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Popkolumne, Folge 109

Zwischen Lanz und Bumsen: Paulas Popwoche im Überblick

von
Paula Irmschler
Paula Irmschler

Mittwochabend dachte ich: Ah, gleich wieder schön Lanz. Keine Ahnung, was mittlerweile los ist. Wie konnte es soweit kommen? Was glaube ich, da zu finden, was mir der fiese Pandemiealltag nicht ohnehin schon gibt? Langeweile, Männer, die sich vor Publikum blamieren, Diskussionen ohne Ausgang? Nein, das ist es nicht! Einzig und allein für den Twitterspaß lohnt es sich, mal „reinzuzappen“.

Es gibt plötzlich wieder so ein Gefühl von Gemeinschaft, wie damals, als lineares Fernsehen noch eine Rolle spielte. Nur heute kann ich dabei sein und es ist nicht wie in der vierten (!) Klasse, als am nächsten Tag alle von „South Park“ erzählten, aber ich keinen Schimmer hatte, was das ist. Ganz schön traurig, eigentlich. Zynisch, ironisch und cool distanziert den ganzen Schabernack abnicken, das ist doch auch kacke … Wurde mir dann klar, als ich mal wieder die Nachbarn mit so übertriebenem Stöhnen bumsen hörte. Die wissen gar nichts von Lanz, seinen öden Gästen, von Fernsehen oder gar der Pandemie. Sie bumsen einfach immer so vor sich her. Toll. Die haben auch noch nie vom peinlichsten Wort des Jahres, „mütend“, gehört. Bumsbums.

Ich will mich in Zukunft wieder mehr aufregen, statt immer mehr die Schotten dicht zu machen. Weil es ist nämlich genau so:

Video der Woche: Lil Nas X

Es gibt eh aber auch voll viel Gutes. Popkultur strotzt momentan vor Entschlossenheit, so als hätte man nichts zu verschwenden. Es wird rausgeballert. Wer das Video von Lil Nas X noch nicht gesehen hat, … das kann ja wohl nicht sein. Dieses geile Brett „Montero (Call Me by Your Name)“ hat letzte Woche fast das Internet gesprengt, alle waren sofort geil und überzeugt, dem eingestaubten Glauben abzuschwören. Weil in der „Hölle“ (wie sie sich die konservativen Langweilerlappen vorstellen – als Bestrafung für zum Beispiel Homosexualität) ist es in Wahrheit TOTAL GEIL. Da gibt’s einen Lapdance für den Teufel, Lackstiefel und gute Musik. Klar flippten die Gottextremisten wieder aus, wie schon damals bei Madonna oder später bei Lady Gaga. Dass man 2021 immer noch so easy provozieren kann, ist leider nicht überraschend, aber so überzeugend war die Provokation selten. Wer will denn bitte nicht in der Welt von Lil Nas X leben? Und dann hat er noch diese wunderbare Notiz an sein 14-jähriges Ich geschrieben, die das Schönste ist, was ich in letzter Zeit gelesen habe:

Hier nochmal das Video, immer wieder:

Doku der Woche: „Wer rettet die Clubs?“ (SWR)

Gute Frage. Der dafür durchs Land gereiste Rapper Galv hat sie sich und anderen gestellt. Ebenjenen, die es für uns in den Clubs so wunderschön machen: die Barleute, die Garderobenmenschen, die Techniker:innen, die DJs, die Musiker:innen und so weiter. Eine wirkliche Antwort hat niemand, die richtet sich, wie bereits seit einem Jahr, vor allem als Appell an die Politik, auch wenn in der ein oder anderen Stadt schon Bündnisse entstanden sind, um sich gegenseitig durch die Krise zu hieven.

Die Doku ist vor allem trist. Sie zeigt, welche Existenzen und Ängste an dieser Ignoranz gegenüber der Kultur hängen. Sie berichtet genauso von Zweifeln gegenüber einer Zukunft in diesem Bereich, als auch von fest entschlossenen Weitermacher:innen und sie lässt auch nicht außer Acht, dass Corona keine isolierte Gefährdung ist, sondern dass bereits seit vielen Jahren durch Gentrifizierung und fehlenden Support von Städten und Ländern der Grundstein gelegt wurde, dass der Virus doppelt und dreifach reinkracht. Meanwhile glaubt die Fusion ernsthaft, ihr Festival mit Schnelltests durchführen zu können und Die Ärzte verkaufen schon wieder Konzerttickets. Auf dass irgendwann mal wieder was hinhaut.

