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Kritik

Tina-Turner-Doku „Tina“ auf der Berlinale: Über die schwierige Gleichzeitigkeit von Licht und Schatten

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Eine 50-jährige Gesangskarriere, eine schier unerschöpfliche Menge an Video-, Audio-, Fotomaterial, viele bekannte biografische Details, unzählige musikalische Weggefährt*innen – wo soll man anfangen, wenn man von Tina Turners Leben erzählen will? Die Regisseure T.J. Martin und Daniel Lindsay, die 2011 einen Oscar für ihre Football-Doku „Ungeschlagen“ gewannen, entschieden sich dafür, die Zuschauer*innen zunächst mitzureißen: Ein schweißtreibendes Open-Air-Konzert in den 1980ern, bei dem Tina in Flitterkleidchen und Löwenmähne ihr wütendes Liebeslied „Ask Me How I Feel“ zum Besten gibt, eröffnet ihren zweistündigen Film.

Hier geht’s zum Trailer:

Ein Energieausbruch, der in Erinnerung ruft, was Tina Turner von Anbeginn ihrer Karriere zur Ausnahmeerscheinung gemacht hat: ihr vor Originalität und Kraft strotzender Tanzstil, ihre ungewöhnliche raue Stimme und das, was Schauspielerin Angela Bassett an einer Stelle dieses Films als damals unüblichen „in your face“-Mix aus Sexualität und Sinnlichkeit bezeichnet.

Doch von diesem anfänglichen Energieausbruch gleitet „Tina“ elegant in ein Innehalten über. Die lebhafte Bilder- und Soundflut von ihren Auftritten ab den 1960ern wird aus dem Off überlagert von gegenwärtigen Gesprächen mit der 81-jährigen Turner. „Es war kein gutes Leben“, stellt sie im Rückblick auf diese Zeit fest.

„Da war immer der Schatten von Ike“

In fünf Kapiteln erzählt „Tina“ daraufhin von Tina Turners Leben, wobei das erste „Ike&Tina“ betitelte uns direkt in den von der Presse meistbeachteten Part ihres Lebens führt: ihre 20 Jahre an der Seite von Musiker und Produzent Ike Turner, mit dem sie eine von schwerer körperlicher und psychischer Misshandlung geprägte Ehe geführt hat. „Tina“ macht aus diesem Thema keinen Hehl, versteht es aber, die Gleichzeitigkeit von musikalischen Höhepunkten und privaten Tiefpunkten zu behandeln.

Beeindruckende Live-Aufnahmen ihrer unzähligen Auftritte, Erfolgsetappen und der Tour-Alltag werden gezeigt und von ehemaligen Bandmitgliedern kommentiert, sowie von Musikjournalist Kurt Loder eingeordnet. Zugleich berichtet Tina Turner aus dem Off aber auch, was vor und nach den Konzerten geschah. „Schuld und Angst“, aber auch Isolation und finanzielle Abhängigkeit hinderten sie lange Zeit, ihren sie regelmäßig verprügelnden und vergewaltigenden Mann zu verlassen.

Es ist ein prägendes und niemals ruhendes Kapitel in Tina Turners Leben, wie der weitere Verlauf von „Tina“ deutlich macht: Nach ihrer Trennung von Ike 1976 treibt sie unermüdlich ihre Solo-Karriere voran, wird aber stets auf ihren Ex-Mann angesprochen. „Da war immer der Schatten von Ike“, kommentiert dies an einer Stelle Backup-Sängerin Annie Behringer – und dieser schien unumgänglich.

In der Hoffnung, Fragen zu ihrer Ehe damit endlich verstummen zu lassen, legte Turner in einem Interview mit dem People-Magazine 1981 und in ihrer Autobiographie „I, Tina“ (1986) ihre Erfahrung mit häuslicher Gewalt offen. Doch die Presse reduzierte Turner bald auf dieses Thema. Interviewausschnitte zeigen, wie Fragen zu Ike und ihrer Ehe ihr furioses und keineswegs selbstverständliches Comeback in den 1980ern begleiteten. Auch hier verstehen es T.J. Martin und Daniel Lindsay gleichermaßen Glanzmomente und Schattenseiten zu vermitteln: „Tina“ zeigt auf, wie Turners offener Umgang mit dem Thema häusliche Gewalt einerseits unzähligen Gewaltopfern Mut machte, aber auch zu einer permanenten Konfrontation mit ihrer Vergangenheit führte.

Auf der Suche nach „closure“

Es ist eine Vergangenheit, so macht das letzte Kapitel von „Tina“ deutlich, die die Öffentlichkeit zwar nicht loslässt, aber mit der sich Turner letzten Endes zumindest arrangiert hat: „Ab einem bestimmten Punkt übernimmt die Vergebung“, ist ihr Fazit. Zu diesem Arrangement gehören wahrscheinlich auch andere schmerzhafte Erfahrungen in Tina Turners Leben, die der Film eher am Rande streift (das schwierige Verhältnis zu ihrer Mutter) oder gänzlich ausspart (der Suizid ihres Sohnes Craig, dem dieser Film im Abspann gewidmet ist).

Hier wird deutlich, dass sich noch so viel mehr über Tina Turners Leben erzählen ließe, aber dieser Film für das plädiert, wonach sich Turner seit ihrem Rückzug von der Bühne sehnt: „Closure“, einen versöhnlichen Abschluss ihres Lebens. Durch seinen feinfühligen Umgang mit der schwierigen Gleichzeitigkeit von Licht und Schatten in Turners Leben, gewährt der überaus sehenswerte Dokumentarfilm „Tina“ ihr diesen Wunsch.

Mehr Filmisches zu Tina Turner:

  • Musikfilme der 1970er: Gastauftritte von Ike&Tina Turner gab es u.a. in der Rolling-Stones-Tour-Doku „Gimme Shelter“ (1970), in der Musikoper „Tommy“ (1975) sowie „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ (1978).
  • „Mad Max – Jenseits der Donnerkuppel“ (1985): Turner spielte in diesem dritten Teil des „Mad Max“-Franchise Aunty Entity, die Herrscherin von Bartertown. Zum Soundtrack trug sie die beiden Songs „We Don’t Need Another Hero“ und „One of the Living“ bei.
  • „What’s love got to do with it“ (1993): Das Biopic mit Angela Bassett in der Hauptrolle beruhte auf Turners Autobiographie „I, Tina“ (1986) und fokussierte ihre Misshandlung in der Ehe mit Ike Turner (Laurence Fishburne).
  • „Last Action Hero“ (1993): In „Jack Slater III“, dem Film-im-Film „Last Action Hero“ spielte Turner die Bürgermeisterin von Los Angeles.
  • Bond-Song für „GoldenEye“ (1995): Bono und the Edge von U2 schrieben diesen Song für Turner.
  • „Tina Turner – One of the Living“ (2019): arte-Doku zu Turners Leben von Regisseurin Schyda Vasseghi.

„Tina“ ist ab dem 28. März beim amerikanischen Streamingdienst HBO verfügbar – und danach hoffentlich auch bald in Deutschland.

Tina Turner Rob Verhorst/Redferns

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