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Popkolumne, Folge 110

So überschätzt ist David Lynch wirklich: Volkmanns Popwoche im Überblick

von
Linus Volkmann
Linus Volkmann
Kolumne

LOGBUCH: KALENDERWOCHE 14/2021

Es hat ernsthaft diese Woche noch mal geschneit? Für wie stabil bitte hält der Weltenlauf denn unsere Gemütsverfassung im zweiten Jahr der Pandemie? Den Scheiß könnt ihr ohne mich machen. Sorry, Leute, ich bin sauer.

SCHWULER ROCK DES JAHRES: MAN ON MAN

Foto: Steven Harwick

Zwei Dudes mit durchschnittlichen Körpern und Altersunterschied, die sich anfassen, knutschen in ihren Videos, alles sehr casual, körperlich, sinnlich, dazu läuft schwelgerische Gitarrenmusik, irgendwo zwischen Future Islands und den späten Hüsker Dü.

Das Duo nennt sich recht programmatisch Man On Man – und wirft eine Frage auf. Eine Frage, die man schon kennt, die aber irgendwie immer noch unbeantwortet ist. Philipp Meinert, Autor des wirklich tollen Buchs „Homopunk History“, hat sie zuletzt besonders schön pointiert: „Warum ist neben dem Profisport die Rockmusik – vom kleinen Queercore-Genre mal abgesehen – immer noch DIE heterosexuelle Spielwiese, während drumherum alle anderen Genres total queeren?“

Im Interview habe ich die beiden zauberhaften Männer von Man On Man unter anderem auch das gefragt. Klar wissen sie davon, erklären können sie es sich aber ebenfalls nicht. Allerdings, so schmunzelt Roddy, der übrigens schon seit Jahrzehnten auch die Rolle des Keyboarders bei Faith No More inne hat, allerdings profitiere ihre Kunst von diesem immensen Mangel, ja, erhielte daher ein fast schon monolithisches Alleinstellungsmerkmal, welches man im postmodernen Kulturbetrieb nur noch ganz selten anträfe. Zum Abschluss des Interviews teile ich meinen Bildschirm mit den beiden und wir schauen „Ringen“ von Rummelsnuff. Sie sollen ja nicht denken, wir leben hier im verschnarchten Spießer-Deutschland total hinterm Mond. Man On Man wirken interessiert, vielleicht sind sie auch nur höflich, garantiert sind sie das als Amerikaner, na, dann jetzt aber mal „Tschüss“ und auf „Meeting für alle beenden“ drücken.

Eine angenehme Begegnung, eine tolle Platte, die Ende Mai unter dem Titel „Man On Man“ erscheinen wird. Schaut aber doch hier und heute schon mal bei ihnen rein. Das Interview übrigens wird Abdruck finden bei unseren Freund*innen von der Siegessäule – jener Power-Publikation für (nicht nur) das Berliner Kulturleben.

DAS KLEINSTE INTERVIEW DER WOCHE: DANGER DAN

Danger Dan von der Antilopen Gang

Angesichts des jetzigen Erfolgs ist es natürlich ziemlich unglaubwürdig, aber ich schwöre, ich war schon verknallt in Klavier-Danger-Dan, da saß der noch als Joke draußen am Piano und spielte irgendwas für einen Teaser zu einem neuen Antilopen-Album. Doch spätestens seit dem letztjährigen und gefühlt einzigen Pandemie-Hit, den man sich dahingehend noch mal geben wird, also seit „Nudeln und Klopapier“, hat nun jeder „den Schönen“ der Antilopen auf dem Schirm. Dass es als antiautoritärer, linker Post-Liedermacher jetzt plötzlich noch im ganz großen Stil mit dem Publikum klappt (Mio Views, Leute), hat dagegen wohl auch Daniel Pongratz selbst überrascht.

Sein Solo-Album „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ schlägt große Wellen, die Betroffenen unterstrichen ihr Interesse dabei mit echten Ticketverkäufen. Danger Dans Tour 2022 meldet so bereits heute, ein Jahr davor: AUSVERKAUFT. Freut mich daher sehr, dass er trotz des zu erwartenden Höhenfluges noch mal Gast ist hier in dieser Kolumne – und zwar in der Rubrik „Das kleinste Interview der Woche“.

Hallo Danger, circa Tag 371 der Pandemie, wie geht es Dir gerade?

DANGER DAN: Es geht mir gut. Ich war auf dem Land, hab in einer großen blumigen Wiese gefrühstückt, hab dann Holz gehackt für die Sauna, ich sah beim Spazieren Rehe und sogar einen Fuchs und habe heute Morgen ein Pferd gestriegelt. Parallel dazu ging mein neues Lied in die Charts.

