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Wir haben Morrisseys fragwürdiges „SPIEGEL“-Interview für Euch beurteilt

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Was ist Morrissey denn nun? Ein Verschwörungstheoretiker, ein verwirrter alter Mann oder einer, der „endlich mal Klartext“ spricht? Das würde man ja gerne mal genauer wissen, bloß: So viel Morrissey auch zu sagen hat, so wenig redet er darüber. Das haben auch wir erfahren, als wir ein Interview anlässlich seines neuen Albums LOW IN HIGH SCHOOL anfragten. Als er im Oktober in Berlin war und ein Konzert gab, sollte es stattfinden, dann wieder nicht, vielleicht aber doch. Am Ende kriegten wir den Mann, der zum Beispiel wegen seiner Ansichten zu Brexit, UKIP und so weiter als Person so umstritten ist wie seine Musik geschätzt, nicht.

Die Kollegen von SPIEGEL Online hatten mehr Glück. Journalistin Juliane Liebert traf Steven Patrick Morrissey, ebenfalls nach einigem Hin und Her, in seiner Wahlheimat Los Angeles. In diesem Gespräch erklärte der Brite unter anderem, warum er mit der Presse aus seiner Heimat so ungerne spricht: „Sie reden gern mit mir, aber dann drucken sie ein Interview, in dem sie eben nicht schreiben, was ich gesagt habe. Das ist falsch, denn es ist meine moralische Sicht, nicht ihre. Provokation ist ein zu starkes Wort, aber ich bin für Klartext.“

Er fühlt sich also falsch zitiert und bewertet. Absurderweise ist es nun eines dieser wenigen und mutmaßlich mit Bedacht gegebenen Interviews, das hohe Wellen schlägt und dessen Rezeption Morrissey missfallen könnte – oder eben gerade nicht: Weltweit berichten Medien vom deutschen „Rolling Stone“ über „Stereogum“ bis „Perez Hilton“ über Morrisseys Aussagen gegenüber SPIEGEL Online. Angeblich hat er unter anderem Harvey Weinstein und Kevin Spacey verteidigt und Berlin wegen Angela Merkels Flüchtlingspolitik als „Vergewaltigungshauptstadt“ bezeichnet. Weil die Lektüre des Interviews aber (gut investierte) 39 Cent kostet und einerseits viele Menschen, die sich nun aufregen, Morrisseys Zitate nicht aus dem Zusammenhang kennen und andererseits viele andere Menschen befinden, der Mann sage doch viel Richtiges, berichten wir an dieser Stelle auszugweise selbst, welche Thesen Morrissey darin angeblich oder tatsächlich vertritt und wie wir das einordnen. Fest steht jedenfalls: Verwirrt scheint Steven Patrick Morrissey nicht zu sein, er glaubt, so scheint es, tief und fest an die Richtigkeit von allem, was er sagt.

1. Morrissey unterstützt den Brexit

Nein und ja.

Das Interview beginnt vergleichsweise milde. Morrissey korrigiert die öffentliche Wahrnehmung: Nein, er sei keineswegs Pro-Brexit. Er feiere lediglich die Tatsache, dass dessen Existenz ein Ergebnis von Demokratie sei, das britische Volk habe hier anders entschieden als es Medien und Regierung ihm einreden wollten. Für ein paar Sekunden glaubt man als Leser, dass er da womöglich einen Punkt habe. Aber das hieße ja auch, dass die knapp 13 Prozent, die die AfD bei der letzten und nach Scheitern der Jamaika-Sondierungen womöglich nichtigen Bundestagswahl 2017, einen Sieg für die Demokratie darstellten. Und das möchte man einer rechtspopulistischen und deshalb naturgemäß demokratiefeindlichen Partei nun wirklich nicht nachsagen.

