht um Gentrifizierung, Stasi und Sülze. Peter Kurth, der diesen Nachbarn Bruno spielt, zeigt, dass er vielleicht der beste Schauspieler Deutschlands ist, es ist ein absoluter Wahnsinn, guckt das. Vor allem wenn ihr Wessischweine seid!!!

Album der Woche: Zucker – „Zucker“

Zucker (bestehend aus Pola Schulten und Chris Schalko) haben endlich ihr Album draußen, Eingeweihte warten seit 10 Jahren. Aber wer kennt das nicht, viele von uns sind eben spät dran und manchmal stimmt der Zeitpunkt eben nicht. Diesmal stimmt er, es ist nie zu spät für Kunst. Und bei allen 13 Songs spürt man die Anspannung, dieses „ES MUSS JETZT ENDLICH RAUS“, die Dringlichkeit, den Bock. „Zucker“ ist die kämpferische, feministische Elektropop-Platte, die diesem Jahr noch gefehlt hat. Mein vorläufiger Lieblingssong heißt „Macht mich geil“, aber um mich endgültig zu entscheiden, muss ich’s wohl live sehen. Und ich würde 5000 Euro für ein Konzert von Zucker zahlen, ist doch klar.

Playlist der Woche: DIE Playlist

Habt ihr es mitbekommen? Es ist endlich passiert. Jemand hat DIE Playlist to end all the playlists erstellt. Und zwar der*die Reddit-Nutzer*in u/NoHoldingMeBack. Dafür hat diese Person auf allen möglichen Plattformen nach den perfekten Songs aus allen möglichen Genres gefragt und Antworten erhalten. Hier ist das umfangreiche Ergebnis:

Und hier gibt es alle Genres noch mal einzeln aufgedröselt.

Oh, da fehlt irgendwie noch eine Weihnachtsliste… Ich mach mich mal ran. Morgen ist außerdem Black Friday, da kann man sich wieder glücklich shoppen, wenn man halt kann. Ich leg mich wieder ins Bett und schniefe in mein Taschentuch, tschöööö.

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

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