Rewatch der Woche: „Böse Mädchen“

„Die Camper“, „Ritas Welt“, „Alles Atze“ – ich sag’s wie’s ist: Mein Zattoo-Abo (inklusive SuperRTL, RTL Plus und so geilem Scheiß!) lohnt sich so dermaßen momentan, ich kauf mir vielleicht am Ostersamstag eine Fernsehzeitschrift! Ich habe nämlich noch eine andere Sendung wiederentdeckt: „Böse Mädchen“, die glaube ich ziemlich underrated ist. Wie spektakulär es war, als ich sie das erste Mal (2007) sah. Drei lustige Frauen machen den Verarschungs-versteckte-Kamera-Quatsch, den sonst immer nur coole Jungs machen durften. Annett Fleischer, Isabell Polak und Manuela Wisbeck sind für mich bis heute in Deutschland ungeschlagen in diesem Genre. 2011 wurde die Sendung eingestellt, sowieso sind diese Streetcomedysachen heute eh kaum noch packbar, Humor verändert sich zum Glück. Paar YouTuber versuchen es noch, aber es ist meist nicht mehr als übergriffiges Verhalten gegenüber Passant:innen. Die originellen Ideen sind mit den „Böse Mädchen“ gestorben. Also ich leg mich immer noch um, wenn Manuela Wisbeck als Klischeepunk verkleidet wahnsinnig offensichtlich mit einem Schlüssel ein Auto zerkratzt und dann bei der Konfrontation von Passanten felsenfest behauptet, sie sei es nicht gewesen. Es läuft jedenfalls Sonntag Nacht auf Super RTL, aber man bekommt’s auch auf TV Now.

Song der Woche: „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“

Danger Dan von der Antilopen Gang steigt jetzt ganz groß ein ins Liedermacher-Game und er macht es wirklich gut. In der Vorab-Single zu seinem bald erscheinenden Album zeigt er die Grenzen des juristisch Sagbaren auf, überschreitet sie vielleicht sogar und fantasiert (rein spekulativ) von Gewalt gegenüber Neurechten. Klar ist das kalkulierte Provokation, wie bereits viele detektivisch feststellten, aber genau darum geht es ja. Einerseits sind es die Rechten, die sich immer wieder auf Meinungs- und Kunstfreiheit rausreden, wenn sie in Wirklichkeit nur aufhetzen. Andererseits meint es Danger Dan natürlich und guterweise ernst, wenn er findet, dass bei gewissen menschenfeindlichen Kalibern Pazifismus nichts bringt und damit klarmacht, linke und rechte Gewalt hat nicht die gleiche Motivation. Eine richtig große Debatte ist überraschenderweise gar nicht daraus geworden, es ist wohl grad zu viel los, da müsste man jetzt mal die Klagen abwarten. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass den Text ein Typ präsentiert hat, Militanz und Provo gehört halt zum Entertainmentspiel unter männlichen Aktivisten. Die Autorin Jessica Ramzcik hat den Song mal in eine andere Richtung weitergesponnen.

Eigenwerbung der Woche: Meine geile Party-Playlist

„I got a feeling dü düüü“, jaaa, es ist wahr: Diesen Song will ich auf einer Tanzfläche grölen wenn die Clubs, die hoffentlich noch existieren werden, wieder öffnen und das Bier über mein Kleid schweppert. Deswegen habe ich schon mal eine Playlist erstellt, mit allen furchtbaren Party-Songs, die mich momentan auf den Teppich bringen um zu tanzen als würde niemand zusehen, weil einfach niemand zusieht. Es sind auch wirklich gute Kracher dabei, schaut doch mal rein in das Zeugnis meiner kulturellen Verwahrlosung „Nach der Pandemie eskaliern“:

Petition der Woche

Es gab viele Petitionen, viele Versuche, viele kluge Worte und Appelle, deswegen jetzt eben noch einmal. Ich mach’s kurz: Bitte unterschreibt die Forderung nach einem harten Lockdown von Samira El Ouassil und Friedemann Karig.

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

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