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David Bowie: Das Geschäft mit der Unsterblichkeit

Keine vier Jahre sind vergangen, seit David Bowies Asche auf Bali verstreut wurde. Weit über 40 Tonträger der Jahrhundert-Figur sind seither erschienen. Wir liefern einen Überblick, diskutieren Sinn und Unsinn, Chancen und Risiken von posthumem Pop sowie die Frage: Hätte Bowie selbst das so gewollt?

I Can’t Give Everything Away

„Hallo Bob“, spricht David Bowie im Frühjahr 1969 hörbar nervös in eine hörbar minderwertige Revox-Bandmaschine. „Carmen hat uns gesagt, dass du wahrscheinlich ein Demotape unserer aktuellen Nummern möchtest. Das hier ist ein sehr schlechtes Aufnahmegerät und ein ebensolches Mikrofon. Aber wir machen das Beste aus dem Material, das wir haben. Manches davon wurde als ‚Single-Material‘ bezeichnet, aber das musst du entscheiden… das erste Stück heißt jedenfalls ‚Space Oddity‘.“ Bob ist Bob Reno, damals Bowies Chef bei dessen US-Plattenfirma Mercury. Begleitet an Gitarre und Mundharmonika wurde Bowie von seinem Kumpel John „Hutch“ Hutchinson, mit dem er schon im Folk-Trio Feathers gespielt hatte. Aufnahmeort ist Bowies damalige Wohnung im Londoner Clareville Grove. Die Demos sollten im November 1969 zu Bowies zweitem Album, DAVID BOWIE – 1972 in SPACE ODDITY umbenannt –, führen.

 „Space Oddity“ mal vier

Zum 50. Jubiläum des bahnbrechenden Titelstücks erscheinen 2019 gleich vier offizielle Tonträger: Den Auftakt machte im April SPYING THROUGH A KEYHOLE, ein Boxset mit vier 7-Inch-Singles voller Demos von 1968, inklusive früher Fassungen von „Space Oddity“. Im Monat darauf folgten die CLAREVILLE GROVE DEMOS, ein Boxset aus drei 7-Inch-Singles voller Demos von 1969 und einer weiteren rohen Version von „Space Oddity“. Ebenfalls im Mai erschien ‚THE MERCURY DEMOS‘, dessen Intro hier eingangs zitiert wurde – noch ein Mitschnitt einer Demo-Session von 1969, selbstredend wieder mit „Space Oddity“. Letztgenannte Platte erscheint nun dieser Tage erneut, diesmal im Rahmen von CONVERSATION PIECE, einer 5-CD-Box voller Demos von 1969, randvoll mit Takes von, genau: „Space Oddity“.

Angesichts dieser diffusen Veröffentlichungspolitik mag man vermuten: Ach, da will jetzt einfach jeder eine Scheibe vom Geburtstagskuchen abhaben, das erscheint alles bestimmt semi-offiziell auf lauter verschiedenen Mini-Bootleg-Labels. Doch dem ist nicht so. Das kommt alles aus einer Hand. Die Rechte an Bowies Backkatalog liegen seit 2013 zum allergrößten Teil beim Majorlabel Warner und das hat sich für diesen Exzess entschieden. Da kann einem schon mal der Kopf schwirren. Und wenn er damit aufgehört hat, mag sich in ihm die Frage auftun: Hätte Bowie das so gewollt? Die Antwort ist: (womöglich) Ja. Denn Bowie hat nur selten etwas dem Zufall überlassen.

Die magische Zahl Fünf

„No Plan“ hieß seine erste posthume EP, aber der Name ist nicht Programm, ein anderer schon: „Five Years“. Natürlich muss David Bowies letzter Langzeitplan fünf Jahre umfassen. Die Fünf ist eine magische Zahl im gleichermaßen kontrollierten wie kreativen Kosmos Bowies. 1971, so will es die Legende, war ihm sein zwei Jahre zuvor verstorbener Vater im Traum erschienen und warnte ihn davor, jemals wieder ein Flugzeug zu betreten. Außerdem hätte er nur noch fünf Jahre zu leben. Den ersten Teil nahm Bowie sich zu Herzen – zeitlebens litt der Vielflieger unter Flugangst. Der zweite Teil hatte sich nicht bewahrheitet, Bowie durfte noch 45 Jahre leben und zu einer der prägendsten kulturellen Gestalten des 20. Jahrhunderts werden.



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