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Zum Welt-Autismus-Tag: Über fehlende Repräsentation und Schauspieler*innen, die zeigen, dass es auch anders geht

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Die Recherche zu diesem Text war ziemlich ernüchternd. Filme mit Charakteren, die sich auf dem autistischen Spektrum bewegen, zu finden, ist überhaupt kein Problem. Viel schwieriger gestaltet es sich jedoch, Filme oder Serien ausfindig zu machen, in denen tatsächlich autistische Menschen mitspielen. Auf diese Art von Inklusion scheint Hollywood nach wie vor wenig zu geben.

Offenbar reicht es, sich ihre Geschichten anzueignen und so öffentlichkeitswirksam „awareness” zu schaffen, wie es so schön heißt. Aber dass Repräsentation so nur bedingt funktioniert, darüber muss sich ein alter weißer Studioboss ja auch keine Gedanken machen. Zum heutigen Welt-Autismus-Tag werfen wir einen genaueren Blick auf die Problematik und verweisen auf positive Beispiele.

Kritik in falscher Darstellung nimmt zu

Völlig zu Recht stoßen Filme und Serien mit autistisch gezeichneten Charakteren, die jedoch von nicht-autistischen Schauspieler*innen verkörpert werden, besonders in jüngster Zeit immer wieder auf deutliche Kritik. So auch „Music”, das Regiedebüt von Popstar Sia, das sich um ein junges Mädchen auf dem Spektrum dreht. Die Haupdarstellerin Maddie Ziegler ist dabei nicht nur nicht autistisch, ihre Rolle ist darüber hinaus respektlos, karikativ und klischeehaft geschrieben worden.

Eine Petition, die deshalb die Rücknahme der Golden-Globe-Nominierungen für „Music” forderte, hat bisher mehr als 150.000 Unterschriften erzielt. Einen Globe hat „Music” allerdings letztlich nicht bekommen, dafür jedoch gleich vier Nominierungen für die Goldene Himbeere – unter anderem für die schlechteste Regie und als schlechtester Film.

Der Trailer zu „Music“:

Dass es besser geht, ohne den Autismus der jeweiligen Schauspieler*innen auszuschlachten, zeigen andere Filme und Schauspieler*innen.

Daryl Hannah – Badass als Androidin und kaltblütige Killerin

Daryl Hannah wurde 1960 im US-Bundesstaat Illinois geboren. Als kleines Mädchen litt sie unter Schlafstörungen, war emotional isoliert und hatte in der Schule Probleme mitzuhalten. Ärzte diagnostizierten bei Hannah Autismus und empfahlen ihren Eltern, sie in eine Anstalt einweisen zu lassen. Doch davon wollte ihre Mutter nichts hören, schnappte sich Hannah und zog mit ihr nach Jamaika – immer in der Hoffnung, dass der Tapetenwechsel ihrer Tochter guttun würde. Und das tat er offenbar. Letztlich landete Darly Hannah nämlich an der University of Southern California, wo sie Ballett und Schauspiel studierte.

Heute ist Daryl Hannah vor allem für ihre Rollen in zwei (oder drei, je nach Zählweise) Meilensteinen der Filmgeschichte bekannt. So schlüpfte sie in Ridley Scotts visionärem „Blade Runner” in die Rolle der Replikantin Pris. 21 Jahre später sorgte sie als kaltblütige Killerin Elle Driver in Quentin Tarantinos Zweiteiler „Kill Bill” für Furore.

Anthony Hopkins – Vom Kannibalen bis in den Wilden Westen

Anthony Hopkins hat das Asperger-Syndrom, eine Variante des Autismus, die sich vor allem dadurch auszeichnet, dass sie im Regelfall nicht mit einer beeinträchtigten Sprachentwicklung oder Intelligenzminderung einhergeht. Vor gut vier Jahren offenbarte er seine Diagnose praktisch im Nebensatz eines Interviews: „Nun, bei mir wurde Asperger diagnostiziert, aber ich bin hochfunktional. Viele Menschen mit Asperger-Syndrom sind hochfunktional, aber inkonsistent. Sie haben nervöse Ticks, nervöse Angewohnheiten, inkonsistent-zwanghaftes Denken.” Von sich selbst sagt Hopkins, er könne nie Ruhe finden und neige zum Multi-Tasking. „Erst beschließe ich, nicht zu malen. Und dann verbringe ich die nächsten 24 Stunden damit, zu malen.”

Seine mittlerweile 30 Jahre alte Performance als Dr. Hannibal Lecter, ein brillianter Psychologe und außerdem Kannibale, in „Das Schweigen der Lämmer” begeistert Filmfans bis heute. In der HBO-Serie „Westworld” spielt Hopkins das Mastermind hinter der titelgebenden Welt und wurde besonders für sein zurückhaltend-nuanciertes Spiel gelobt.

Dan Aykroyd – Mit Asperger zum Kultfilm

Auf gewisse Weise gibt es den Kultfilm „Ghostbusters“ nur, weil der Drehbuchautor und Regisseur Dan Aykroyd das Asperger-Syndrom hat. Das behauptet der 68-Jährige jedenfalls. Die Diagnose sei Anfang der 1980er-Jahre gestellt worden. Aykroyd muss also bereits um die 30 Jahre alt gewesen sein. „Eines meiner Symptome war meine Besessenheit mit Geistern und Strafverfolgung. Ich trage zum Beispiel eine Polizeimarke mit mir herum. Ich wurde besessen von Hans Holzer, dem größten Geisterjäger aller Zeiten“, sagte er einst im Interview mit der „Daily Mail“.

Und daraus sei auch die Idee zu „Ghostbusters“ entstanden. Aykroyd schrieb den Film und schlüpfte auch in die Rolle des Dr. Raymond Stantz. Legendär bleibt auch sein Auftritt an der Seite von John Belushi in „Blues Brothers“.

Dass hier nur drei Namen stehen, ist gleich aus mehreren Perspektiven ein Problem. Zunächst ist es ein Zeichen dafür, wie wenige Menschen auf dem autistischen Spektrum überhaupt größere Rollen bekommen. Gleichzeitig scheint es kein Klima zu geben, in dem Betroffene offen über ihre Beeinträchtigung sprechen können. Anthony Hopkins etwa erwähnte erst 2017, nach Jahrzehnten im Business, dass er das Asperger-Syndrom hat. Doch wie kann Repräsentation geschaffen, eine Karriere im Film als erreichbares Ziel für Menschen auf dem Autismus-Spektrum erscheinen, wenn es keine Idole in der Öffentlichkeit gibt?

Buena Vista International
Universal Pictures
Sony Pictures Home Entertainment

Ein „körperlich schmerzhafter“ Dreh: Bill Murray über die Arbeit am neuen „Ghostbusters“-Film
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