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Nachbericht und Fotos

Primavera Sound 2019: 5 Beobachtungen, die wir vom Festival der Zukunft mitgenommen haben


Ein bisschen fühlte sich das schon wie eine Utopie an. Eine, die man greifen kann. Eine, in der man ein paar Tage und Nächte lang das Gefühl haben darf, die Welt sei vielleicht doch schon zwei, drei Schritte weiter, als man immer befürchtet. Irgendwie haben es die Macher vom Primavera Sound Festival hinbekommen, am vergangenen Wochenende in Barcelona ein Musikevent über die Bühne zu bringen, bei dem es sich tatsächlich so anfühlte, als hätte man das Ohr ganz nah an den Nerv der Zeit gelegt und lausche nun den Vibrationen einer neuen, schönen und, ja, gleichberechtigten Welt.

1. The Future is … equal

Das lag vor allem daran, dass zum ersten Mal in der Geschichte des Festivals mehr als die Hälfte der gebuchten Acts Frauen oder Genderqueer-Künstler*innen waren. Damit ist das Primavera Sound auch das erste Großfestival seiner Art, das sein Line-up ausgeglichen gestaltet. Um die 200.000 Menschen strömen jedes Jahr vor seine Bühnen. Und weil sie auch in diesem Jahr kamen (am Samstag gab es sogar einen neuen Tagesbesucherrekord: 63.000), kann und muss man das auch als Ansage in Richtung all der anderen europäischen Festivals verstehen, deren Line-ups auch im diesem Sommer noch so schwindelerregend männerdominiert sind, dass man eigentlich von nichts anderem als Ignoranz sprechen kann.

Dass 50 Prozent Frauen auf den Festivalbühnen eigentlich gar nichts Besonderes sein sollten, schwang im Motto mit, das sich das Primavera Sound Festival in diesem Jahr auf seine Plakate, Merchandise-Shirts und Infoflyer geschrieben hatte: „The New Normal“, das neue Normal: mehr Frauen, mehr Genres, mehr gender- und identitätspolitische Vielfalt. Ja, liebe deutschen Festivalmacher, das geht! Wirklich! Es ging sogar ziemlich gut. Denn viele der weiblichen Acts, die in Barcelona in zum Teil allerbesten spätabendlichen Time-Slots auftraten, gehören ohnehin zu den entscheidenden Impulsgebern der Popmusik der vergangenen Jahre.

Christine and the Queens zum Beispiel. Die französische Sängerin Hélöise Letissier, die sich passend zu ihrer queeren Identität seit ihrem jüngsten Album nur noch Chris nennen lässt, spielte zwischen Pyrotechnik und donnernden Konfettikanonen ihren ansteckenden Elektro-Pop zu expressiven Choreografien. Oder Janelle Monáe, die in ihrem schillernden P-Funk-Spektakel von einer Bühnenperformance auch ihre berüchtigten Vulva-Hosen (aus dem Video zu „Pynk“) vorführte. Charli XCX hielt den Blick konsequent in Richtung Zukunft und spielte fast keinen ihrer großen Pop-Hits (nur einen: Icona Pops „I Love It“), dafür vor allem ihre neuen, vom quietschig-experimentellen Elektro-Boller-Sound des Labels PC Music beeinflussten Songs. Und dann war da noch die Grande Dame des Neo-Soul: Erykah Badu exerzierte unter einem absurd hohen, weißen Hut nicht nur schamanische Energieübungen mit dem Publikum, sondern lieferte mit einer eingespielten Band auch einen nahezu perfekten, von kosmischen Vibes durchzogenen Soul-Auftritt.

Vor allem aber gehört das Finale der drei Haupttage, der Samstagabend, zwei der Popkünstlerinnen, die zu den aufregendsten unserer Gegenwart gehören: Rosalía und Solange Knowles.

2. Rosalía – el amor de los españoles

Mit Abstand die meisten Zuschauer zog am Samstagabend der spanische Popstar Rosalía an. Ihr flog in Barcelona die heiße Liebe eines ganzen Landes entgegen. Vor zwei Jahren spielte die 25-Jährige, die seit ihrem Megahit „Malamente“ und dem Album EL MAL QUERER aus dem vergangenen Jahr auch global für Aufsehen sorgt, noch auf einer kleinen Primavera-Bühne ein akustisches Mini-Konzert. Jetzt Hauptbühne, jetzt Primetime-Slot, jetzt die Liedzeilen ihres Eröffnungsstücks „Pienso en tu mirá“ komplett auswendig aus zehntausenden Kehlen. Hier entlud sich gefühlt der Stolz einer ganzen Nation auf ihr zeitgemäßes Wunderkind. Rosalía ist hier, in den Vororten von Barcelona, aufgewachsen und mischt traditionellen Flamenco-Gesang mit Avantgarde-R’n’B. Damit ist sie gerade mit Abstand das coolste Kid der spanischsprachigen Popmusik. Auf der Bühne vollführte sie dazu mit ihren Tänzerinnen dynamische, vom Flamenco inspirierte Choreografien, holte für ihre gemeinsame Single „Barefoot In The Park“ James Blake auf die Bühne und sang eine berührende a-cappella-Version ihrer katalanischen Ballade „Catalina“. Es ist ein elektrisierender Auftritt, kraftstrotzend und von intimer Wärme zugleich. 

