Popkolumne, Folge 57

Corona vs. Konzerte, Superbusen, Lil Peep, sag‘ alles ab: Volkmanns Popwoche im Überblick

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QUARANTÄNE-LOGBUCH: KALENDERWOCHE 11/2020

Was soll man aktuell denn noch sagen? Außer vielleicht: Herzlichen willkommen in einer Phase starken kollektiven Erlebens. Gemeinhin fahren ja alle so ihren eigenen Film, dieser Tage ist das Thema allerdings genormt: Virus. Veranstaltungen werden abgesagt, frühe Festivals haben ganz schlechte Karten und die, die später dran sind, verkaufen trotzdem erstmal keine Tickets. Ökonomisch stehen gerade Bühnenkünstler, Veranstalter und alle, die am Thema Event dranhängen, vor einem ganz schweren Jahr. Die Situation gerade mag bestenfalls irgendwie aufregend und dramatisch erscheinen, aber vor allen Dingen ist sie eins: totale Scheiße.

DOKU DER WOCHE: LIL PEEP

Die neue Netflix-Doku „Everybody‘s Everything“ wirft in bedrückend geschmeidiger Instagram-Ästhetik mehr als ein Schlaglicht auf das Leben und Sterben des Gustav Elijah Åhr.
Lil Peep war der Kurt Cobain einer neuen Generation, der Jesus der Düster-Trap-Szene. Die Geschichte von seinem Aufstieg (ausverkaufte Welttour ohne Release) bis zum Fall ist dabei auch die einer Turbo-Öffentlichkeit. Sie kann heute einen Rockstar-Lifestyle im medialen Zeitraffer produzieren. Neben Interviews wird hier viel mit sehr unmittelbaren Social-Media-Filmchen collagiert, was dem Portrait eine zeitgeist-ästhetische Kraft gibt. Die Karriere des 2017 mit 21 Jahren verstorbenen Lil Peep brannte nur anderthalb Jahre. Wer das gigantische Nerd-Phänomen mit globalem Boost nicht mitgeschnitten hat, dem sei die Doku zum Nachspüren empfohlen.

Everybody’s Everything Official Trailer (2019) | Lil Peep Documentary | In Theaters Nov 2019 auf YouTube ansehen

 

BUCH DER WOCHE: „SUPERBUSEN“

Mit Paula Irmschler teile ich mir diese Kolumne. Eine Woche sie, eine Woche ich – bis ans Ende aller Tage (also nach heutigen Schätzungen bis circa Mitte April).

Durch diese Verbindung erhielt ich bereits während der Textproduktion Einblicke in ihren Debüt-Roman. Anfänglich kolportierte die rüstige Dresdnerin neben des Titels (sehr gut!), dass sich die Story um eine Frauenband auf Tour durch Deutschland drehen würde. Der Plot erinnerte mich „Rocken & Hosen“ (dtv, 2003) von Claudia Kaiser. Dort begleitete man deren reale Band (Die Moulinettes) durch die Lande – und daraus ergaben sich interessante Einblicke in Pop und Patriarchat. Der nun erschienene „Superbusen“ wurde allerdings weit mehr als eine Kolportage durch Backstage-Parabeln und Rockstar-Romantik. Mit Verlaub, wenn das hier nicht sogar der aktuelle deutsche Gegenwartsroman geworden ist, dann doch mindestens ein Generationsroman.

Paula Irmschler ist jetzt um die 30, ihr Buch präsentiert eine nostalgische Ich-Erzählerin, die durch ihr altes Studi-Leben in Chemnitz geistert und dabei eher sehnsuchtsvoll denn ironisch ganz viele Pop-Insignien des Bravo- und Yam-erprobten Millenials betrachtet. Britney, Oli.P, No Angels, Oasis: Es wird kein cooler Kanon gesponnen sondern – und das ist die Stärke des Buchs gemeinhin – es geht um persönliche Wahrhaftigkeit.

Nichts soll schöner, nichts schlechter sein. Die Lebenswelt der Protagonistin, die irgendwann tatsächlich die Band aus der Ursprungsidee gründet, spielt sich aber nicht im Jahre 2000, sondern im Hier und Jetzt ab. Neben dem Millenial-Coming-Of-Age erlebt man daher auch das Chemnitz, das Sachsen der Gegenwart. Nazis, Vorurteile, Liebenswürdigkeiten, die Menschen – alles existiert gleichzeitig und wird nicht in prototypische Kulissen gepackt, sondern einfach beschrieben.

