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Portrait

Maurice Summen: Der Agitator ist müde

Dr. Kröte wohnt seit 15 Jahren in Granada. Lange hat er dort als Party-DJ gearbeitet, mittlerweile ist er in der Hanfbranche tätig. „Kiffer­growbedarf“, sagt Maurice Summen, „er verkauft Bestrahlungslichter für Pflanzen und so was.“

Maurice Summen
Bandproben sind sein zweiter Vorname: Maurice Summen

Mitte der 90er-Jahre spielten er und der Amphibien-Akademiker zusammen in der Münsterländer Funk-Band Crack Attack, und es ist typisch Summen, dass er immer noch genau weiß, was sein Sänger von dunnemals heute macht.

Und auch oder gerade weil es sehr unrealistisch klingt, könnte es sehr gut sein, dass Dr. Kröte nach all den Jahren noch einmal zu einem Gastauftritt in einem Summen-Projekt auftauchen wird. Rück­bezüge, Querverbindungen, überraschendes Aus-der-Torte-Springen, so etwas passiert dauernd beim Staatsakt-Labelgründer, Die-Türen-Sänger und Universal-Hans-Dampfomat.

Kooperation

Eine große Familienbande

Gerade hat er unter dem Namen Maurice & Die Familie Summen das Album BMERICA veröffentlicht, und unterbeschäftigte Hobby-Infografiker können sich gerne gleich mal auf den Hosenboden setzen und ein großformatiges Querschnitts- und Beziehungsgeflechtsdiagramm aller Beteiligten malen.

Auf der ersten Single, der Steckerzieh-Hymne „Zeit zurück“, rappt Kryptik Joe von Deichkind, zu den Summenschen Wahlverwandtschaften gehören auch Jérôme Bugnon und Tobi Cordes von Seeed, Bonaparte-Schlagzeuger Moritz Baumgärtner, Kante- und Sport-Mann Felix Müller, und natürlich die alten Weggefährten Michael Mühlhaus und Ramin Bijan von den Türen.

Ein extrem elastischer, großzügig erweiterter Familienbegriff. Würde natürlich auch eine schöne Animation abgeben: Summen als sonderbares, immer ganz schön geladenes physikalisches Teilchen mit so großer Anziehungskraft, dass dauernd ganz viele andere Teilchen in einer höchst dynamischen Wolke um ihn herumkreiseln.

Menschen wie Fixpunkte

Irgendwo mittendrin im personalintensiven Summen-Gesumms: Menschen wie Fixpunkte, die ihn schon seit seiner Jugend in Stadtlohn, Kreis Borken, begleiten. Ramin Bijan, zum Beispiel. „Wir sind 200 Meter voneinander entfernt groß geworden, und er hatte schon zu Abizeiten eine eigene Wohnung“, sagt Summen. „Das war damals tierisch hot.“

Natürlich spielte Bijan auch Gitarre bei Crack Attack. Ein Münsterländer Freundesrelikt ist auch Gunther Osburg, für den Maurice Summen vor zwei Jahren ein eigenes Bandprojekt zimmerte, um wieder zusammen Musik machen zu können: Osburg, Türen-Mitglied und Staatsakt-Mitgründer, musste aus privaten Gründen aus der Band aussteigen, was er zwei Jahre schmerzlich bereute.

„Bei einem Die-Heiter­keit-Konzert im Berliner „Monarch“ hat er Ramin und mir sein Herz ausgeschüttet, und weil seinen Türenplatz inzwischen Andreas Spechtl von Ja, Panik eingenommen hatte und wir den nun nicht einfach wieder rauskomplimentieren wollten, haben wir uns den ganzen Der-Mann-Kram ausgedacht, um wieder was mit dem Gunther zu machen.“

Irgendwo zwischen Rachut-Wahnsinn und Foyer-des-Arts-Humor

Eben genauso wie damals, als sie 16 waren und zusammen bei Novotny TV spielten, „der geilsten Punkband im Münsterland“, „irgendwo zwischen Rachut-Wahnsinn und Foyer-des-Arts-Humor“, mit einem Bankkaufmann als Sänger, der in seinen üblichen Bankkaufmann-Klamotten auftrat, im C&A-Elendsanzug auf der Bühne.

Auch schon wieder typisch Summen: Die Nebenfiguren in seinen Geschichten sind oft schräger und schillernder als Hauptfiguren anderswo. Sie treten auf, gehen wieder, ploppen vielleicht noch mal zurück ins Geschehen.

Nach der Schule zogen Gunther und Ramin nach Münster, Maurice war oft dort und lernte da auch Carsten „Erobique“ Meyer kennen (der, man ahnt es schon, auch mal ganz kurz Keyboarder bei Crack Attack war). Fast wären alle dann zusammen in Köln gelandet, wo Gunther eigentlich den Job von Peter Licht  (der später bei Staatsakt veröffentlichen würde) übernehmen wollte, der dort in einer Werbeagentur jobbte.

Dann trudelten sie zur Jahrtausendwende doch einer nach dem anderen in Berlin ein. Summen hatte gerade – überraschend – sein unerwartet anstrengendes Studium der Bibliothekswissenschaft geschmissen, und Gunther hatte diese WG in der Schönhauser Allee aufgetrieben, die seit Anfang der Neunziger von exilierten Münsterländern immer wieder an neu-zugezogene Münsterländer weitergereicht wurde. „Sie war natürlich in unfassbar schlechtem Zustand, das war aber egal. Ich zahlte 75 Euro in die Mietkasse, dazu den Künstlerkassen-Mindestsatz – für 100 Euro war man sozialversichert und hatte eine Wohnung.“

Als Ramin schließlich nachzog, gründeten sie sofort Die Türen. Wie angenehm, dass man nicht erst umständlich durch das seichte Wasser des Kennenlernens und Gegenseitig-Abklopfens waten musste – man kannte sich ja schon! Ein halbes Jahr später war das erste Album fertig, furiose Auftritte in Berlin weckten das Interesse einiger Labels – also nichts dran an der Legende, Die Türen hätten kurz entschlossen ihre eigene Plattenfirma aus dem Boden gestampft, weil sie nirgendwo sonst unterkamen.

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