3. Solange – Sogwirkung und Ausdruckstanz

Solange Knowles zeigte einmal mehr, dass sie längst mehr als eine klassische Popsängerin ist – und mehr als Beyoncés kleine Schwester ohnehin. Ihr Auftritt zeigte sie vor allem als große visuelle Künstlerin und eigenwillige Choreografin. Zusammen mit einer siebenköpfigen Band, zwei Background-Sängerinnen und Tänzern führte sie ihr neues Album WHEN I GET HOME als Mischung aus lässiger Soul-Live-Session und Kunst-Performance auf: Band und Tänzer, alle in minimalistischem schwarz gekleidet, bewegten sich in eleganten Gesten, die zwischendurch die eigenwillige Sogwirkung von Ausdruckstanz erzeugten. Und irgendwie war auch schon die Bühne selbst eine kleine Kunstinstallation: eine eigenartig unsymmetrische Treppenskulptur (mit setzkastenartiger Aussparung für den Schlagzeuger) ließ einen manchmal vergessen, dass man auf einem Festival war und nicht bei einer cleanen, hippen Art Show. „Tonight we are celebrating black excellence“, verkündete Solange einmal und erklärte am Ende in einer lange, emotionalen Rede, wie sich mithilfe ihres neuen Album aus einer tiefen, gesundheitlichen Krise befreit habe: „Things I Imagined“, die repetitive Zeile aus dem Album-Opener, das sei sie selbst gewesen, die sich immer wieder einredet habe, wieder zu alter Energie, Lebendigkeit und Grandezza zurückzukehren. Und genau das tat sie auf der Bühne in Barcelona.

4. … and the men are still alright

Wie normal und aufregend und euphorisierend diese Shows waren, das merkte man ironischerweise erst, wenn man dann doch mal an einer Bühne mit einer weißen Männer-Rockband vorbeikam, Guided By Voices zum Beispiel, Interpol oder Primal Scream. Die spielten ihre alten und, ja, immer noch guten Hits und kamen einem plötzlich vor wie seltsame Besucher aus einem muffigen Paralleluniversum. Was natürlich nicht bedeutet, dass sie schlechte Sets gespielt hätten. Nein, keine Sorge, auch die Männer hatten natürlich ihre Momente. Indie-Boy Mac DeMarco spielte bei Abendsonnenschein seinen charmanten Slacker-Surf-Rock. James Blake baute aus seinem neuen Album ASSUME FORM und älteren Songs ein in seiner Klarheit überwältigendes Set (und kam ­– passend zu seiner neugefundenen Gelassenheit – sogar für ein paar Songs hinter seinen Keyboards und Synthesizern hervor, um sich singend direkt vors Publikum zu stellen.) Nas rappte seine Songs so kraftvoll wie eh und je. Die britische Band Sons of Kemet spielten mit vier (!) Drummern ihren hochbeweglichen, postmodernen Jazz. Und der kolumbianische Reggaeton-Star J Balvin ließ seine knallbunten Cartoon-Visual über ein ausgelassen tanzendes Publikum hinweg in die Samstagnacht hinein flimmern.

5. Im Rausch der Post-Genre-Poplandschaft

Was die genannten Künstler*innen aber vor allem auch zeigen: Es ging beileibe nicht nur um das ausgewogene Verhältnis von männlichen und weiblichen Acts. Das Primavera Sound Festival schaffte es mit seiner musikalischen Mischung in diesem Jahr besonders gut, die Funktionsmechanismen der Post-Genre-Poplandschaft zu spiegeln. Dort konnte man drei Tage im Rausch der sehr unterschiedlichen Sounds und Spielarten verbringen: ein Tanz zwischen klassischem Indie-Rock und Power-Pop, Oldschool-HipHop und neuen Trap-Trends, Neo-Soul und avantgardistischem R’n’B, Techno und Experimentalmusik, Jazz und Softrock und und und und. Der zeitgenössische musikalische Möglichkeitsraum präsentierte sich in Barcelona auf allerschönste, allervielfältigste, ja beinahe unübersichtliche Weise: Big Thief, FKA Twigs, Pusha T, Carly Rae Jepsen, Slowthai, Peggy Gou, Tierra Whack und Courtney Barnett – sie alle fanden mit ihren sehr verschiedenen Sound ihren Platz auf dem weitläufigen, von der Mittelmeerluft umwehten, futuristischer Betonareal Parc del Fòrum.

Und die Diversität setzte sich auch im Publikum fort. Für die Generation Z ist das ohnehin längst normal. Alles ist immer da. Alles steht gleichzeitig und gleichberechtigt nebeneinander. Das neue Normal eben.


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