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Was Chris Cornell in der Vergangenheit über Selbstmord dachte

Auch Tage nach der Nachricht mag man sie nicht glauben: Chris Cornell ist tot. Der Soundgarden-Sänger starb mit 52 Jahren am 17. Mai 2017 nach einem Konzert in Detroit. Als Todesursache wurde Selbstmord festgestellt, Cornell erhängte sich. Seine Familie ließ ihre Zweifel daran öffentlich werden, dass es sich dabei um vorsätzlichen Selbstmord gehandelt hätte – Cornell nahm Beruhigungsmittel, die er an jenem Abend mutmaßlich falsch dosierte. Kritik am „egoistischem Handeln“ des dreifachen Familienvaters wurde ungeachtet dieser Hintergründe trotzdem laut.

Wir finden, so schwer das ist: Niemand hat das Recht, jemanden wegen seines Suizids zu verurteilen, solange man dessen Motivation nicht kennt. Und dass es gerade beim Suizid depressiver Menschen für gesunde Menschen mitunter nicht emotional oder gar rational nachvollziehbare Gründe gibt, die sie in den Tod trieben, hat nach Cornells Tod ein Twitter-User veranschaulicht. Er zitierte via Reddit David Foster Wallace, der in „Unendlicher Spaß“ wiederum veranschaulichte, dass depressive Menschen Selbstmord meist nicht deshalb „wählten“, weil sie egoistisch seien oder hofften, dass sie danach „erlöst“ seien. Nein, ihnen ginge es vielmehr wie Menschen, die aus einem brennenden Hochhaus springen: Die Angst vor dem Feuer sei mindestens so groß wie die Angst vor dem Sprung, Fall und Aufschlag. Ein anderer Ausweg sei aber ab einem gewissen Punkt nicht mehr in Sicht.

Chris Cornell sprach in der Vergangenheit öfter über Selbstmord. Nicht den eigenen, versteht sich. Journalisten sprachen ihn zum Beispiel auf Kurt Cobain an und fragten ihn, was er über dessen Selbstmord dachte. In einem Interview mit Howard Stern sagte Cornell 2007 etwa: „Wir waren nicht allzu dicke. Freunde von mir starben vorher schon. Es ist trotzdem eine Schande, auch für seine Tochter, für einen selbst und für seine Fans. Es ist eine persönliche Angelegenheit, es war schwer und ich wünschte es wäre nicht passiert. Und ich glaube auch: Hätte Kurt nur sechs Monate länger durchgehalten, wäre er bis vielleicht ein komplett anderer Kerl gewesen.“

Kooperation

In anderen Interviews sprach Cornell offen über seine jahrelange Depression. „Men’s Health“ zum Beispiel sagte er 2007: „Wenn du nur lang genug depressiv bist, kommt es dir fast wie eine Hilfe vor. Du hast mit diesem Geisteszustand deinen Frieden geschlossen, weil du schon so lange in ihm steckst. Es ist eine sehr egoistische Welt.“ Ferner erinnerte Cornell sich, dass es ihm 1999 einmal so schlecht wie nie zuvor ging und er aus diesem Tief nur herauskam, weil er sich vieles eingestand und sein Leben komplett änderte. Dies und die Gründung von Audioslave habe ihm geholfen: „Es kam mir nie vor, als müsste ich unglücklich oder gar depressiv sein, um Songs zu schreiben. Und gerade jetzt, da ich sehr aktiv in meiner Beziehung zu meiner Frau und meinen Babys stecke, rutsche ich in diese Art der Depression ohnehin nicht mehr. In puncto Kreativität habe ich gerade die Zeit meines Lebens und genieße diesen Prozess und all die Inspiration sehr.“

Warum wir all das, trotz obiger Einleitung, nun nacherzählen? Nicht, um direkt oder indirekt mit dem Finger auf Cornell zu zeigen und ihm posthum seine eigenen Worte vorzuhalten. Sondern um noch einmal zu veranschaulichen, wie traurig, tragisch und schockierend sein Tod und dessen Umstände sind. Und um zu unterstreichen, dass es für Betroffene eben nie so einfach und eindeutig ist, wie es für Außenstehende manchmal scheint.

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Wer Suizidgedanken hat, sollte sich an vertraute Menschen wenden. Oft hilft bereits das Sprechen dabei, die Gedanken zumindest vorübergehend auszuräumen. Wer für weitere Hilfsangebote offen ist oder sich um nahestehende Personen sorgt, kann sich – auch anonym – an die Telefonseelsorge wenden: Sie bietet schnelle Hilfe an und vermittelt Ärzte, Beratungsstellen oder Kliniken unter der Nummer 0800/111 01 11.


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