Kritik

„Chilling Adventures of Sabrina“ (Teil 4) bei Netflix: Kopfloser Hokuspokus

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Sabrina Spellman (Kiernan Shipka) bereitet sich auf den letzten Kampf vor. Nachdem sie ihren Freund Nicholas (Gavin Leatherwood) aus den Fängen des Teufels befreien konnte und eine Zeitschleife Sabrina Morgenstern erschuf, stehen die Zeichen wieder auf Sturm. Zeit zum Durchatmen bleibt der umtriebigen Hexe somit nicht. Das beschworene Monstrum von Father Blackwood (Richard Coyle) ist entfesselt: Die Eldritch Terrors suchen Greendale heim und verkünden (erneut) den Untergang von Zeit und Raum. Eine Gefahr, die Sabrina nicht allein beseitigen kann und auf die Hilfe ihres zweiten Ichs, die Königin der Hölle, angewiesen ist. Nur leider ist das Finale, was uns hier präsentiert wird, höchstens für eingefleischte Fans ein aushaltbarer Hokuspokus.

Das große Problem des Finales: Keine Idee wird weggeworfen

Liebhaber*innen von „Chilling Adventures of Sabrina“ müssen stark sein: Mit den neu veröffentlichten acht Episoden begräbt Netflix seine moderne Mysterie-Serie auf dem Friedhof der Eigenproduktionen. Das Ende ist nah und das kreative Team um Serienschöpfer Robert Aguirre-Sacasa hat sich für den finalen Staffelteil einiges vorgenommen. Zeit-Paradoxon, Hexenzirkel, Liebesbeziehungen und der ewige Kampf zwischen Himmel und Hölle sind nur der Anfang des enormen Ideenpools, der in den letzten Folgen noch einmal radikal ausgeschöpft wird.

Es braucht keine hellseherischen Fähigkeiten, um früh zu erkennen: Dieser Zauber verpufft schnell. Hier herrscht Masse statt Klasse, die die Magie der Show unter sich begräbt. Das Motto, dass kein Einfall in den Papierkorb, sondern direkt in die verbleibenden Drehbücher wandert, scheint die abschließenden Episoden zu bestimmen. Das hinterlässt kaum mehr als orientierungslose Schockstarre. Dass „Chilling Adventures of Sabrina“ eher überraschend abgesetzt wurde, ist durchgehend spürbar. Anscheinend hatte man noch viel vor mit der Serie, bevor bekannt wurde, dass der Streamingdienst den Stecker zieht.

Sabrina bekommt doch eh alles gebacken, oder?

Schluss mit lustig: Das sehnsüchtig erwartete Crossover mit „Riverdale“, das im ursprünglichen Archie-Comics-Universum direkt neben Greendale liegt, wird somit für immer ein unerfüllter Traum bleiben. Sabrina Spellman dürfte dies im Hinblick ihrer übervollen To-Do-Liste nur recht sein. Voller Tatendrang und mit unerschöpflicher Power nimmt sie die Zügel in die Hand und lässt sich von keinem Prinzen der Dunkelheit oder Höllenwesen aufhalten.

Ihrer Aufmerksamkeit entgeht nichts – und manchmal wurde in der Figurenzeichnung einfach zu dick aufgetragen. Alles will sie wissen, hat auf jedes Problem eine Lösung und opfert sich heroisch für ihre Mitmenschen. Als Sabrina Morgenstern zum Beispiel aus dem Spiegel in die Gegenwart fällt und mit letzter Kraft irgendetwas über die große Leere murmelt, weiß die „gute“ Sabrina sofort, was Sache ist: Zweiter Kosmos ist vernichtet, die Welt ist in Gefahr, ein dunkler Helfer muss her. Was für ein Glück für alle! Das ist natürlich löblich – aber auch auf Dauer öde. Als Zuschauer*in beginnt man mit Miranda Otto als stets leicht genervte Tante Zelda zu fühlen.

Dieser Charakterdarstellung ist es auch geschuldet, dass Höllenfürsten und die schauerlichen Eldritch Terrors, die auf den Horrorpionier und Autoren H.P. Lovecraft zurückgehen, zwar optisch interessant sind – ein wirkliches Bangen um Sabrinas Wohlbefinden (in welcher Welt oder Sphäre auch immer) findet jedoch nie statt. Irgendwie gelingt es der Hexe ja sowieso, ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Die Spannungsschraube, die in den finalen Episoden nach allen Regeln angezogen wird, klemmt gewaltig.

Kein Schluss mit Knall, sondern mit viel gähnender Leere

Der Endgegner, der Sabrina alles abverlangt, lässt sich schon fast als metaphorischer Überbau für das rasche Produktionsende betrachten. In der Abschlussfolge klopft die mächtige Leere an die Spiegelpforte, um jedes Leben einfach aufzusaugen und verschwinden zu lassen. Das unbequeme Gefühl, dass alle Handlungsstränge fix zu Ende gebracht und auf einer versöhnlichen Note enden müssen, stellt sich unweigerlich ein.

Fan-Service für treuer Zuschauer*innen also, um sich von „Chilling Adventures of Sabrina“ zu verabschieden. Der Cameo-Auftritt von Caroline Rhea und Beth Broderick, die in der 90er-Version als Tanten Hilda und Zelda spielten, krönt die Huldigung der Serie. Etwas mehr Zeit und Luft hätten dem rasanten Höllentrip besser getan, anstatt sämtliches kreatives Pulver inmitten des lodernden Infernos zu verschießen.

Der vierte Teil von „Chilling Adventures of Sabrina“ ist am 31. Dezember 2020 bei Netflix gestartet.

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