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The Blaze im Interview: Beats! Bilder! Botschaften!

„Holy shit, this is fucking real!“, bringt es ein YouTube-Kommentar auf den Punkt: Mit „Territory“ haben Guillaume und Jonathan Alric aka The Blaze 2017 ein Musikvideo für die Ewigkeit geschaffen.

Über ein Jahr arbeiteten die Franzosen an der Charakterstudie eines Emigranten, der vom harten Pariser Pflaster in seine algerische Heimat zurückkehrt. Wir sehen den von dem Thai-Boxer Dali Benssalah gespielten verlorenen Sohn mit rotgeweinten Augen in den Armen seiner Mutter. Wir sehen, wie er mit seinen Geschwistern selig auf dem Fußboden schläft und alten Freunden zum Rhythmus pumpender Beats vorführt, wie man jemanden mit gezielten Hieben k. o. schlägt. Am Ende macht er für die Kinder den Affen, trommelt sich mit den Fäusten auf die Brust wie ein Gorilla, der sich sein Territorium zurückerobert hat.

„Ein wahres Kunstwerk“

Das Video, das auf Effekte und schnelle Schnitte verzichtet, wurde mit Preisen überschüttet, unter anderem beim Cannes Lions Festival Of Creativity und den UK Music Video Awards. Neben beeindruckenden Bildern und raffinierten Kamerafahrten überrascht „Territory“ vor allem dadurch, dass es hinter Reizthemen wie toxischer Männlichkeit und „Migrantengewalt“ ein vorurteilsfreies Interesse am Menschen offenbart. Der Regisseur und Oscar-Preisträger Barry Jenkins („Moonlight“) schwärmt, er habe „Territory“ mindestens hundertmal gesehen. Es sei ein „wahres Kunstwerk“ und dass die Macher Musiker und Regisseure zugleich seien, trage viel dazu bei.

Kooperation

Obwohl Jonathan Film und Guillaume Musik studiert hat, gibt es bei The Blaze diesbezüglich keine eindeutige Aufgabenteilung oder Hierarchie. Die beiden Cousins, die die Sätze des anderen oft wie Zwillinge beenden, passen Bild und Ton bis zur letzten Minute im Wechsel an. Vier Videos haben sie bislang auf diese Weise veröffentlicht, jedes für sich ein Gesamtkunstwerk für die Generation YouTube. „Dort kannst du dich direkter ausdrücken als auf MTV, wo sich alle Videos irgendwann anglichen. YouTube ist globaler, universeller“, sagen sie.

Auf ihrem Debütalbum DANCEHALL verdichten The Blaze Pop und Clubmusik zu kompakten Dreiminütern, die von Anfang an auch als Soundtracks angelegt sind. Sie sollen eine „coole Art von Nostalgie“ erzeugen indem sie an „universelle Erfahrungen“ wie Heimat, Jugend, Liebe und Vergänglichkeit andocken, sagt das Produzententeam: „Indem wir echte Emotionen ansprechen, brechen wir mit Klischees.“

„Wir wollten zeigen, dass die Grenze zwischen Freundschaft und Liebe fließend ist.“

Am schönsten gelang ihnen das 2015 mit ihrem ersten Video „Virile“. Es zeigt zwei arabischstämmige Machos im Mikrokosmos eines Wohnblocks. Sie lachen, boxen, umtänzeln einander und blasen sich gegenseitig den Rauch eines Joints in den Mund. Dabei kommen sie sich immer wieder so nahe, dass man jeden Moment den erlösenden Kuss erwartet. „Wir wollten zeigen, dass die Grenze zwischen Freundschaft und Liebe fließend ist“, sagt Guillaume. Ob die beiden schwul sind, spiele keine Rolle. „Die Botschaft lautet, dass Männer tanzen, lieben und weinen sollten, wann immer ihnen danach ist.“ Die Kommentare auf YouTube bestätigen, dass die Botschaft ankommt. „I love the way the video destroys stereotypes so simply“, schreibt ein User. Schon allein für diese Zeile gab es 1450 Likes.


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