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Kommentar

Warum man auch Aviciis Musik respektieren muss

Selbst als ach so aufgeschlossener Musikhörer jenseits der 30 fällt es einem leicht, die seit Jahren unausweichliche Musik von Avicii nicht zu mögen: Seine EDM-Tracks klangen stets nach dem, was sie waren – nach auf größtmöglichen Charts- und Verkaufserfolg hin angelegte Hochglanzproduktionen, die sich am Baukastenprinzip der Trends bedienten.

Man macht es sich aber zu einfach, das Werk des mit nur 28 Jahren verstorbenen DJs und Produzenten als Hedonismus- und Hirnabschaltungssoundtrack abzutun. Schaut man sich nur fünf Minuten genauer an, wem Aviciis Songs was bedeutet haben, steht fest: Tim Bergling, so Aviciis bürgerlicher Name, lieferte auch den Kindheits- und Jugendsoundtrack der Generation U25.

Über beziehungsweise unter das Video zu Aviciis Folkdance-Antikriegs-Fanfare „Hey Brother“ auf YouTube aus dem Jahr 2013 schrieb ein Nutzer:

Kooperation

„I have just discovered on internet that Avicii died… Now I’m crying… This song was my childhood song… I used to listen it with my friend, Alex. We treated each other like brothers. Unfortunately, he died in a car accident… When I heard that, I immediately started crying. It was the saddest moment of my life. After I stopped crying I putted my headphones on and listened this song, and I remember all the beautiful moments with my friend.“

Ein anderer kommentierte:

„I’m gonna cry because this song really had me in my feelings, and I’m great full for this song, Rest In Peace legend ❤️“

Danach:

„I’ve never seen you before, but I grew up on your music …#ByeBrother 😣😭❤️“

Und:

„You changed my childhood, thank you for everything you did! R.I.P. Avicii 😢😢😢.“

Oder unter dem Video zu seinem Aloe-Blacc-Akustik-Bumper „Wake Me Up“:

„I remember drawing your logo on the walls of my classroom…those will probably stay on in the form of my support for you.“

Und so weiter und so fort: Jedes von Aviciis Videos wurde hundertmillionenfach angesehen und entsprechend oft kommentiert – vor und nach seinem Tod.

Avicii musste stets funktionieren – so wie seine Musik es tut

Woher also die Missgunst? Gönnen kulturelle Besserwisser etwa niemandem den Erfolg? Ist Musik automatisch scheiße, nur weil sie oft verkauft wird oder einen bestimmten Zweck verfolgt?

Nein. Neben Verständnisproblemen wegen des eigenen Alters – fast jede Generation kann oder will die Musik der nächsten nicht mehr verstehen – ist es wohl vielmehr die Verbindung mit dem Umfeld, in dem sie gespielt wird: Tracks von Avicii wurden und werden in der Regel nicht in der Kulturkritik oder im Indie-Plattenladen abgefeiert – sondern in Großraumdiskotheken, Shopping Malls, mit Privatradioplaylists, auf Beachpartys und Rummelplätzen. Wer Teil des einen Sujets ist, will mit dem anderen nichts zu tun haben, Musik verstärkt das: So sehr wie Songs verbinden, funktionieren sie oftmals auch als Abgrenzungstool. „Mein Geschmack ist besser als deiner“ – so war das schon immer, so wird es immer sein.

Dass Avicii wie seine Musik trotzdem stets funktionieren musste, brachte ihn womöglich um. Die Todesursache von Avicii ist nicht öffentlich bekannt. Journalist Jens Balzer zum Beispiel aber schildert das in seiner Kolumne auf Radio Eins so: „Über ein exzessives Leben reden wir hier nicht, jedenfalls nicht in dem überkommenen Sinn von “Sex, Drugs & Rock’n’Roll”. Wir reden im Gegenteil über jemanden, der sich ganz einem extremen Leistungs- und Erfolgsdiktat unterworfen hatte und Alkohol trank, um den Druck zu kompensieren.“

Und da wir zuvor von Klischees und Vorurteilen sprachen: Einen Hehl aus seiner Technik machte Avicii übrigens nicht. Seine „Live-Sets“ waren allesamt vorprogrammiert, er war, wie so viele so erfolgreiche DJs dieser Tage, im Grunde nur ein Animateur, der ein paar Knöpfchen drückte und dazu die Arme hob. Aber einer der besten und für die Millionen Fans, die jährlich auf EDM-Festivals pilgerten und pilgern, wichtigsten von ihnen.


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