Im Interview (siehe Musikexpress nächste Ausgabe) zeigst Du dich verwundert, dass die Antilopen Gang sogar mit „Atombombe auf Deutschland“ durch die Decke statt in den Knast ging. Nun, auf „Das ist alles durch die Kunstfreiheit gedeckt“, singst Du zudem noch von rechtlichen Kniffen, um die eigenen Slogans und Aussagen gegen Klagen zu immunisieren. Alles scheint möglich – aber was schreibst Du dennoch mal lieber nicht in einen Songtext?

DANGER DAN: Na gut, hier der vierstellige PIN meiner Bankkarte: 3276.

Ouelle: Instagram

Koljah und Panzer bezeichnen Dich angesichts des Erfolgs von „Kunstfreiheit“ als den „Jan Delay der Antilopen Gang“. Wie gefällt Dir diese Rolle?

DANGER DAN: Ich fühle mich etwas missverstanden. Ich dachte eher, ich bin Bela und Farin – und die anderen beiden der Dingens.

SONG DER WOCHE: Dry Cleaning

Diese Woche ist das Album „New Long Leg“ von Dry Cleaning erschienen. Shoegaze-Wave mit Attitude. The XX und Desperate Journalist seien als Eckpunkte erwähnt – und, Moment, ich mach es mir so richtig einfach, ich verweise auf die sehr schöne Kritik von André Boße hier bei Mütterchen Musikjournalismus Musikexpress.

Geil wäre ein neues Video passend zur Album-VÖ gewesen. Aber man kann ja nicht alles haben. Offensichtlich!
Na, immerhin das hier wird einem gegönnt:

MEME DER WOCHE

DER VERHASSTE KLASSIKER: DIE FILME VON DAVID LYNCH

Wegen dieser Kolumne hat mir einst Ulf Poschardt ein Glas Rotwein über den Kopf geschüttet. Die Beatles, das wäre keine zurückgebliebene Ansammlung von verkrachten Hochzeitsmusikern, rief er und ergänzte: „Das wüsste ich!“, hatte Tränen und ich Wein und Speichelfetzen im Auge.

Danach? Nun, danach war ich erstmal lange im Knast. Wieso? Also, ich sage mal, der lange Arm des Gesetzes wird nur noch von den Tentakeln von Paul McCartney übertroffen.

Jetzt aber nehme ich die Arbeit an der Rubrik wieder auf, einer muss den penislastigen westlichen Popkultur-Kanon doch mal in Müllwasser ersäufen.

Erster Gast der Neuauflage sei David Lynch. Ein perfekter „Verhasster Klassiker“, nicht wahr? Denn da sind wir uns doch alle einig: Lynch ist ein völlig überbewerteter Blender, der nur so weit kommen konnte, weil in der feuilleton-besoffenen Pophochkultur stets reflexhaft handwerkliche Inkompetenz, die sich durch mystisches Geschwurbel camoufliert, für besonders deepe Kunst gehalten wird.

Ich meine, „Dune – Der Wüstenplanet“, dieser filmische Auffahrunfall aus dem Jahre 1984, das mag vielleicht ein guter Science-Fiction-Film sein, wenn man beim Schauen ohnmächtig oder sieben Jahre alt war. Die schrottreif vom Buch auf Film übertragene Handlung erschafft wie immer diverse Leerstellen und Schlaglöcher im „Kinogenuss“ – okay, das muss man David Lynch lassen, Plot Holes sind eine seiner Stärken.

Über „Twin Peaks“ gar nicht zu reden. Nur weil diese Serie aussieht wie eine Marihuana-verschleierte Lindenstraßen-Kulisse und darin unfertige Gedanken zu Metaphysik umgedeutet werden, handelt es sich hier trotzdem um etwas, das man sich ausschließlich dadurch schön-erinnern kann, indem man es bloß NIE WIEDER ansieht.

Kyle „das Kinn“ MacLachlan wird in seiner vermeintlichen Paraderolle als FBI-Agent Dale Cooper jederzeit getoppt von Kyle „ist die Frisur aus Fiberglas?“ MacLachlan als Trey MacDougal, der mit Potenzproblemen ringende Kurzzeit-Ehemann von Charlotte in „Sex And The City“.

Obwohl – natürlich muss selbst ich „Twin Peaks“ zugestehen, dass es eine Sache gibt, die diese Schwurbel-Serie von damals doch etwas erträglicher erscheinen lässt: nämlich ihre Fortsetzung von 2017. Selbst erfahrene Lynch-Apologeten gaben schnell auf, sich diesen „Mystery-Knaller“ (Bussi Bär) erträglich konstruieren zu wollen. Er fiel einfach unter den Tisch. Genau wie hier in diesem Rant die beiden Lynch-Klassiker über die schönsten Bahnstrecken Hollywoods: „Mullholland Drive“ und „Lost Highway“. Kein Wort darüber. Gern geschehen.

Das war „Der verhasste Klassiker – reloaded“, alles Gute weiterhin in Alltag und Beruf.

Linus Volkmann, „Kulturjournalist“

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

Jaro Suffner
ME

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