Jubiläumsreview

10 Jahre „THE SUBURBS“ von Arcade Fire: Immer noch Nostalgie & Aufbruchsstimmung

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Was schreibt man über ein Album, das bereits zu seiner Entstehungszeit so retrospektivisch angelehnt war, dass eine Verortung in der Gegenwart unmöglich schien? Wer heute THE SUBURBS hört, denkt nicht unbedingt an das Jahr 2010, als Arcade Fire ihr drittes Album veröffentlichen. Stattdessen gerät man in einen Erinnerungsstrudel und taumelt durch seine eigenes Früher – spürt wieder die Aufbruchsstimmung und die gleichzeitig aufkeimende Angst vor dem Kommenden, Sorge um die Möglichkeiten oder die mögliche Perspektivlosigkeit. Genau dieses nicht weiter definierbare Raum-Zeit-Kontinuum, in das man von dieser Platte getragen wird, macht aus THE SUBURBS ein Meisterwerk.

Arcade Fire kamen zur Ruhe und schufen aus dieser heraus ihr immer noch höchst relevantes Werk

Arcade Fire

Als Arcade Fire an ihrer dritten Platte arbeiteten, war die Gruppe um die Geschwister Will und Win Butler und dessen (heutige) Ehefrau Régine Chassange bereits an dem vorteilhaftesten Punkt einer Musikkarriere angekommen: Gleichsam hoch gelobt von Feuilletonist*innen und international bekannt, wandelte das Sextett aus Montreal dennoch auf Gleisen abseits des Mainstreams. Dieser Moment kurz vor der ultimativen Kommerzialisierung hält nie lange an – doch Arcade Fire nutzten ihn, um zur Ruhe zu kommen und ihre Kreativität fließen zu lassen. Ein Jahr lang schrieben sie unermüdlich an einem Album, dass ihr Momentum werden sollte.

THE SUBURBS erschien am 02. August 2010, knapp drei Jahre nach der opulenten aber nicht ganz so hochgelobten Platte NEON BIBLE wie ihr Debütalbum FUNERAL aus dem Jahr 2004. Die Kritiken zu dem neuen Werk waren überragend. Pitchfork gab der Platte eine unglaubliche 8,6 Sterne-Bewertung, der NME verlieh sogar 9 von 10 Sternen. Doch was genau war es, das THE SUBURBS von Arcade Fires vorheriger Diskographie abhob? Dafür bedarf es einen Blick in die jüngere Vergangenheit; zurück zu dem Entstehungszeitpunkt der Platte. Das Jahr 2010 stand an der Schwelle zu einem hochdigitalisierten Jahrzehnt, geprägt von Social Media, dem Smartphone und „Fake News“. Das alles war im Jahr 2010 zwar schon am Horizont zu erkennen, doch nach wie vor mehr futuristische Voraussage als Realität. Bei all dem Chaos, der Schnelllebigkeit und postmodernem Wandel wählten Arcade Fire den Weg zurück, um nach vorne zu blicken.

„Can you understand / That I want a daughter while I’m still young? / I wanna hold her hand and show her some beauty / Before all this damage is done“ singt Win Butler auf dem gleichnamigen Titeltrack des Albums und fängt damit all die Gefühle ein, die jeden Menschen bei dem Übergang zu einer neuen Lebensphase einholen: Verlustangst des bisher Erlebten, Furcht vor negativen Auswirkungen der Veränderung. Was, wenn das Leben von hier an bergab geht? Die Ambivalenz zwischen wilder (jugendlicher) Freude vor einem Aufbruch und der Sorge, dass damit die vielleicht schönste Zeit schon vorbei sein könnte, gibt THE SUBURBS seinen Rahmen.


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So folgt auf das Titelstück direkt das animierende „Ready To Start“ – ein Aufruf an alle in festgefahrenen Verhältnissen lebenden Menschen, den Schritt heraus zu wagen. Dies wird mit dem darauffolgenden Track „Modern Man“ jedoch wieder gebrochen, in dem der fremdgesteuerte und persönlichkeitslose „moderne Mann“ in uns allen als verwurzelt erkannt wird. THE SUBURBS liegt musikalisch zwischen den pompös aufbereiteten Arrangements von NEON BIBLE und den rohen Alternative-Kompositionen von FUNERAL – und doch ganz woanders. Arcade Fire geben sich auf ihrem dritten Album mehr Zeit, um zum Ziel zu kommen. Der instrumentale Loop von „The Suburbs“ zeichnet die Vorstadt-Langeweile nach, die sanften und minimalistischen Klänge von „Rococo“ werden später durch eine gewaltige Klangdichte ersetzt, die an ihre frühere Hymne „Neighborhood #1 (Tunnels)“ erinnert.

Win Butler singt auf diesem Album von dem Wunsch, der Eintönigkeit der Vorstadt zu entfliehen und der gleichzeitigen Sehnsucht nach ebendieser in einer Welt voller Komplexität. Zwar ist im Sinne eines Konzeptalbums immer der Weg das Ziel, doch der wahre Höhepunkt von THE SUBURBS liegt in dem Zusammenspiel der beiden Stücke „Sprawl I (Flatland)“ und „Sprawl II (Mountains Beyond Mountains)“ zum Ende der Platte: Während der erste Teil ein düsteres Bild der Entfremdung zeichnet, zieht der zweite Teil eine Schneise in die Hoffnungslosigkeit. Unterlegt mit ekstatischen Synthie-Beats singt Régine Chassange „These days, my life, I feel it has no purpose / But late at night, the feelings swim to the surface“ und lässt die pubertäre Aufregung wiederaufleben, die der Übergang ins Erwachsenenleben mit sich bringt. Das Ende von THE SUBURBS suggeriert: Die Zukunft wartet nur auf dich – komm und hol sie dir.


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