Meinung

Zum Glück zwischen den Stühlen: Warum die Rolle des Prinz Pi im Deutschrap-Kosmos 2020 unersetzlich ist

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Es gibt da diese Geschichte mit Bosse und Capital Bra. Die Geschichte über diesen einen Song.

Prinz Pi sitzt auf  einer Couch in seiner Wohnung und blickt aus dem Fenster. Er trägt eine Cap der New York Yankees und dazu schwarze Hauspantoffeln. Damals wurde er von einem großen Radiosender gefragt, ob er nicht mit dem befreundeten Songwriter Bosse einen Song über das Thema Mobbing machen will. Pi wollte. Und so trafen sich der Prinz und Bosse in einem Berliner Tonstudio. Dort war an diesem Tag zufällig Capital Bra anwesend. Capital Bra, das muss man wissen, ist der erfolgreichste Rapper der Gegenwart. Ein junger, wilder Künstler, der in den vergangenen zwei Jahren einen kometenhaften Aufstieg hingelegt hat und Rekord um Rekord brach. Prinz Pi erzählt Capital Bra von der Songidee. Capital fragt, ob er einen Part beisteuern könne. Gesagt, getan. Der fertige Song  „Messer“ gewinnt erst durch die von Capital Bra eingerappten Zeilen die realistische Milieu-Studie, die ein Song über Mobbing braucht, um authentisch zu wirken.

Pi, der Mediator

Auch wenn diese Geschichte nur wie eine kleine Randnotiz erscheint, so bringt sie die Rolle des Prinzen im Deutschrap-Kosmos ziemlich gut auf den Punkt. Pi, der vom Feuilleton regelmäßig unterschätzt und für die traditionell sowieso intellektuell überforderten HipHop-Medien zu sehr vom Feuilleton geschätzt wird, ist eben mehr als einer der besten Rap-Poeten der Gegenwart.

In seiner Rolle als Mediator, als Vermittler zwischen Lebensrealitäten hat sich Pi unwissentlich zur Blaupause eines neuen Typus Rappers erhoben. Dem des postmodernen intellektuellen, der persönliche Erfahrungen aus einer suburbanen Lebensrealität mitbringt und über mehrere koexistierende Wirklichkeiten authentisch sprechen kann. Ein modernes Universalgenie, eben.

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Fragt man Pi danach, wo er sich künstlerisch einordnet, antwortet er schnell mit: zwischen den Stühlen. Der im bürgerlichen Zehlendorf aufgewachsene Rapper ist eine Ausnahmeerscheinung im deutschen Rap. Früh suchte er den Kontakt zu Berliner Graffiti-Größen und rappte unter dem Pseudonym Prinz Porno über Gewalt, Sex und Kriminalität. Er ist jemand, der die deutsche HipHop-Kultur noch aus rauen Anfangstagen kennt und wenn Pi heute auf seiner Couch in seiner geräumigen Wohnung sitzt und darüber redet, dass er den Beef im Deutschrap-Game nicht verstehen würde, weil die Rapper sich früher einfach auf die Fresse gehauen hätten, dann sagt er das nicht aus einem Elfenbeinturm der Ahnungslosigkeit heraus, sondern mit einer Nüchternheit, die nur jemand ausformulieren kann, der genau weiß, wovon er redet. 

Die Generation Remix erschafft ihre eigene Wirklichkeit

So trifft Pi mit der vielfältigen Auslebung seiner Künstlerpersönlichkeit die Sehnsucht unserer gegenwärtigen Gesellschaft und deren Lebensentwürfe. War es früher wichtig sich einer subkulturellen, möglichst kleinen und speziellen Szene zugehörig zu fühlen und diese Zugehörigkeit durch Mode, Musik oder Sozialverhalten nach außen zu tragen, ist es heute vor allem wichtig möglichst viel gesehen und viel erlebt zu haben. Der kulturelle Globetrotter der Moderne kennt sich eben aus mit der Welt da draußen, und die heutige Generation Remix bedient sich freimütig an den Bausteinen einzelner Ideologien um so ihre eigene Wirklichkeit zu erschaffen. Tagsüber für das zweite juristische Staatsexamen büffeln und abends mit den Kumpels ein SSIO-Konzert besuchen, das ist im Jahr 2020 völlig normal.

Dem war aber nicht immer so. Identifizierte man sich in den frühen 80er-Jahren beispielsweise noch als Punk, um gegen herrschende, gesellschaftliche Ideale und das strenge Elternhaus zu rebellieren, war es unabdingbar, sich auch dementsprechend zu kleiden und zu verhalten. Die Szenezugehörigkeit musste mit allen beinhaltenden Konsequenzen nach außen getragen werden, um sich so gegenüber dem Rest der Gesellschaft abzugrenzen. Die popkulturelle Prägung einer nachwachsenden Generation wurde jedoch so mit dem Leitgedanken der Postmoderne infiziert. Mit dem Gedanken daran, dass es keine klare Zugehörigkeit und keine geschlossenen Systeme mehr gibt, dass es gelinde gesagt uncool ist sich lediglich einer einzigen Szene zugehörig fühlen zu müssen. Auf einer Party ist „der Metaller“ oder der „HipHopper oder „der Punk“ eben nicht angesagt, sondern wird aufgrund seiner offensichtlich fehlenden Weitsicht eher belächelt und wird ziemlich lange alleine in der WG-Küche herumstehen.

Zum Glück zwischen den Stühlen

Und so ist es ein Glücksfall für Deutschrap, das Pi sich genau dort verortet: zwischen den Stühlen. Wäre Bosse damals alleine im Studio gewesen und wäre Capital Bra alleine begegnet, ist eher nicht davon auszugehen, dass sie einen gemeinsamen Song gemacht hätten. Zu unterschiedlich sind die Biographien der beiden, zu unterschiedlich ist die Sozialisierung.

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So aber war es Pi, der zwischen ihnen stand und vermittelte. Mit einem Song, der einen Straßenrapper mit einem deutschen Singer-Songwriter vereint. Und dazwischen eben Pi, der in seiner Mediatoren-Rolle als Blaupause für weitere Rapper herhalten kann, denn das Ergebnis, dass ein Straßenrapper mit einem Songwriter gemeinsame Sache macht, entspricht genau dem Zeitgeist einer Generation Remix, für die es selbstverständlich ist, harten Straßenrap auf dem Weg in die Universität zu hören. Es bleibt zu hoffen, dass der „Zwischen den Stühlen“- gehandelte Pi viele Nachahmer findet.

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