Spezial-Abo

Hitparaden-Kolumne „Die da oben“

Von Nathan Evans bis Santiano: Warum Shanty-Rock Deutschlands Chartsspitze blockiert

von
Julia Lorenz
Julia Lorenz

Irgendwie goldig, dass wir mal glaubten, wir seien gestraft genug mit Mittelalterrock. Eigentlich sollten Dudelsack-Bullshit-Bands wie Tanzwut, Schandmaul, Blutwut (oder wie sie alle heißen) ja genügen, um dem EMP-Shop und Rittermärkten auf dem Land ihr ewiges Auskommen zu sichern. Aber nein: Es folgten Musketier-Rock von d’Artagnan, Piratenrock von Elmsfeuer.

Und nun sind offenbar uralte Seemannslieder das next big thing für alle Saufnasen mit Historienfetisch. Auf der, Entschuldigung, höchsten Welle des unwahrscheinlichen Shanty-Hypes reitet aktuell der Schotte Nathan Evans, der mit seiner Version des alten neuseeländischen Walfänger-Traditionals „Wellerman“ seit Wochen die Chartsspitze in Deutschland blockiert.

Die Sehnsucht nach einer Welt, in der ehrliche Männer noch ihr „Bonnie“ vermissen dürfen

Der Postbote und Hobbysänger hatte sich mit Coverversionen von Pop- und Folksongs, schließlich auch mit Shantys wie „Drunken Sailor“ Hunderttausende Fans auf YouTube und TikTok erspielt, als im Dezember 2020 seine „Wellerman“- Interpretation durch die Decke krachte. Auftritt Santiano: Die grotesk erfolgreiche Band aus Schleswig-Holstein – laut Plattenfirma Universal die „Giganten des Shanty-Rock“ – schnappten sich Evans’ schlankes Shanty-Cover und statteten es mit der rechten Portion Dudelsack, Testosteron und Yo-ho-ho für die Schlacht am Volksfest-Bierstand aus.

Warum das alles passieren musste? Evans selbst glaubt, der Lockdown sei schuld am Shanty-Hype, aber ich glaube das nicht. Statt Abenteuerlust befriedigt der Seemansbiedermeier vor allem die Sehnsucht nach einer großen, weiten Welt, in der die Welt noch in Ordnung ist, in der ehrliche Männer noch ehrliche Männer sein und ihr „Bonnie“ vermissen dürfen, während sie wahlweise von der Reling oder hinter eine Bushaltestelle in der Vorstadt brechen. Im Interview sagte Evans mal, dass er „Wellerman“ bis letztes Jahr nicht mal kannte, dass ihn generell nichts mit dem Meer, dem Walfang, dem ganzen Seefahrtsbohei verbinde. Einen Plattenvertrag hat er jetzt trotzdem. Und die Welt nach der Mittelalterpest nun den Skorbut am Hals.

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 05/2021.


Bow Down To The Brow: Was Nick Kamen und Grace Jones eint
Weiterlesen

3 Monate MUSIKEXPRESS nach Hause

Grafik Abo 3 Ausgaben für 9,95 €