Meinung

„Tatsächlich… Liebe“: Wie gut ist die romantische Komödie gealtert?

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Fast jedem, ob Weihnachtsfan oder nicht, ist „Tatsächlich… Liebe“ bekannt. Der Film gehört, ähnlich wie „Kevin – Allein zu Haus“ oder „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, zu vielen jährlich wiederkehrenden Routinen der Vorweihnachtszeit. Fast jede*r ist in der Lage eine oder mehrere Szenen aus dem Stegreif zu zitieren: Sei es Andrew Lincoln, der Keira Knightley an der Haustür wortlos seine Liebe gesteht, Bill Nighys Rockstar-Allüren, oder aber Hugh Grants Tanzauftritt als Premierminister in der Downing Street 10. Doch wie gut funktioniert der Film nach fast 20 Jahren noch?

Diversität? Fehlanzeige!

Das Werk wurde im Jahr 2003 von Richard Curtis inszeniert, Autor der überlegensten aller britischen Liebeskomödien: „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“ und praktisch jeder weiteren erwähnenswerten Komödie mit Hugh Grant oder Colin Firth (oder gar beiden zusammen), wie zum Beispiel „Notting Hill“ oder auch „Bridget Jones“.

„Tatsächlich… Liebe“ erzählt viele kleinere oder größere Geschichten zur Weihnachtszeit in London, in der unterschiedliche Charaktere aufeinandertreffen und sich entweder mit vergangenen, neu entfachten oder eingerosteten Liebesbeziehungen auseinandersetzen müssen. Da ist beispielsweise der Trauzeuge, der heimlich in die Braut seines besten Freundes verliebt ist, ohne es je offenbart zu haben, oder der Geschäftsführer, der aufgrund seiner etwas eingeschlafenen Ehe nicht sicher ist, wie er mit den offensiven Avancen seiner Mitarbeiterin (Heike Makatsch) umgehen soll – umwerfend britisch-stoisch gespielt von Alan Rickman.

Doch hier zeigt sich das erste Problem, das der Film 17 Jahre nach seiner Veröffentlichung offenbart: So kreativ und unterschiedlich die einzelnen Figuren und Geschichten geschrieben sind, so eindimensional ist das Casting. Zwar ist Diversität kein alleiniges Merkmal für ein gelungenes oder misslungenes Werk, jedoch wirkt gerade eine Rom-Com mit einer Vielzahl an Handlungssträngen und Figuren, die Besetzung mit fast ausschließlich weißen Personen aus der Zeit gefallen.

Sicher finden sich in Nebenrollen Personen unterschiedlicher Hautfarben, die Hauptfiguren sind jedoch ausnahmslos mit weißen westeuropäischen oder amerikanischen Schauspieler*innen besetzt. Im Jahr 2020 wäre eine solche Besetzung sicherlich nicht mehr möglich, und so ist „Tatsächlich… Liebe“ durch seinen umfangreichen Cast ein Repräsentant der fehlenden Bedeutung von Diversität im popkulturellen Mainstream der frühen 2000er-Jahre: weiße Weihnachten in den frühen Zweitausendern.

Als wären alle Menschen hetero

Ganz ähnlich verhält es sich mit der Repräsentation sexueller Orientierungen, denn Curtis‘ Drehbuch geht eindeutig von einem heterosexuellen Standard aus. Ein Film, der sich – zugegeben auf eher seichter Ebene – mit Liebe und menschlichen Beziehungen auseinandersetzt, muss im Hinblick auf sexuelle Orientierungen und Identitäten die tatsächlich existierende Vielfalt anerkennen.

Eine Thematik, die seit einigen Jahren deutlicher in den Fokus der medialen Öffentlichkeit gerückt wurde, und die „Tatsächlich… Liebe“ schon 2003 anspricht, ist die Ausnutzung männlicher Machtpositionen. In einer Szene drängt sich der Präsident der USA entgegen dem Willen einer Angestellten des britischen Premierministers, gespielt von Martine McCutcheon, körperlich auf. Zwar wird der US-Präsident durchweg negativ und seine forcierte Annäherung als rücksichtslose Tat dargestellt, in der nachfolgenden Aufarbeitung steht jedoch das mentale und politische Wachsen des Premierministers an vorderster Stelle. Der Fokus müsste hingegen auf der Belästigung, der Martine McCutcheons Charakter zum Opfer fiel, liegen.

Dass prinzipiell eher die Perspektiven der männlichen Figuren eingenommen werden, manifestiert sich auch in den sonstigen Handlungssträngen. Nur die Geschichte um Laura Linneys Charakter (die sich in einen Arbeitskollegen verguckt hat, aber immer wieder auch mit heimischen Stress kämpft) hat einen eindeutig weiblichen Blickwinkel. Auch für den Humor sind hauptsächlich die Männer verantwortlich. Bei der Vielzahl an Handlungen erscheint auch hier eine Chance auf kreative und diverse Sichtweisen verschenkt. Vor allem der Umgang mit sexueller Belästigung und die Note, auf der der entsprechende Abschnitt endet, sind heute wie damals fragwürdig: Das Werk schließt diesen Vorfall damit ab, dass sich Martine McCutcheons Charakter beim Premierminister entschuldigt. Wofür genau ist aus heutiger Perspektive nicht nachzuvollziehen, sollte der Film doch deutlich diejenige zeigen, bei der es sich im ersten Schritt zu entschuldigen gilt.

Der britische Humor ist die Rettung

All diese aus der Zeit gefallenen Aspekte von Repräsentation stehen sicherlich nicht im Fokus der meisten jährlichen Weihnachtsfilmabende, sind jedoch nicht zu übersehen. Die positiven Aspekte, wie beispielsweise der trockene britische Humor, für den Curtis bekannt ist, sowie die amüsant geschriebenen Figuren, für die er eindeutig die richtigen Mimen angeheuert hat, stechen aber ebenso heraus. Ob Emma Thompson, Rowan Atkinson oder Martin Freeman – bis fast in die kleinste Nebenrolle finden sich heute weltbekannte Schauspieler*innen. Hinzu kommt der auch heute noch gelobte Soundtrack rund um das genial-cringy „Christmas is all Around“-Stück von Billy Mack.

„Tatsächlich… Liebe“ funktioniert trotz einiger heute nicht mehr nachvollziehbaren Entscheidungen im Drehbuch sowie beim Casting auch im Jahr 2020 noch sehr gut als Komödie und Weihnachtsfilm. Die romantische Komödie leistet sich keinen Fauxpas wie andere Filme der gleichen Zeitperiode, dennoch erscheint die Eindimensionalität etwas seltsam, vor allem, da die Weihnachtszeit sooft als vereinendes Fest für alle Menschen zelebriert wird.

United International Pictures GmbH
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