2. Morrissey würde Donald Trump töten, wenn er könnte

Auch hier: Entgegen seines Hangs zu Populismus ist Morrissey kein Fan von Donald Trump. Im Gegenteil: Der US-Präsident ist „kein Anführer, er ist ein Ungeziefer“. Die US-Medien hätten ihm durch ihre dauernde Berichterstattung erst zum Amt verholfen, Morrissey hat nicht nur kein Vertrauen in die Medien, sondern auch keines in die politische Elite mehr. Wenn es einen Knopf gäbe, auf den man nur drücken müsse und Donald Trump fiele tot um, ja, Morrissey würde ihn drücken, „im Interesse der Menschheit“. Man könnte Morrissey nun für seinen theoretischen Einsatz danken. Leider bleibt ein Mord aber ein Mord, egal an wem.

3. Morrissey verteidigt Kevin Spacey und Harvey Weinstein

Jein. Körperliche Gewalt und Übergriffe lehnt er eindeutig ab: „Vergewaltigung ist ekelhaft, jeder physische Angriff ist abstoßend“. Was folgt, ist aber eine besonders perfide Form des Victim Blaming: Der damals 14-jährige Anthony Rapp, der mutmaßlich von Spacey belästigt wurde, was hat der überhaupt alleine mit einem erwachsenen Mann im Schlafzimmer gemacht, wo waren dessen Eltern? Er, Morrissey, habe immer schon gewusst, was in solchen Situationen passieren kann! Und die Frauen, die sich über Harvey Weinstein geäußert haben: Alle nur frustriert, weil ihre Karrieren trotzdem nicht durch die Decke gingen! Andernfalls hätten sie bis heute nichts gesagt, und auch hier: Warum, fragt Morrissey, begibt man sich überhaupt in die Nähe solcher Männer, wenn man doch weiß, was für Schweine das sind? Morrisseys Zwischenfazit in der „Me Too“-Debatte: Mann dürfe leider keiner Frau mehr sagen, dass man sie mag, schon hätte man eine Klage am Hals.

4. Sex mit Minderjährigen findet Morrissey okay

… solange es einvernehmlich geschieht. Auf die Frage der Journalistin, ob es okay ist, dass David Bowie etwa seinerzeit eine 15-Jährige entjungfert habe, antwortet Morrissey lakonisch: „Das war früher üblich.“ Nachfrage: Bei ihm auch? Nein, niemals, betont der, der noch nie öffentlich über Sex und seine Sexualität sprach.

5. Morrissey hat noch nie in seinem Leben gewählt

Ja, richtig gelesen: Der Mann, den man seit Jahren als, nun ja, politisch einordnen würde, betont gleich zwei Mal, dass er noch nie an die Wahlurne getreten sei und einer bestimmten Partei seine Stimme gegeben habe. Zur Erinnerung: Wir reden hier vom selben Mann, der Margaret Thatcher einst den Tod durch die Guillotine wünschte, der sich im vergangenen Jahr als Bürgermeisterkandidat für die Tierschutzpartei in London aufstellen ließ, der sich auf seinem neuen Album „einigermaßen unfallfrei durch den Themenkomplex Mittlerer Osten/Islam/Fundamentalismus“ singt  – und der den Brexit als großen Erfolg der Demokratie wertet, siehe Punkt 1.

6. Berlin ist die Vergewaltigungshauptstadt

„Ja, ja! Wegen der offenen Grenzen!“

7. Einwanderung zerstört die Kultur

Morrissey will, dass Deutschland deutsch ist, Frankreich französisch und so weiter. Alle europäischen Länder hätten viele Jahre für ihre Identität gekämpft, und jetzt „werfen sie sie einfach weg“. Nein, es solle nicht jeder bleiben, wo er ist, aber wer die Identität seines Landes nicht beschütze, habe keinen Respekt verdient.

An dieser Stelle, mit einem Wink gen Holocaust-Opfern, endet das eigentlich ausführliche Gespräch halbwegs abrupt. Man möchte gerne die Uncut-Version lesen, falls es denn eine gibt, und bleibt vor der Frage stehen, wie sehr Künstler und ihr Werk voneinander zu betrachten sein können. Lest das komplette Morrissey-Interview, in dem es auch im Tierrechte, die BDS-Bewegung und am Rande sogar um seine Musik geht, hier.

The Smiths: Wie die wichtigste Band der 80er zerbrach

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