„Wenn Du etwas nicht ändern kannst, dann musst Du es wenigstens genau beschreiben.“ An diesen Fassbinder-Satz musste ich oft denken bei diesem Buch – und an Stuckrad-Barres „Solo-Album“, diesem Nukleus eines deutschen Pop-Romans. Als Beispiel dafür hier eine Szene aus „Superbusen“, die sich mit WGs beschäftigt (was ja auch eins der unterhaltsamsten Topoi in Stuckrad-Barres „Solo-Album“ darstellte):

„Gekochte Nudeln stehen quasi immer im Topf auf dem Herd, und man weiß nicht mehr, von wann und von wem die sind. … Jemand hat wieder keine Milch gekauft. Milch ist die Währung in Wohngemeinschaften. Vergleich: Zigaretten im Knast“.

Okay, da ich den Platz längst gesprengt habe, schließe ich. „Superbusen“ ist das Buch des Jahres. Lektüre, die einen die Quarantäne vergehen lässt wie nix.

Dieses Foto ist sicher im Sinne der Autorin

MINI-INTERVIEW DER WOCHE: GREGOR MCEWAN

Der bärtige Mann, sein Hund und seine Kunst sind mir schon länger ein Begriff, mittlerweile kenne ich ihn sogar von der Arbeit. Vor allem aber teilen wir eine Liebe zu 90er-Emo-Bands. Jetzt rührt mich der neue Song von Gregor McEwans wieder so sehr, muss den Typen einfach mal vorstellen, sonst platze ich:

Du hast gerade ein neues Stück veröffentlicht. Ist „₲ΛLΛX¥“ Vorbote für ein neues Album oder steht es für sich? Was kannst du uns schon verraten, was kommt auf uns zu?

GREGOR MCEWAN: Ich zitiere Yoda, also „den echten“, nicht das Baby: „… Schwer zu sagen, in ständiger Bewegung die Zukunft ist…“

„Galaxy”, ich lasse mal all die Sonderzeichen weg, ich habe meine Zeit ja nicht gestohlen, Gregor, also „Galaxy“ hat nicht nur durch den Clip was von einem Bond-Song. Wenn du für einen 007-Film die Musik hättest machen können, welcher wäre es gewesen?

Hmm… vielleicht „Die Another Day“? Denn dazu hätte ich ganz bestimmt den besseren Song hinbekommen! Madonna benutzt da im Übrigen den Autotune, den sie beim ESC vergessen haben anzuwerfen. Am liebsten wäre mir aber „Casino Royale“. Der kam seinerzeit unglaublich frisch und neu daher – wenn auch mit etwas zu viel Fokus auf Daniel Craigs blaue Augen.

Gregor, im „echten“ Leben bist du Booker. Kannst du uns in diesem verkürzten Format schildern, was aus deiner Sicht das größte Problem jetzt für Bands mit einer geplanten Tour ist?

Wahrscheinlich die Sorge, ob die Tour überhaupt stattfinden wird. Dabei ist es doch im Regionalexpress zur Arbeit so manches Mal voller als beim Indie-Konzert um die Ecke. Ich hoffe einfach, dass wir bei aller gebotenen Vorsicht und Umsicht auch mal wieder „locker durch die Hose atmen“. Aber wenn Spahnferkel erklärt, dass es doch leichter sei auf ein Konzert zu verzichten, als auf den Weg zur Arbeit, dann deckt Corona wieder auf: Für Kunst und Kultur fehlt einfach jegliches Verständnis. Die Aussage ist: Das, was du da machst, ist keine Arbeit und auf dich kann die Gesellschaft verzichten!

Gregor McEwan – ₲ΛLΛX¥ (Official Video) auf YouTube ansehen

 

PODCAST DER WOCHE: CORONA-UPDATE

Auch wenn noch längst nicht jeder Haltegriff und jeder 5-Euro-Schein kontaminiert ist, eines ist sicher: Social Media hat Corona bereits im Endstadium. Die ganze Zeit aggressive Halbwahrheiten und Stuss an den Kopf geschmissen kriegen, wen zieht das bitte nicht runter?

