Stilkolumne

Wie ein Berghain-DJ T-Shirts für durchtanzte Nächte mit kryptischen Slogans veredelt

von
Jan Kedves
Jan Kedves

Jetzt, wo es dank der Impfungen mit den langen Ravenächten zumindest kurzfristig wieder losgegangen ist, braucht man auch: neue Ravewear! Lustigerweise unterscheidet sich die neue Ravewear, die man fürs Durchfeiern kaufen kann, kaum von der alten Ravewear aus den Neunzigern: tendenziell baggy und an Work- und Armeekleidung angelehnt, mit durchgeknallten und/oder kryptischen Messages. Allerdings ist die neue Ravewear nicht mehr ganz so schrill-bunt wie die alte und lässt sich noch teurer verkaufen. Man zahlt doch gerne etwas mehr, um beim Feiern ein bisschen seriös auszusehen und nicht allzu albern.

 

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Da ist also 44 Label Group, das Fashionlabel des Berliner DJs Kobosil. Der ist im Berghain groß geworden, wo er gern harten Techno durch die Anlage schreddert. 150 000 Fans hat Max Kobosil auf Instagram, und die wollen auch Shirts und Cargo-Pants kaufen. Schwarz ist die Grundfarbe, das erklärt sich bei seinem Hintergrund von selbst. Kobosil kooperiert mit dem italienischen Fashion-Imperium Antonioli, das in Bezug auf Produktion und Business die Infrastruktur stellt. Das Geschäft ist bestens angelaufen: Die zweite Ladung T-Shirts von 44 Label Group für 145 Euro (!) pro Stück sei im Online-Shop nach nur acht Minuten und zwölf Sekunden ausverkauft gewesen, freute sich Kobosil im Interview mit dem Branchenmagazin „WWD“.

„Jede dunkle Nacht hat ein helles Ende“

Die 44 im Namen kommt von der Zahl des alten Postzustellbezirks Nord-Neukölln, wo Kobosil aufgewachsen ist, und ja, eine gewisse Kiezhärte vermitteln auch die Slogans, die er auf seine Mode druckt: „Jede dunkle Nacht hat ein helles Ende“, „Ordnung Zerfall Chaos“ – da spricht die Romantik des unbedingten Willens zur feiernden Selbstzerstörung, oder: Die Slogans sind Verbalisierungen des konsequenten Kobosil-Rums, der Beton rieseln lässt.

Solche Joint-Ventures zwischen DJs und Fashion-Konzernen glücken bei Weitem nicht immer. Was wurde eigentlich aus dem Label Kirin, das Peggy Gou vor zwei Jahren mit der italienischen New Guards Group launchte? Diese Party scheint vorbei zu sein, auf Instagram wurde der letzte Kirin-Post Ende Februar abgesetzt, der Rest hängt seitdem im Sale.

 

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In den Neunzigern kam die Ravewear von echten Ravekids, die von Mode keine Ahnung hatten und ihre eigenen kleinen oder mittelständischen Betriebe im Trial-and-Error-Verfahren hochzogen (Sabotage, Velvet Monkees, Daniel Poole usw.). Heute picken sich alteingesessene Fashion-Konzerne prominente DJs heraus, die Reichweite in den sozialen Medien haben, und bieten ihnen Unterstützung an. So gesehen unterscheidet sich die neue Ravewear doch ziemlich von der alten. Und etwas teurer ist sie auch.

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 12/2021.


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