Wunsch: Sich der Hysterie entziehen, aber dennoch die nötigen Informationen erhalten. Dafür bietet der NDR aktuell einen täglichen Podcast an. Der Leiter der Virologie an der Charité in Berlin erklärt unaufgeregt die Updates der Lage in einem Interview-Podcast. Professor Christian Drosten findet einen sprachlichen und emotionalen Ausgleich, um das herrschende Kommunikationsdefizit in dem ganzen Laien-Gebrüll zumindest ein bisschen abzufangen. Auch auf YouTube:

Coronavirus-Update #11: Wir müssen jetzt gezielt handeln | NDR auf YouTube ansehen

 

ALBUM DER WOCHE: BONSAI KITTEN

Diese Berliner Band hatte ich bis jetzt nie kapiert. Eine „Rockröhre“ macht unironischen Gitarrenkram mit Punk-Einschlag? Mir wurde allein bei der Zuschreibung „Rockröhre“ immer schon schlecht. Doch dieses Jahr eine Epiphanie: Bonsai Kitten sind nichts anderes als eine weibliche Version von Bands wie The Darkness und Steel Panther, nur dass die Band um Sängerin Tiger Lilly Marleen klassischen Hardrock von Acts wie Warlock, Lee Aaron oder Pat Benatar channelt. Mit diesem Zuweg ergibt „Love And Let Die“ für mich plötzlich nicht nur Sinn, sondern macht auch Spaß. Wer aktuelle Musik suspekt findet oder einfach Billie Eilish leer gehört hat: Hier ist eine unterhaltsame Geschichtsstunde. Eine Platte, als würde einem Doro Pesch ihre Telefonnummer zustecken.

BONSAI KITTEN – LIMIT TO YOUR LOVE (Official Video) auf YouTube ansehen

MEME DER WOCHE

GUILTY ODER PLEASURE (90s-Edition / Pt. 1)

FOLGE EINS:
MR. ED JUMPS THE GUN

Der verhasste Klassiker, dieser hysterische Reinzieher in die Kolumne, macht (mindestens) Pause. Neues Format, neues Glück. Ich freu mich. Es geht hier nun um Guilty oder Pleasure. Die Sache ist ganz einfach: Eine verhaltensauffällige Band aus dem Trash-Kanon der 90er wird noch mal abgecheckt. Geil or fail? Das Urteil liegt bei Euch. Abstimmung dazu demnächst hoffentlich auch auf Social Media. Stay tuned. Hier kommt die Pilot-Folge.

Mr. Ed Jumps The Gun

HERKUNFT: Berlin
DISKOGRAPHIE: 3 Alben
ERFOLGE: Platz 20 in den deutschen Charts für die Single „Wild Thang“
TRIVIA: Der Bandname geht zurück auf eine amerikanische Comedyserie aus den 60ern, die sich um ein sprechendes Pferd dreht.

PRO: Eine VIVA-taugliche Feelgood-Band, die Crossover-Zeitgeist für den hiesigen BWL-Studenten ins Deutsche übersetzte. Bekannte Rockschlager der 60er und 70er versetzen die unbeschwerten Vögel mit Raps, die sich deutlich am Duktus der Beastie Boys orientieren. Lustige Kult-Videos, ein netter Spaß.

CONTRA: Eine unsägliche Bande von virilen Drecks-Muckern, die aus kaputtgeschissenen Klassikern noch mal eine besonders hässliche „Zeitgeist“-Travestie rauspressen. Ob „Smoke On The Water“ oder „Wild Thing“, nichts ist zu abgedroschen, als dass es diese kurzen Hosen nicht noch mal mit saudummem Rap-Rock unterlegen könnten. Sexistische Drecks-Videos, eine absolute Zumutung.

STIMMT UNTER DIESEM FACEBOOK-POST AB, WIR ZÄHLEN DANN HÄNDISCH NACH: MR. ED JUMPS THE GUN – GEIL OR FAIL?

https://www.facebook.com/MusikexpressMagazin/posts/2878569708855770

Mr Ed Jumps The Gun – Don’t HaHa auf YouTube ansehen

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.


Offener Brief an Bushido / Schwanz ab: Linus Volkmanns Popwoche im Überblick
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